Werbung

Barrieren der Furcht

Alaa Al-Aswani: »Der Automobilclub von Kairo« führt in die Zeit der britischen Besatzung Ägyptens

  • Von Alfons Huckebrink
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Lebendige Charaktere? Welcher Autor strebte nicht danach. Was aber, wenn sich das Bestreben auf unvorhergesehene Weise personalisiert? So geschieht es dem ägyptischen Schriftsteller Alaa Al-Aswani im Prolog des Romans »Der Automobilclub von Kairo«: Spät abends schellen dessen Protagonisten, Kâmil Gaafar und seine Schwester Sâliha, an der Haustür und beklagen sich darüber, sie seien von ihm hinsichtlich ihrer Gefühle und Gedanken nicht ausreichend bedacht worden. Zur Sicherheit lassen sie ihm ihre Korrekturfassung des Manuskripts auf CD da. Mit dem Lesen dieser Version entfaltet sich das eigentliche Geschehen.

Ein charmanter, aber nicht neuer Kunstgriff, mit dem Al-Aswani die ohnehin prekäre Grenzziehung zwischen Fiktion und Realität weiter verwischt. Die Handlung des Romans vollzieht sich in den späten 1940er Jahren, als Ägypten von britischen Truppen besetzt ist und ausgeplündert wird. Ein Zeitraum, eher selten beleuchtet, der hier großartig inszeniert wird.

Der Automobilclub von Kairo gerät in dem opulent angerichteten Werk zum Mikrokosmos der damaligen ägyptischen Gesellschaft. An seiner Spitze fungiert der kühl arrogante Direktor James Wright, ein Kolonialist reinsten Wassers, mit dem Dünkel rassistischen Ressentiments behaftet, auf delikate Art aber doch dem »Zauber« des Orients, in Gestalt der selbstbewussten Lehrerin Odette, verfallen. Die, insgeheim Kommunistin, gehört einer von breiten Kräften unterstützten Widerstandsgruppe an, die sich der Befreiung des Landes verschrieben hat.

Nächtlicher Stammgast beim Glücksspiel ist der König, »dieser klebrige, fette Mann«, der beim Namen nicht genannt werden muss, aber hinlänglich charakterisiert wird als perverser Lüstling, der sich im Automobilclub die Frauen aussucht.

Das System wird beherrscht von der skrupellosen Gestalt des Nubiers Kô, intimer Vertrauter des Königs. Seine rechte Hand ist Hamîd, der die Züchtigungen an der Dienerschaft vollzieht. Diese springt, rennt und kriecht vor Kô in ständiger Furcht vor Fehlern und Prügeln, die ihr willkürlich und unausweichlich verabreicht werden, bis sich mit der Person des eingeschleusten Abdûn etwas regt. Er »möchte die Barriere der Furcht aufbrechen und den Kollegen zeigen, dass Widerstand gegen den Kô möglich ist.« Dem abgefeimten Despoten, den am Ende sein wohl verdientes Schicksal ereilt, gelingt es zunächst, diesen brutal zu unterdrücken.

Das zweite Zentrum des Romans ist die verarmte Familie Gaafar, die aus Oberägypten zugewandert ist. Vater Abdalasîs muss eine Stellung im Automobilclub annehmen. Als er dort öffentlich geprügelt wird, stirbt er an dieser Schmach. Mahmûd und Kamîl, zwei seiner Söhne, übernehmen seine Arbeit. Kamîl, der nebenbei Jura studiert, gerät bald in Kontakt mit dem nationalen Widerstand, an dessen Spitze ein Cousin des Königs steht. Zudem verliebt er sich in Mitzi, einzige Tochter von Direktor Wright, die ihren Vater hasst, vor allem, nachdem der versucht hat, sie aus egoistischem Kalkül ins Bett des Königs zu lotsen. Kamîls Schwester Sâliha glänzt in Mathematik, wird aber vor dem Schulabschluss in eine Ehe gedrängt, die katastrophal endet.

Das alles ist wohl gewirkt und präzis verwoben zu einer spannungsvollen Textur der Zeitgeschichte. Wohl wegen ihrer »Intervention« beim Autor erhalten die Geschwister eigene Anteile im Buch, wo sie als Ich-Erzähler auftreten. Beide entwickeln sich zu Leitfiguren, die sich auflehnen und persönlich befreien können: Salîha aus der ihr zugedachten traditionellen Geschlechterrolle und im Beharren auf das Recht auf Bildung; Kamîl aus der hilflosen Wut über den Tod seines Vaters zum mutigen Aktivisten des Widerstands. Zwar wird er verhaftet und gefoltert, überlebt aber nicht zuletzt dank Mitzi.

Mehr sei nun wirklich nicht verraten. Es geht um die Würde der Menschen unter entwürdigenden Verhältnissen. Die wird einem nicht geschenkt. Die Barrieren der Furcht sind auch heute nicht einfach zu überwinden. Den Leser erwartet der köstliche Genuss einer historischen und zugleich zeitlosen Geschichte.

Alaa Al-Aswani: Der Automobilclub von Kairo. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. S. Fischer Verlag. 656 S., geb., 24,99 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!