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Volle Power für Geflüchtete

»nd« überreichte seinen Sportpokal an die Kraftdreikämpfer aus Lauchhammer

  • Von Jirka Grahl, Lauchhammer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Anlässlich der nd-Sportlerwahl 2015 hatte die Jury den Sonderpreis »Engagement für Flüchtlinge« dem Verein »Powerlifting Lauchhammer« verliehen. Am Donnerstag überreichten wir den Pokal vor Ort.

Eigentlich will Rima Hassan heute nicht weinen, nicht an diesem Tag. Die 14-Jährige spürt, dass sie so etwas wie der kleine Star dieser Festgala ist. Ihr Sportverein hat dafür an diesem Donnerstagabend die entweihte Friedensgedächtniskirche gemietet, die mittlerweile ein Festsaal ist. Fünf Dutzend Leute füllen den Raum: Kraftdreikämpfer, Eltern, der Kreissportbundsvorsitzende, die Ortssparkasse, Sponsoren. Und Rima: Sie ist das kurdische Mädchen aus Afrin im syrischen Gouvernement Aleppo, sie ist die Geflüchtete, die für Lauchhammer Silber bei den Deutschen Meisterschaften gewonnen hat. Sie ist das Beispiel dafür, wie der Sport Geflüchtete und Deutsche zusammenbringen kann.

Doch jetzt, wo alle Reden gehalten und alle Preise überreicht sind, laufen Tränen über ihr Gesicht: Rima sitzt neben ihrer Schwester Nada, die gerade auf dem Smartphone ein Video aus der Heimat zeigt. Eine Nachbarin, die noch in Syrien ist, hat es vor zwei Wochen aufgenommen und gesendet. Die Kamera filmt die graue Fassade eines Hauses entlang. Es ist das Haus, das Rimas Eltern gehört: Maria Ibrahim und Abdulrahman Hassan. Es ist zerstört.

»Die ganze Straße ist kaputt«, sagt Rima leise, »alles kaputt, kaputt.« Es sei richtig gewesen zu fliehen. Rima und Nada erzählen von dem beschwerlichen Weg, der Familie Hassan aus Afrin schließlich in eine südbrandenburgische Kleinstadt mit 15 000 Einwohnern führte: Zu Fuß in die Türkei, dann per Bus nach Algerien, von dort auf Geheiß der algerischen Polizei wieder zurück in die Türkei. Neuer Aufbruch: Zu Fuß nach Bulgarien. Dort Festnahme - zehn Tage Arrest für die ganze Familie, selbst für den kleinen Ahmed (5). 100 Menschen werden auf sechs Zellen verteilt, 20 Menschen teilen sich ein Loch in der Ecke als Toilette. Schließlich 2014 die Flucht per Auto nach Deutschland, 1800 Euro haben die Hassans dafür bezahlt.

Während Rima erzählt, sitzen ihre Freundinnen aus der Trainingsgruppe neben ihr und schweigen - betreten, erstaunt, berührt. Darüber haben Sammy (14) oder Jenny (11) noch nie mit den syrischen Schwestern gesprochen, obwohl sie drei Mal die Woche gemeinsam miteinander trainieren. Bankdrücken, Kreuzheben, Kniebeuge mit Gewichten. Die kräftige Sammy schafft im Kreuzheben 90 Kilogramm. Rima schafft im Bankdrücken mittlerweile 35 Kilo, im Kreuzheben bringt sie 77 Kilo in die Luft.

Die Hassans warten auf die Bearbeitung des Asylantrages in Lauchhammer, dann soll es nach Bonn oder Potsdam gehen, wo bereits Verwandte leben. Vor allem für die Eltern, die kein Deutsch sprechen, ist es schwer in Brandenburg. »Wir sind leider die einzigen Syrer im Heim«, sagt Nada, die in Lauchhammer gerade die 10. Klasse beendet und dann Apothekerin werden will. Im Heim arbeitet Nada als eine Art Sozialarbeiterin mit: Sie übersetzt für die Flüchtlinge aus dem Kurdischen oder dem Arabischen ins Deutsche.

»Wir haben zum Glück in Lauchhammer sehr gute Freundinnen gefunden«, sagt Rima. »Aber es ist hier schon anders als in Syrien, wo wir uns jeden Tag draußen sehen. In Lauchhammer ist jeder für sich. Und wir sind dann im Heim.« Umso lieber gehe sie deshalb zum Training: »Ich trainiere sehr gern bei Frank.«

Frank Hurraß ist der Vereinsvorsitzende bei Powerlifting Lauchhammer. Der 53-Jährige ist seit 30 Jahren Kraftsportler, anfangs bei der BSG Aktivist Lauchhammer, später beim Athletik-Club, aus dem dann schließlich 2008 der Powerlifting e.V. hervorging. Längst ist der Verein ein Spitzenklub in Deutschland, mehr als 40 Weltmeistertitel haben die Schwerathleten schon gewinnen können.

Lasten von bis zu 500 Kilo können die besten Powerlifter bewegen - harte Kerle und starke Mädels. An diesem Donnerstagabend ist aber selbst der hünenhafte Frank Hurraß zu Tränen gerührt, nachdem er den nd-Pokal und eine Spende von 500 Euro von Chefredakteur Tom Strohschneider überreicht bekommen hat. »Das ist die erste moralische Anerkennung, die wir seit Jahren bekommen«, sagt Hurraß in seiner Dankesrede. »Das tut so gut.«

Dem Verein werde es von der Stadt leider nicht immer leicht gemacht, sagt er, obwohl man doch beispielsweise 2008 eine WM oder 2015 eine Deutsche Meisterschaft ausgerichtet habe, die der Stadt jeweils Hunderte Besucher über drei, vier Tage brachten. Obwohl doch die Schwerathleten schon seit sechs Jahren mit ihrer »Powerliftingschule« in Kita-, Schul- und Hortprojekten Dutzende Jugendliche stark gemacht haben, verloren die Powerlifter zuerst ihre angestammten Trainingsräume, und später auch noch die Unterstützung bei den Mietkosten für das neue Trainingszentrum. Eine Ungerechtigkeit.

Zumal die Powerlifter die ersten Sportler aus Lauchhammer waren, die ins städtische Flüchtlingsheim gingen, um die Syrer, Kameruner oder Eritreer zum Mitmachen zu bewegen. Mittlerweile trainieren sieben Kinder regelmäßig bei dem Lauchhammeranern mit, immer wieder kommen auch Erwachsene aus dem Asylbewerberheim um sich an Hanteln und Gewichten zu probieren.

Die Spende von »nd« soll nun auf jeden Fall in das Flüchtlingssportprojekt gehen, sagt Frank Hurraß. Der Preis habe dem Verein neuen Mut gemacht: »Wir Powerlifter können Dreck fressen, um uns durchzusetzen.«

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