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Die verschiedenen Leben der Lee Miller

Eine Ausstellung ihrer Fotografien im Martin-Gropius-Bau

Ein surrealistisches Bild: Am 1. Mai 1945 sitzt die Fotografin Lee Miller in Hitlers Badewanne und seift sich ab, davor die mit dem Aschenstaub Dachaus bedeckten Stiefel. Zu sehen ist dieses Bild derzeit im Berliner Gropius-Bau.

»Eine Surrealistin, die ein Kristallisationspunkt ihrer Zeit war«, nannte Andy Grundberg in der »New York Times« die 1977 gestorbene amerikanische Fotografin Lee Miller. Sie war zugleich Fotomodell, Assistentin und Geliebte des Foto- und Objektkünstlers Man Ray, entwickelte mit ihm die Solarisation, die eine der Standardtechniken surrealistischer Fotografie wurde, und avancierte zur Starfotografin der englischen Zeitschrift »Vogue«. In New York eröffnete sie ein eigenes Fotostudio, heiratete aber bald darauf einen reichen ägyptischen Geschäftsmann, zog mit ihm nach Kairo und erkundete die ägyptische Wüste. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie Frontberichterstatterin der US-Army, drang bis in das von Hitlerdeutschland besetzte Südosteuropa vor und schloss ihre zweite Ehe mit dem Surrealisten Roland Penrose. Ihr Haus, die Farley Farm im südenglischen Sussex, wurde zum Treffpunkt der internationalen künstlerischen Avantgarde, und im Alter traten Kochkunst und klassische Musik an die Stelle der Fotografie. Welch aufregendes, schillerndes, kompromissloses, an Brüchen reiches Leben!

Der vielgesichtigen Lee Miller, einer jener großen Frauen, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt haben, hat die Albertina, Wien, in Zusammenarbeit mit den Lee Miller Archives eine Ausstellung gewidmet, die jetzt auch im Martin-Gropius-Bau Berlin gezeigt wird. Die Schau, die in 100 Aufnahmen von den glamourösen Modefotos zu den eindringlichsten Kriegsdokumentationen des 20. Jahrhunderts führt, ist chronologisch aufgebaut, doch verweisen die einzelnen Lebens- und Schaffensphasen zwischen Bohème und leidenschaftlichem Engagement auf die jeweils veränderten Einstellungen, Sicht- und Verfahrensweisen. Es soll nicht nur eine Zeitreise in die Vergangenheit unternommen, sondern nach den ästhetischen Leistungen dieser Ausnahmekünstlerin gefragt werden.

Im Zweiten Weltkrieg begründete sie die Tradition eines engagierten Fotojournalismus und legte die Grundlagen einer militanten Fotografie, die sich als ästhetische Reflexion über die Macht des Bildes versteht. Den Vormarsch der Alliierten durch Frankreich und Deutschland hat sie in Bildern und Kommentaren festgehalten, die erschütternde menschliche Schicksale aufspüren. Je weiter sie in das von dem NS-Regime besetzte Europa vordrang, traten ihr Hieronymus Boschs phantasmagorische Höllenvisionen und Bruegels makabre Todesszenerien vor Augen. In den KZs Dachau und Buchenwald presste sie die psychische Bedrohung und Gewalttätigkeit auf kleinen Raum zusammen - und wandelte die einmal erreichte Intensität in immer wieder anderen Metaphern und Bildern ab. Das fast erotische Porträt der toten Tochter eines ranghohen Leipziger Nazis zeigt Anklänge an Berninis »Verzückung der hl. Theresa« in Rom. Das Foto eines SS-Mannes, der sich an der Heizung im KZ Buchenwald erhängt hat, erinnert an das Haupt von Grünewalds gekreuzigtem Christus.

Ein geradezu surrealistisches Bild ging durch die Welt, wie sie am 1. Mai 1945 in München in Hitlers Badewanne sitzt und sich abseift, während ihre mit dem Aschenstaub Dachaus bedeckten Kampfstiefel auf der dreckigen Badematte stehen. Die Besitzergreifung der intimsten Räume Hitlers sollte die endgültige Vernichtung des NS-Regimes augenscheinlich und sinnfällig dokumentieren. Zweifellos eine Inszenierung, die ihr Kollege David E. Scherman da schoss, der kurz darauf selbst in die Badewanne stieg, was nunmehr die Miller auf das Bild bannte.

Lee Millers Improvisationstalent und ihre handwerkliche Fähigkeit dominieren gegenüber der Erregung von Mitleid und Schrecken. Ihr Selbstporträt, geschminkt in tadellos sitzender Uniform, entbehrt nicht einer gewissen Koketterie - etwa in der Aneignung der männlichen Pose, die Zigarette in der Hand neben brandgefährlichen Benzinkanistern. Dagegen haben die US-Soldaten, die sich vor die Leichen der KZ-Häftlinge postieren, direkte Zeugenfunktion. Den erbärmlich knienden SS-Aufsehern ist die nackte Angst ins Gesicht geschrieben; sie steht im Widerspruch zu ihrer adretten Zivilkleidung, in der sie die Flucht antreten wollten. Erst durch den kritischen Blick wird die Dokumentarfotografie des Krieges überhaupt denkbar. Man erschrickt vor sich selbst als Betrachter. Lee Millers Aufnahmen von Vertriebenen, jüdischen KZ-Überlebenden, toten Nazis und verprügelten SS-Männern sind unnachsichtig, brutal und ergreifend zugleich, weil sie den Respekt vor der geschundenen menschlichen Kreatur bewahren.

Man kann zwar von den verschiedenen Leben der Lee Miller sprechen, aber ihre Fotografien sind die eines Lebens und einer Epoche.

Lee Miller - Fotografien. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, bis 12. Juni. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 25 Euro.

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