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Ach mein Schaerbeek

Nach jedem Anschlag zum muslimischen Barbier - so bekämpft Martin Leidenfrost seine Ressentiments

  • Von Nach jedem Anschlag zum muslimischen Barbier – so bekämpft Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Dienstag letzter Woche schlug der Terror in Brüssel ein, am Donnerstag fuhr ich hin. Ich hatte die Stadt liebgewonnen, als ich eine Kolumne über die Hauptstadt der EU schrieb, hatte sie liebgewonnen für ihren schäbigen Balkanflair und ihre französische Grandezza. Es folgt daher keine Analyse über Rückzugsräume für Islamisten, über einen dysfunktionalen Staat und unnachahmlich nette Polizisten. Dass Brüssel bedroht ist wie kein anderer Ort in der EU, das wussten wir alle. Ich wollte der Stadt in diesem Moment nur nahe sein. Das ist alles.

Ich wählte das Viertel Schaerbeek. Es war ein Eckhaus in der Max-Roos-Straße, in dem die Terroristen die Bomben gebaut hatten. Ich fuhr am späten Abend in Brüssel ein. Dünner Regen, Blumen an der Metrostation Maelbeek, aber freie Fahrt. Es war nicht der krasseste Kiez, den ich am Donnerstag um Mitternacht betrat. Zwei Arbeiter spritzten mit Schläuchen unter die Straßenbahngleise. Die Müllabfuhr wurde erwartet, die zweisprachig beschrifteten Standard-Müllsäcke lagen gefüllt auf den Gehsteigen. Vor den meisten Häusern war weiterer Abfall dazugestellt, vor Ostern lag da schon ein aufwändig aus Karton gebasteltes Osterhuhn. Vor dem Eckhaus, von dem die Terroristen zum Flughafen gefahren waren, lagen fünf vorbildlich geordnete Müllsäcke. Sonst nichts und niemand.

Das Brüssel der Ureinwohner war abgetaucht. Am nahen türkischen Imbiss und im maghrebinischen Teehaus waren die Rollläden heruntergelassen, drinnen diskutierten junge Männer. Ich spazierte zur Aerschot-Straße hinunter, zur Schaufenster-Prostitution in Schaerbeek. Schon als ich 2009 der Herkunft vieler Prostituierter aus dem bulgarischen Sliven nachgegangen war, waren viele Sexkunden hier Orientalen gewesen. Nun fehlten Ur-Belgier und Touristen ganz. Die Interessenten, wie immer in Gruppen, feixten aus ihren Autos heraus, wie immer albern oder verächtlich.

Auf dem nächtlichen Rückweg zum Hotel sah ich quadratisch hüpfendes Blaulicht in einer Gasse, und eine Besoffene pinkelte hinter ein Auto. Sie entschuldigte sich, lief mir nach und bot sich für die Nacht an. »Belgien ist verschissen«, sagte die geborene Algerierin. »Wer ist schuld?«, fragte ich. »Leider die Muslime. Gehen Sie weg von hier, das ist erst der Anfang.«

Am Karfreitag gegen Mittag ging ich wieder zum Eckhaus in die Max Roos. Die Kiezjungs, die dem sozialen Profil der Terroristen am ähnlichsten waren, gingen die erschienenen Journalisten am aggressivsten an: »Haut ab!« Fünf Häuser weiter die Moschee »Ahle Allah«, Maghrebiner in bodenlangen Gewändern strebten zum Freitagsgebet. Ich wunderte mich, dass nicht einmal das Team von Russlands »Erstem Kanal« die Muslime filmte, hatte ich doch die schaurigsten Ghettobilder aus dem Stadtteil Molenbeek im russischen RTR gesehen. Der Moskauer Kameramann gab zu, dass er um seine Kamera fürchtete. Seine Reporterin erzählte mir auf Russisch, was der spanische Bewohner des Eckhauses, der kein Französisch konnte, gerade einem spanischen Sender erzählt hatte: »Dem Spanier fiel nur auf, dass die Terroristen immer so laut lachten.«

Vor dem Eckhaus gab der spanische Nachbar weiter Interviews auf Spanisch. Ein alter belgischer Kameramann filmte die allesamt überklebten Namensschildchen auf den Klingeln. Dann blickte er das fünfstöckige Haus hoch. Es wirkte ausgeräumt. »Das ist bizarr, hier soll jemand wohnen?« Im Erdgeschoss arbeiteten junge farbige Bauarbeiter, einer verhüllte sein Gesicht mit einem Schal. Ein junger Nachbar im Trainingsanzug rief die Polizei, um die Medien zu vertreiben. Er schrie die Kameramänner auf Französisch an, das Team aus Irakisch-Kurdistan auf Arabisch. Den spanischen Nachbarn giftete er an: »Dich zeige ich auch an, du hast sie ins Haus gelassen. Und lern endlich Französisch, wir sind in Belgien!« Die nette Schaerbeeker Polizei versuchte zu schlichten.

Ich ging zum Friseur schräg gegenüber. Dort wurde ausschließlich Arabisch gesprochen, und ich bekämpfe ja auch meine Ressentiments, indem ich mich nach jedem Anschlag bei Muslimen unters Barbiermesser lege. Draußen fuhren Bekannte des Chefs vorbei, hupten und winkten. Ein Gespräch mit meinem Friseur verbat sich, er bebte aus irgendeinem Grund vor Zorn, riss an meinen Haaren. Friseure pflegen das Grau an meinen Schläfen wegzuschneiden, jener Araber am Karfreitag ging genau gegenteilig vor. Ich verließ Schaerbeek als ein alter Mann.

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