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Der Umstrittene

Vor 125 Jahren wurde der große Komponist Sergej Prokofjew geboren

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Das Wort »umstritten« fällt alle Minute. Auch der Komponist Prokofjew sei umstritten gewesen, politisch wie künstlerisch, heißt es, wenn auch unterschiedlich akzentuiert, in der einschlägigen Literatur. Weil er mit Beginn der Moskauer Prozesse 1936 mit seiner Familie in die UdSSR eingereist ist und dort bis zu seinem Tode 1953 von Erfolg zu Erfolg schritt? Was einem im Westen weithin gefeierten Künstler kaum zuzutrauen sei. Wie ging das? Weil Prokofjew seine Heimat liebte? Weil der gebürtige Ukrainer Patriot war? Weil er unabhängig von seiner Herkunft Musik schrieb für jeden, für die Ukrainer so sehr wie die Letten, die Kirgisen, die Russen, die Sowjetbürger, analog zu Beethovens Konzertsaal der Menschheit für sämtliche Bewohner dieser Welt? Weil er den Krieg hasste und den Sieg über die deutschen Eindringlinge gefeiert und die eigenen Opfer betrauert hat? In Kompositionen von Rang obendrein?

Was ist der Streitwert eines Komponisten gegen die Lebenskräftigkeit seiner Musik? Sergej Prokofjew, so umstritten er sei, ist besser als jene, welche ihn politisch umwerben als den ihrigen. Einmal sei er einer gewesen, der auch als Sowjetbürger schon immer dagegen war. Ein andermal sollte er sinnbildlich zur ästhetischen Hure Stalins gestempelt werden, was heute selbstredend nicht mehr taugt. Heute triumphiert die Entschlackung, die Eingemeindung ins bürgerliche Bett der Kultur. Da darf einer wie er nicht den Kommunisten auf den Leim gegangen sein.

Prokofjews Musik ist jedenfalls mehr denn je lebendig, sie wird geachtet, gebraucht, gespielt. Seine Musik birst vor Elan, ist spielerisch, virtuos, harlekinesk, bisweilen estradenförmig, was nicht unbedingt stört, gewitzt instrumentiert (man achte auf den Gebrauch der Ressource Holz- und Blechbläser), sie ist dramatisch, der Bühne ebenso zugewandt wie den Räumen der Kammermusik und den großen Sälen in der Welt.

In Sonszowka 1891 geboren, schreibt er - kurios - mit fünf einen »Indischen Galopp«. Dramatisches Talent entwickelt der Junge mit zehn. Es entsteht die Oper »Der Riese«. Puschkin regt ihn zu einem weiteren Opernversuch an (»Das Gelage während der Pest«). Die 1. Klaviersonate komponiert der junge Mann 1908, als Schostakowitsch zwei Jahre alt war und später als Frühgenie in Prokofjews Spur geht. 1912 erfolgt die Uraufführung des 1. Klavierkonzerts in Moskau. Ein stupender Start. 1918 verlässt Prokofjew das revolutionäre Russland und reist über Sibirien und Japan in die USA. Dort schließt er Kontakt mit dem Ballett-Innovator Diaghilew und dem »Le Sacre«-Schöpfer Strawinsky. Der alte Strawinsky war nicht fein in seinen Äußerungen. Über Prokofjew 1961: »Er war in Wahrheit erstaunlich naiv in Sachen des musikalischen Satzbaus.« Der Alte kannte einfach zu wenig.

Auf Konzertreisen in Europa begegnet er Meyerhold und Gorki, was nicht ohne Einfluss bleibt. Geringen Erfolg hat seine symbolistische Oper »Der feurige Engel«, umso mehr jene Bartóks »Mandarin«-Musik vergleichbare, avantgardistisch wirkende, als Ballett komponierte »Skytische Suite« für Orchester von 1915, ein in Altkreisen als Skandalon betrachtetes Werk, das bald die Konzertsäle erobern soll. Der Komponist bedient fortan alles, was seinerzeit E-Musik hieß. Mit der »Alexander Newski«-Filmmusik zu Eisensteins Meisterwerk, in dem die teutonischen Hörner klingen, als würde die Wehrmacht schon die ersten sowjetischen Städte auslöschen, schuf er ein Denkmal. Seine federleichte, mozartische »Classical«-Symphonie ist wirklich naiv, aber nicht im abwertenden Sinn, sondern weil sie eine Heiterkeitsübung für Nachwachsende ist. Zu den frühen Opern gehört »Die Liebe zu den drei Orangen«, zu den späteren »Krieg und Frieden«. Nicht zu nennen die zahlreichen Konzertwerke.

Unerhört spannend der Vivo-Satz des Klavierkonzerts Nr. 5. Nicht minder das Scherzo Vivacissimo aus dem Violinkonzert Nr. 1, ein Kabinettstück paganinischer Launigkeit, gepaart mit estradischen Kolorierungen der komischsten Art. Einen Berg verdammtester Arbeit verkörpern die elf Klaviersonaten. Nicht zu vergessen die Sinfonie Nr. 5 B-Dur. Eine alle Hindernisse und perkussiv gezeichneten kriegerischen Einbrüche überwindende Siegessinfonie, uraufgeführt am 13. Januar 1945 im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums. Dirigent: Prokofjew. Zwei Dirigenten vor allem bemühten sich um die Aufführung seiner Orchesterpartituren: der Russe Gennadi Roshdestwenski und der Finne Neeme Järvi.

Darf Prokofjew als einer der Anreger so bekannter russisch-sowjetischer Neutöner wie Denissow, Schnittke, Gubaidulina, Terterjan, Schtschedrin gelten? Deren Stellung zum Altmeister ist unterschiedlich und zumeist ideologiekritisch gefärbt. Des Meisters Stileigenheiten wie seine Kommunikationsfreudigkeit schmeckte den wenigsten. Vernichtend Edison Denissow: »Wenn Prokofjew die sowjetische Musik beeinflusst hat, dann war dieser Einfluss nur negativ.« Ähnliche Urteile pflegten auch Vertreter der DDR-Avantgarde um Schenker, Goldmann, Katzer, Dittrich. Objektiv indes ist Sergej Prokofjew einer ihrer Ahnherren. Wenn nicht stilistisch-technisch, so doch in der Originalität und Ideenfülle seiner Angebote. Am kommenden Sonnabend feiert die Musikwelt den 125. Geburtstag des großen Sergej Prokofjew.

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