Werbung

Das Königreich von Präsident und Premier

Winnyzja wurde zur Schlüsselstadt der ukrainischen Politik

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 3 Min.
In nur zwei Jahren wurde Winnyzja zur Schlüsselstadt der ukrainischen Politik. Ihre berühmtesten Söhne sind Präsident Poroschenko und Premier Groisman.

Der 14. April 2016 war ein bemerkenswerter Tag für Winnyzja, die eher unscheinbare zentralukrainische Stadt mit rund 375 000 Einwohnern. Früher waren es vor allem die Großstädte Donezk und Dnipropetrowsk, die mit Oligarchen wie Rinat Achmetow und Ihor Kolomoiski oder Präsidenten wie Leonid Kutschma oder Wiktor Janukowitsch die wichtigste Rolle in der ukrainischen Politik spielten.

Doch der Kampf der Oligarchengruppen aus den beiden östlichen Industriestädten ist nicht mehr so wichtig. Spätestens seit der Wahl von Wolodimir Groisman, dessen Vorfahren in fünf Generationen in Winnyzja lebten, zum neuen Ministerpräsidenten der Ukraine haben sich die Kiewer Machtverhältnisse gedreht.

Denn sowohl der 38-jährige Groisman als auch sein Freund und Präsident Petro Poroschenko kommen aus den gleichen Wirtschaftskreisen rund um Winnyzja. In der Region werden sie oft sogar als »Könige« der Stadt bezeichnet. Obwohl Poroschenko selbst aus dem Bezirk Odessa stammt, bleibt seine Verbindung mit Winnyzja seit Jahren sehr eng. Hier lebte er viele Jahre, hier begann er seine große wirtschaftliche Karriere - und als Direktkandidat aus Winnyzja wurde Poroschenko auch als Abgeordneter in die Werchowna Rada gewählt. Mit zwei Schokoladenfabriken, die zu seinem Konzern Roshen gehören, spielt Poroschenko immer noch eine große Rolle in der Stadt.

»Winnyzja ist eindeutig die Stadt von Roshen, diese Marke findet man hier überall. Poroschenkos Schokoladenfabriken bringen viele Arbeitsplätze. Ohne sie hätten viele Menschen wirklich Probleme«, erzählt Daniil Janowskij, ein Journalist aus Winnyzja. Doch Poroschenko ist nur zugereist. »Natürlich hat Poroschenko viel für Winnyzja getan. Er wird aber doch von vielen als der Mann von außen betrachtet. Groismans Großvater überlebte hier die Nazis, sein Vater saß im Stadtrat«, sagt Janowskij.

Wolodimir Groisman selbst war hier von 2006 bis 2014 Bürgermeister. 28 war der heutige Ministerpräsident, als er in dieses Amt gewählt wurde. Schon im Stadtrat war er mit 24 Jahren der jüngste Abgeordnete. Sein Wirken als Bürgermeister wird von den meisten Menschen in Winnyzja positiv bewertet.

»Winnyzja wurde unter Groisman viel grüner und angenehmer«, bestätigt der Politologe Jewhen Alfimow. Dank der Zusammenarbeit mit Zürich schenkten die Schweizer der Stadt zum Beispiel ihre alten S-Bahnen. Die stammen zwar aus den 60er Jahren, sehen aber immer noch recht modern aus. Nicht nur in diesen S-Bahnen, sondern im ganzen öffentlichen Nahverkehr Winnyzjas ist WLAN frei verfügbar. Das wäre ohne Groisman nicht möglich gewesen. »Winnyzja ist heute allerdings so etwas wie wie Donezk zur Zeit von Präsident Janukowitsch. Alles funktioniert nur im Interesse von Poroschenko und Groisman. Kleine Unternehmer, die damit nicht einverstanden sind, kämpfen mit massiven Problemen«, betont Wolodimir Wolodjuk, einer der lokalen Oppositionsführer.

Obwohl sich Wolodimir Groisman seit Ende 2014 in Kiew um die nationale Politik kümmert, wird seine Rolle in Winnyzja nicht geringer. Fast alle großen und mittleren Unternehmen in der Stadt werden entweder mit dem Präsidenten oder dem neuen Premier in Verbindung gebracht. Zudem haben viele Minister des neuen Kabinetts dank Winnyzja auch eigene Beziehungen. Sowohl Wolodimir Kistion, Vizepremier für die okkupierten Gebiete, als auch Andri Rewa, Minister für Sozialpolitik, waren Groismans Stellvertreter in Winnyzja. Auch Petro Poroschenko kennen sie bestens. So hat sich Winnyzja zu einer Art neuer politischer Hauptstadt der Ukraine gewandelt. Wie lange das andauert, bleibt allerdings eher ungewiss.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung