Palast

Eine Erzählung von Dirk Werner

  • Von Dirk Werner
  • Lesedauer: ca. 6.5 Min.

Anfang der achtziger Jahre las Jandl in Ostberlin. Ihn zu hören, war ein ganz anderes Erlebnis, als seine Gedichte zu lesen. Des Österreichers Antlitz und seinen feinen Vortrag, das Lachen des Publikums habe ich gemeinsam mit dem Bild des Palastes abgespeichert. Dort im »Theater im Palast« erlebte ich den Lyriker. Auch Inszenierungen von Theaterstücken und später, im Foyer, auch Zupfgeigenhansl. Dass ich einmal nahe dem Palast Arbeit finden würde, wusste ich damals noch nicht. Das kam, als ich im Sommer 1986 einen Antrag auf Ausreise aus der DDR stellte. Kurz darauf, im Herbst, wurde ich Friedhofsarbeiter beim Berliner Dom. Ich blieb es bis 1989. Oft hielt ich mich im Büro im Dom auf, von wo aus man direkt auf den Palast der Republik sah. Da ich damals angefangen hatte zu fotografieren und Fotomontagen zu erstellen, kam auch er – mit seinen ungewöhnlichen Ausmaßen und seiner gläsernen Außenhaut – als Objekt an die Reihe. Durch das Spiegeln standen Dom und Palast einander gegenüber wie Vergangenheit und Gegenwart – und für mich selbst dennoch wie eins.

Das riesige Gebäude riss sich aus seiner Verbundenheit mit der märkischen Erde. Es stieg steil auf. Oben am Himmel beschrieb es eine Acht, indem es zunächst um den Fernsehturm herum flog - der Palast blieb einen Moment auf Höhe des Turmrestaurants in der Luft stehen - und indem es über der Spree und über den Platz seiner ursprünglichen Verwurzelung noch einen weiteren Kreis zog. Im nächsten Augenblick setzte das Monstrum haargenau wieder auf der Stelle auf, von der es emporgestiegen.

Merkwürdigerweise war ich weder in Versuchung geraten, den Start noch die Landung abzulichten. Beides hatte mich nicht so recht bekümmert, denn ich wartete starrsinnig wie alle Fotografen, die etwas entdecken, darauf, noch einmal zu sehen, was sich mir vorher dargeboten hatte. Und das war die Schmalseite - etwas ganz Bestimmtes an dieser Schmalseite - die mir der Quaderzeppelin nun wieder zuwandte. Ich hielt darauf, stellte mit der Hand scharf, löste ...


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