Frauen bestatten anders

Überkommene Traditionen verlieren an Bedeutung bei Trauerfeiern

  • Von Charlotte Schmitz
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Der Tod ist eines der letzten Tabuthemen der Gesellschaft. Doch in gleichem Maße, wie überkommene Traditionen an Verbindlichkeit verlieren, steigt das Bedürfnis nach einem anderen Umgang mit dem Tod. Bestatterinnen wagen sich an Alternativen zur herkömmlichen Trauerfeier. »Warum müssen Särge immer braun sein, warum tragen Bestatter immer schwarz?«, fragte sich Claudia Marschner, nachdem sie einige Jahre als Angestellte bei einem Beerdigungsunternehmer gearbeitet hatte. 1992 gründete sie ihr eigenes Unternehmen. Sie wollte vieles anders machen, aber nicht schrill wirken. Dafür verzichtete sie bewusst auf »stockkonservative Kunden« und sprach gezielt eine junge Klientel an. Heute führt sie ein helles und farbiges Geschäft. »Passanten bleiben stehen und betrachten die bemalten Wände.« In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Branche gewandelt, sagt Marschner. Ein ökologischer Grassarg schocke heute niemanden mehr.
Claudia Marschner steht nicht allein mit ihrem modernen Angebot in Sachen Bestattung. Kerstin Gernig vom »Kuratorium Deutsche Bestattungskultur« sieht einen »radikalen Wandel« der Branche. Die jüngere Generation sei offen für »Feng-Shui-Prinzipien bei der Raumgestaltung« und betreibe eine offensivere Öffentlichkeitsarbeit. Die Einführung einer Ausbildung für Bestatter führte zu einer Professionalisierung der Branche. Traditionell sind Bestattungsunternehmen aus Schreinereien oder Fuhrwerksunternehmen heraus entstanden. Meist arbeitete die ganze Familie mit. Deshalb sei Bestatter »weder ein klassischer Männer- noch ein klassischer Frauenberuf«, erklärt Kerstin Gernig.
Die Branche ist im Umbruch. Es gibt harte Konkurrenz durch Billigbestatter. »Diese Entwicklung spiegelt eine Entsorgungsmentalität«, beklagt Gernig. Umfragen zeigten, dass es vor allem in Großstädten vielen Leuten gleichgültig sei, wie sie bestattet würden. »Discount, Konkurrenz der Krematorien, Gewinnstreben der Friedhöfe«, nennt auch Rudolf Knoche vom »Berufsverband der Trauerrednerinnen und Trauerredner« als Beleg für eine sich verschärfende Wettbewerbssituation. In diesem Umfeld behaupten sich Frauen mit Ideen für individuell gestaltete Bestattungen.
Als Ajana Holz einen Todesfall in ihrer eigenen Familie zu betrauern hatte, stieß ihr Ansinnen, die Verstorbene vom Krankenhaus nach Hause zu einer Aufbahrung zu bringen, auf Befremden. Ebenso der Wunsch, den Sarg bei der Bestattung selbst zu tragen. Da merkte die Erzieherin, dass es einen Bedarf gibt für alternative Bestattungen. Holz hatte sich immer gewünscht, Hebamme zu werden, hatte aber nie einen Ausbildungsplatz für diesen Beruf bekommen. Frauen mit medizinischem Wissen hätten in der Vergangenheit nicht nur als Hebammen gearbeitet, sondern auch Verstorbene versorgt, stellt Holz überrascht fest. So kam sie zu ihrem neuen Beruf. Sie mietete ein Sarglager und ein Büro an, kaufte einen Bestattungswagen. Doch ihr Geld reichte nicht für einen traditionellen schwarzen Kombi, deshalb baute sie einen dunkelroten VW-Bus um. Seither ist der Bus das Markenzeichen der »Barke« aus Schwäbisch-Hall. Ajana Holz fährt mit dem roten Bus durch ganz Deutschland. Als »mobiles Unternehmen« bietet sie ihre Dienste bundesweit an. Sie wirbt mit »Bestattung in Frauenhänden«. Besondere Wünsche setzt sie gerne um: »Als Bestatterin kann ich gegenüber einer Friedhofsverwaltung viel entschiedener auftreten als ein Angehöriger, der gerade in tiefer Trauer ist.« Besonders am Herzen liegt Holz die Bestattung von Frauen und Kindern, auch von zu früh oder tot geborenen. Doch selbstverständlich bietet sie ihre Dienste auch bei der Versorgung männlicher Verstorbener an.
Die Nachfrage nach einer weiblichen Bestatterin ist vielfältig: »Von der strenggläubigen Katholikin, die sich zu Lebzeiten niemals nackt einem fremden Mann zeigte, über den Dorfkrämer bis hin zu religionslosen Menschen reicht das Spektrum.« Ajana Holz spielt dabei ihre eigenen Überzeugungen nicht in den Vordergrund. »Meine eigene Ansicht spielt keine Rolle, ich bin für Angehörige aller Religionen offen.« Der Wandel des Berufswunsches von der Hebamme zur Bestatterin ist nur auf den ersten Blick befremdlich. Die Berliner Bestatterin Claudia Marschner sagt, ihr Beruf »berge Heilsames«. Sie richte ihr Augenmerk nicht auf die Verstorbenen, sondern auf die Hinterbliebenen. Bei einem Trauerfall kümmern sich Trauernde nicht mehr darum, die Fassade aufrecht zu erhalten. Sie leben ihre Gefühle aus.

Informationen im Internet:
www.die-barke.de/

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