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Befremdliche Zeitreise

Am 23. April würde der Palast der Republik 40 Jahre alt werden

Viele hätten lieber den Palast als das Schloss in Mitte. Ein Buch würdigt das Bauwerk auf eine etwas befremdliche Weise.

Zuckerzangen, Espressotassen, Salatschalen, sogar Hummergabeln aus dem Palast der Republik werden im Internet feilgeboten. Für schlappe 30 Euro können Palast-Aficionados sogar eines der begehrtesten Mitbringsel realsozialistischer Tage erwerben - einen originalen Plastebeutel. An allen möglichen Orten trifft man auf Stühle, Lampen und sonstige Einrichtungs- und Dekorationsgegenstände aus dem Prunkbau, dessen Abriss vor zehn Jahren begann. Der Palast fasziniert bis heute nicht nur die, die ihn erlebt haben, sondern auch jene ohne Erinnerung an Bowlingbahn oder Bars und Restaurants.

40 Jahre alt würde der Palast am Freitag werden - wenn es ihn denn noch gäbe. Anlass genug für den Berliner Verlag Bild und Heimat, das Bauwerk in einer »Zeitreise in Bildern« auf 128 Seiten zu würdigen. Obwohl erst kürzlich erschienen, wirkt das Werk über weite Strecken wie ein Reprint einer DDR-Publikation.

Da zitiert Herausgeber Uli Jeschke den damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker - ohne dessen Namen zu nennen - mit den Worten, die er anlässlich der Grundsteinlegung am 2. November 1973 sprach: Der Palast solle ein Haus des Volkes werden, in dem Frohsinn, Geselligkeit und Kultur stattfinden. Er vergisst auch nicht, darauf hinzuweisen, dass es um das Gebäude, das auch die Volkskammer beherbergte, keine Bannmeile gab. Was in einem Staat, der unabhängige Demonstrationen sowieso nicht kannte, auch keine Notwendigkeit darstellte.

Leider ist das Buch inhaltlich sehr dünn, häufig beschleicht einen der Eindruck, dass der Originaltext der damaligen Nachrichtenagentur ADN unredigiert übernommen wurde. Kein Nostalgiker soll verschreckt werden. Über die Bauphase bleibt hängen, dass Pioniersoldaten eingesetzt waren. Und »Erichs Lampenladen« hätten nur jene gesagt, »die sich nicht nur mit dem Palast, sondern mit der ganzen DDR nicht so richtig anfreunden konnten«, belehrt Jeschke.

Die Abbildungen erinnern an die Kunstwerke, beliebten Bälle und Theaterstücke, die zur Eröffnungszeit todschicken, in braun und orange gehaltenen Uniformen der rund 1800 Palastmitarbeiter. Interessant ist auch zu sehen, dass selbst auf offiziellen Bildern früher nicht zwangsläufig gelächelt wurde. Viele der Bilder haben durchaus Charme. Anscheinend mussten die Seiten aber auch irgendwie gefüllt werden, denn gerade der häufig kaum variierte Blick ins Foyer mit seinen vielen Lampen und die immer wiederkehrenden Außenansichten sind leider etwas redundant.

Natürlich wird auch an die großen internationalen Stars erinnert, die den Palast beehrten, so Harry Belafonte. Der damals sensationelle Auftritt des westdeutschen Musikers Udo Lindenberg im Rahmen eines Friedensfestivals 1983 wird allerdings weder in Wort noch Bild erwähnt.

Sehr wenig Platz wird auch dem langen Kampf um den Erhalt des Gebäudes, die Zwischennutzungen und den Abriss gewidmet. Insgesamt ist es ein sehr oberflächliches, zum Teil ärgerliches Werk, das leider auch keinen hohen Maßstab an die Reproduktion der Fotos gelegt hat. Es wäre schön gewesen, wenn sich der Herausgeber die Mühe gemacht hätte, Privatfotos zu suchen, die Besucher bei ihrem Aufenthalt im Palast gemacht haben, die wären ein erfrischender Gegensatz zu der teilweise sehr statischen offiziellen Fotografie gewesen.

Uli Jeschke, Palast der Republik - Eine Zeitreise in Bildern, Verlag Bild und Heimat, 128 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-95958-001-4

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