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»Theater ist keine Strafe«

Die Ruhrfestspiele feiern 70. Geburtstag / Aktuelle Produktionen zum Thema Migration

  • Von Dorothea Hülsmeier
  • Lesedauer: 3 Min.
Es begann mit »Kunst gegen Kohle« - nun werden die Ruhrfestspiele 70 Jahre alt und gehören zu den renommiertesten Theaterfestivals Europas. Zum Jubiläum stellen sie das Mittelmeer in den Fokus.

Die Geschichte bewegt auch noch 70 Jahre später: Im eisigen Nachkriegswinter 1946/1947 fuhren Hamburger Theaterleute mit einem Lastwagen ins Ruhrgebiet, um Kohle für ihre Spielstätten aufzutreiben. Kumpel der Zeche König Ludwig 4/5 in Recklinghausen halfen den frierenden Künstlern - und schleusten die Kohle an der englischen Besatzungsmacht vorbei. Im Sommer darauf kamen die Schauspieler zurück ins Revier und bedankten sich mit Theateraufführungen. »Kunst gegen Kohle« - die Ruhrfestspiele, eine Verbrüderung von Künstlern und Kumpel, waren geboren.

Heute sind bis auf eine Grube alle Zechen im Revier stillgelegt, und es gibt nur noch einige tausend Bergleute. Die Ruhrfestspiele aber sind eines der größten und renommiertesten Theaterfestivals in Europa. Nicht elegant wie in Salzburg, sondern bodenständig geht es im Recklinghausener Festspielhaus zu. Gespielt wird auch in alten Industriehallen und Zelten.

»Die Ruhrfestspiele sind von der Theaterkarte nicht mehr wegzudenken«, sagt Intendant Frank Hoffman. Der 62-jährige Luxemburger hatte das vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mitfinanzierte Festival 2005 in einer Krise übernommen. In der Ära des Berliner Volksbühnen-Leiters Frank Castorf hatte sich die Zuschauerzahl der Ruhrfestspiele 2004 auf nur noch etwa 22 000 halbiert.

In seiner rund zehnjährigen Intendanz steigerte Hoffmann die Zuschauerzahl des sechswöchigen Festivals mit inzwischen mehr als 100 Produktionen und über 300 Vorstellungen auf über 80 000. Damit übertrumpft Hoffmann mit einem Budget von nur rund sieben Millionen Euro die auch finanziell besser gestellte Ruhrtriennale.

Das Erfolgsgeheimnis der Ruhrfestspiele ist die Dichte an Premieren und Uraufführungen aus dem deutschsprachigen Raum, die in Kooperation mit den wichtigsten Bühnen von Dresden über Berlin bis Hamburg und München und Wien entstehen. »Wir haben eine besondere Stellung, und die füllen wir auch aus«, sagt Hoffmann. »Die Ruhrfestspiele sind ein Fenster nach draußen.«

Und das Festival hat auch einen politischen Anspruch. Zum 70. Geburtstag kreisen zahlreiche Produktionen um die Flüchtlingskrise und Migration. Das diesjährige Motto »Mittelmeer - Mare Nostrum?« hat Hoffmann dabei mit einem Fragezeichen versehen. Denn was die Römer in der Antike »unser Meer« nannten, ist heute für Tausende Flüchtlinge auf der Suche nach einer sicheren Heimat eine todbringende Grenze.

»Wir können nicht an der Wirklichkeit vorbeigehen«, sagt Hoffmann. »Da wo es weh tut, müssen die Kunst und das Theater aktiv werden.« Das Flüchtlingsthema sei in vielen Stücken präsent. So bearbeitet Romeo Castellucci die »Orestie« von Aischylos, während Elfriede Jelinek aus der 2500 Jahre alten Tragödie »Die Schutzflehenden« des griechischen Dichters ein hochaktuelles Theaterstück gemacht hat. In dem Stück »Die lebenden Toten« beschreibt der dänische Autor Christian Lollike einen Zombie-Angriff auf dem Mittelmeer, den die EU-Grenzschutzorganisation Frontex abzuwehren versucht.

»Auch wenn es um harte Themen geht, ist Theater keine Strafe, sondern ein Fest«, betont Intendant Hoffmann. »Das wird manchmal verwechselt.« Theater dürfe den Menschen auch Freude bereiten. »Dadurch öffnet man die Herzen, aber auch die Köpfe.«

So werden die Festspiele denn auch am 3. Mai mit Carlo Goldonis Komödie »Diener zweier Herren« eröffnet. Regisseur ist Christian Stückl, der als Intendant des Münchner Volkstheaters Erfolge feiert und die Oberammergauer Passionsspiele neu belebt hat.

Jedes Jahr zieht es auch große Schauspieler nach Recklinghausen: Hanna Schygulla, Peter Simonischek, Ulrich Matthes oder Fritzi Haberlandt sind diesmal dabei. Intendant Hoffmann bleibt noch bis 2018. Dann endet sein Vertrag. Und die Ruhrfestspiele müssen einen ebenso erfolgversprechenden neuen Intendanten suchen. dpa/nd

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