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Pop Life

Prince ist tot. Der eigenwillige Multiinstrumentalist, Sänger und Produzent war eine singuläre Figur des Pop.

Der Sänger, Musiker und Musikproduzent Prince ist gestorben. Als dandyhafte Singulärfigur und queeres Role Model in einer Zeit, in der im Pop noch immer der Machismo sein Unwesen trieb, tat er viel für seine Unverwechselbarkeit.

Die Rüschenhemden. Der Lockenkopf. Der Glitzerschmuck. Das paisleygemusterte Bolerojäckchen. Das Make-Up. Der rote Geckenhut. Das purpurfarbene Samtjackett. Der Schönheitsfleck auf der Wange. Die Falsettstimme. Immer wieder diese grellen, kaugummipoppigen und kinderzimmertapetenbunten Outfits, die er spazierentrug. Nicht nur als Sänger und Musiker auf der Bühne, auch als dandyhafte Singulärfigur und queeres Role Model in einer Zeit, in der im Pop noch immer der Machismo sein Unwesen trieb, tat Prince viel für seine Unverwechselbarkeit. Was die Gruppe seiner Begleitmusiker anging, die lange unter dem Namen »The Revolution« firmierte, legte er Wert darauf, dass sie sich gleichermaßen aus Frauen und Männern, Schwarzen und Weißen zusammensetzte. Kennt noch irgendwer »A Love Bizarre«, dieses geradezu mörderisch groovende 80er-Jahre-Superfunkstück von Princes Kollegin Sheila E., das die beiden gemeinsam geschrieben und produziert haben? »We all want the stuff that’s found in our wildest dreams / It gets kinda rough in the back of our limousine.«

Als das große Meisterwerk des kauzigen Sängers und Gitarristen gilt bis heute sein 1987 erschienenes Album »Sign o’ the Times«. Mir hingegen ist das 1985 erschienene »Around the world in a day« sein liebstes, auf dem er exzessiv den Psychedelic Pop und die Frühhippies der 60er Jahre zitiert und eines seiner schönsten Stücke, »Pop Life«, versteckt hat: »Life it ain't real funky / Unless it's got that pop /Dig it.«

Wegen seiner unterdurchschnittlichen Körpergröße wurde Prince schon als Kind von Gleichaltrigen ausgelacht. Sein Vater war Jazzmusiker, seine Mutter Jazzsängerin. Seine Kindheit in Minneapolis, Minnesota, verlebte der Jugendliche in einer Zeit, in der die Rassentrennung in den USA noch gewöhnlicher Alltag war.

Der US-amerikanische Blues- und Soulmusiker Johnny Guitar Watson soll einmal gesagt haben, dem späteren Exzentriker Prince auf der Bühne zuzusehen, sei, »als sähe man Sly Stone, James Brown und Jimi Hendrix in einer Person«. Das ist nicht schlecht gesagt, und zugleich sind derart die musikalischen Welten umrissen, zwischen denen Prince Rogers Nelson, so sein bürgerlicher Name, sich bewegte und die er scheinbar so mühelos zusammenbrachte, die er zu etwas ganz Eigenem zu verschmurgeln wusste, zu seiner eigenen, unverkennbaren Crossover-Musik, ein der afroamerikanischen Tradition des Pop entwachsener, stolpernd groovender Mischmasch aus Rock, Hardrock, Soul, R&B, Funk, Psychedelic-, Gospel- und Disco-Versatzstücken.

Der musikalische Kosmos, in den man geworfen wurde, wenn man sich der Musik von Prince zuwandte, veränderte sich stetig, nahm neue musikalische Elemente auf, stieß alte ab.

Die Songwriterin Joni Mitchell, deren Werk wiederum von Prince sehr geschätzt wurde, sagte einmal über ihn: »Wie jeder Künstler ist er ständig getrieben – motiviert durch künstlerische Weiterentwicklung und Experimentierfreude, im Gegensatz zur ständigen Wiederholung einer einmal erfolgreichen Hitformel.«

Und doch klingt das Werk keines anderen Künstlers annähernd so wie das von Prince.

Wobei wir es obendrein mit einem technisch versierten und vielseitigen Multiinstrumentalisten zu tun haben: Der Mann spielte Klavier seit seiner Kindheit, später lernte er die Bedienung von Gitarre und Schlagzeug, irgendwann waren es dann zehn bis 15 Instrumente, die er beherrschte.

»Gitarrensoli, für die sich andere schmerzverzerrt krümmen, spielte er so, als würde er gleichzeitig telefonieren«, heißt es auf dem Boulevard-Nachrichtenportal »Spiegel Online«.

Als Sänger, Komponist, Texter, Musiker, Arrangeur und Produzent seiner Werke war Prince, der androgyne Sonderling und Narzisst, in den 80er Jahren so etwas wie die ruppige und schmutzige Erwachsenenversion von Michael Jackson: Wo dieser sich willig zu einer Art perfektem Pop-Artefakt modellieren ließ, stand Prince in dunklen Proberäumen und Kellern herum und übte an seinen Instrumenten. Wo Jackson sich mühen musste, sich gelegentlich das Image des bösen Buben zuzulegen, gelang Prince dies spielend. Seine Texte handelten nicht selten von Drogenkonsum, vorehelichem und außerehelichem Geschlechtsverkehr, Masturbation, Inzest, sexueller Libertinage und Ekstase und dem Verhältnis des Einzelnen zu Gott. Keine schlechte Mischung insgesamt. Da schäumte der christliche Fundamentalist von nebenan. In der »Berliner Zeitung« heißt es treffend, Prince habe »mit dem Stereotyp schwarzer Hypersexualisierung« gespielt »und zugleich nie eindeutig klargemacht, an wen er seine Verführung genau richtete«.

Warum er sich später ausgerechnet den Zeugen Jehovas angeschlossen hat, die ja nun nicht gerade von sich behaupten können, die glamouröseste und permissivste Aberglaubensgemeinschaft zu sein, bleibt rätselhaft.

Die Geschichte der »Ein-Mann-Kompositionsfabrik« (»Berliner Zeitung«) Prince als Künstler jedenfalls ist stets auch eine von künstlerischer Freiheit und Autonomie und der Versuche der Einengung und Verhinderung dieser Freiheit gewesen. Kaum einer hat über so lange Zeit wie er die Kontrolle behalten über Inhalt, Form und Aussehen des künstlerischen Endprodukts, also des Musikalbums.

Mit der Musikindustrie, genauer gesagt mit seinem Label, lag er im Dauerclinch. Als er 1978, als noch 19-Jähriger, beim Medienkonzern Warner seinen ersten Plattenvertrag unterschrieb, ließ er sich von dem Unternehmen die uneingeschränkte Entscheidungsbefugnis über die von ihm unter dem Namen Prince produzierte Musik zusichern, was sehr schlau war und es ihm lange Zeit ermöglichte, einigermaßen selbstbestimmt zu arbeiten und so einer der zugleich eigenwilligsten und erfolgreichsten Popstars der 80er Jahre zu werden. In den 90er Jahren kam es zu schweren Zerwürfnissen zwischen ihm und dem Unternehmen: Dieses wollte ihm in seine Arbeit und seine Veröffentlichungen hineinreden, wogegen sich Prince wehrte, indem er juristisch gegen Warner vorging, aus dem Vertrag auszusteigen versuchte, sich zeitweise in »TAFKAP« (»The Artist formerly known as Prince«) umbenannte und nach neuen Vertriebswegen für seine Musik Ausschau hielt. Sein langwieriger, zäher Ein-Mann-Krieg gegen die Praktiken und üblen Machenschaften der Musikindustrie (»Pop ist tot«) rang einem Respekt ab für den Mann, der längere Zeit erhebliche finanzielle Verluste in Kauf zu nehmen schien dafür, dass man ihn auf künstlerischem Gebiet gewähren ließ, wie er das wollte.

Schließlich jedoch tourte er Jahre später wieder unter seinem alten Künstlernamen. Im Jahr 2004 wurde er in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen.

Prince ist am Donnerstagmorgen im Alter von 57 Jahren in seinem Haus in Minneapolis verstorben. Die Todesursache steht noch nicht endgültig fest.

Die nächste Ausgabe der Zeitschrift »New Yorker« erscheint mit einem Titelbild, das die Redaktion im Internet bereits vorab veröffentlichte und auf dem nichts zu sehen ist als stilisierte purpurfarbene Tropfen vor purpurfarbenem Hintergrund. »I never meant to cause you any sorrow / I never meant to cause you any pain / I only wanted one time to see you laughing / I only wanted to see you laughing in the purple rain.« Die Verse finden sich auf dem bis heute erfolgreichsten Album von Prince, »Purple Rain« (1984). Das Muster auf dem Titelbild des »New Yorker« könnte auch das Muster eines Kleidungsstücks von Prince sein.

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