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Viel Lärm um Vieles

»Der zerbrochne Krug« am Hexenberg-Theater begeistert mit Ideenfülle und Spielfreude

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Überdimensionale Aktenstöße türmen sich bis zur Decke, aus einem himmlischen Off ertönt in zartem Gesang das Dies Irae; noch liegt Richter Adam im Traum. Der Fall, der ihn aus dem zu kurzen Schlaf nach langer, sündenfälliger Nacht reißt, stürzt ihn aus der Höhe seines Schiedsrichterstuhls. Adam (Carsta Zimmermann) strauchelt grandios - wird zum Käfer in Rückenlage, rafft sich humpelnd empor in Chaplinscher Anmut, dem Tag des Zorns entgegen. Es beginnt vielversprechend zwischen traumverzerrter Poesie und Slapstick - wäre da nicht noch der Text zu bewältigen. Lauthals schlägt Schreiber Licht (Andreas Köhler - eher dann komisch, wenn er seine Stimme einem Stück quietschender Kreide leiht) Alarm, man geht dazu über, sich die Seele aus dem Leib zu schreien.

Worum geht’s in Heinrich von Kleists 1808 uraufgeführtem Stück? Ein Krug wurde zerbrochen, nachts in der Kammer der jungen Eve. Die Mutter Marthe zerrt Ruprecht, Eves Bräutigam, vor Gericht, - der aber leugnet’s. Adam muss über die Sache richten, war aber selbst der Täter: Sex im Tausch gegen ein Attest, für Eves Verlobten, der zum Militär muss - wenn auch nur zu rein defensiven Zwecken.

Kleists seltener gespieltes Variant-Ende ist radikaler: Hier ist Adam nicht nur notgeiler Betrüger, sondern viel mehr auch ein Whistleblower: Die sogenannte Landmiliz soll nach Asien, es geht um koloniale Eroberung. Das Lustspiel ist also mehr als ein Bauernschwank: Amtsanmaßung, Missbrauch, Bestechung: Nicht nur im Dorfe Huisum laufen krumme Geschäfte.

Auch die Hexenberg-Fassung greift sinngemäß auf Kleists Variante zurück. Angekündigt wird ein »korruptes Wett-, Wert- und Weltsystem«, in dem Adam nur einer von vielen »korrumpierten Mitläufern« ist. Leider geht dies unter in der Lust am Genre, über das man andererseits hinaus will. So mitreißend der Lokalpatriotismus der Dorfmafia auch ist - wenn wirklich alle unter einer Decke stecken, wo ist noch Platz für skandalöse Entdeckungen?

Auch im Original besteht der Suspense nicht im Who done it?, jedoch um so mehr in Adams existenziellem Ringen um Worte und Verschleierung. Hier sorgt die Anwesenheit des Gerichtsrats Walter für Spannung. Der kommt als Kontrollinstanz zur Revision und bringt und hält den Prozess bei Kleist überhaupt erst in Gang. Vlad Chiriacs Walter tritt stark auf, mit einem Wunderwerk an ausklappbarem Schreibtisch auf Rädern im Gepäck, konfisziert Kasse, Portokasse und Sparschwein - um dann nur zu schnell sang- und klangvoll ebenfalls im Huisumer Sumpf zu versinken. So schrumpft Adams Gegenspieler zur Miniaturwitzfigur auf bunter Spielwiese. Dafür darf er mit Frau Marthe knutschen, (deshalb mundtot und um ihre Rede gebracht: Gabriele Völsch). Wo bleiben die Wortgefechte - dabei ahnt man, wozu diese Marthe Rull fähig wäre, wenn man sie mehr als zwei Sätze hintereinander sprechen ließe - und wo nur steckt Kleist?

Der lang-jährige Hexenkessel-Regisseur Jan Zimmermann, dessen zahlreiche Open-Air-Inszenierungen auf kongeniale Weise Shakespeare zu neuem Sprachformat adaptierten, hält es für nötig, auch den deutschen Klassiker Kleist zu übersetzen. Das liefert zwar tolle Wortschöpfungen wie »Antragsbeschleunigungskollekte«, kürzt und strafft (»Wusch!«), wo es umständlich wird - leider raubt es dem Abend aber die treibende Kraft: Kleists existenzielle Komik liegt in der Abwechslung von Sprachfluss und präzisem Sich-Ins-Wort-Fallen. Im Pfefferbergschen Durcheinander des Frei-Stotterns kommt der Prozess nicht so recht in Gang. Und wo im komplizierten Satzbau Kleists ein atemberaubender Gedankenstrich stünde, findet die Regie Platz für gute Witze, schlechte Witze, Singspiele und einen Werbeblock samt Spoiler-Alarm. Das ist komisch, aber man verliert den Faden. Diesen Inszenierungsfehler allerdings beging einst schon Goethe - und wurde vom Autor prompt zum Duell gefordert.

Carsta Zimmermanns Adam hält die Inszenierung dennoch zusammen, in ihrer Ernsthaftigkeit ist sie komisch, in ihrer Fahrigkeit authentisch, und in den stillen Momenten, in denen Adam das Wasser wirklich bis zum Hals steht, schlichtweg ergreifend - wäre da nicht sofort die Technik zur Hand, die die wenigen Relikte des Kleistschen O-Tons im Sound-Design erschlägt.

Worum ging’s nochmal? - Irgendwas mit einem Krug.

Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg. Nächste Aufführungen: 12.-17.4.; www.hexenberg-theater.de/

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