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Wer ist Täter, wer Opfer?

Freitags Wochentipp: »Kaltfront« - Mittwochsfilm im Ersten über die Spätfolgen eines Bankraubs

Die Frage, wer Opfer ist und wer Täter, treibt die Mediengesellschaft mitunter im Stile eines Flippers um. Jan Böhmermann zum Beispiel, ist für die türkische Regierung definitiv ein Täter, für das öffentliche Rechtsempfinden hierzulande besitzt er jedoch einen Opferstatus - unabhängig davon, dass der deutsche Rechtsstaat mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen den Moderator aus dem Opfer einen Täter machen könnte.

Böhmermann flüchtete nach seiner »Tat« ins Medienexil. Aus dem kehrt er nun allerdings ausgerechnet zu einem Medium zurück, das zweifelsfrei auf der Liste besonders übler Täter steht: Ab Mai wird Jan Böhmermann seine Sendung »Sanft & Sorgfältig« an der Seite von Oli Schulz nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Radio Eins verbreiten, sondern bei Spotify. Jenem Musikstreaming-Dienst also, der die musikalische Vielfalt durch maximale Ausbeutung künstlerischen Eigensinns vernichtet. Oder ist Spotify selbst nur ein Opfer der Verhältnisse, das dem schrumpfenden Tonträgermarkt digitales Asyl gewährt?

Es ist kompliziert. Nehmen wir Böhmermanns Urahnen Thomas Gottschalk, der das Medium zu seiner eigenen Flegelzeit ähnlich aufmischte wie sein Epigone heute, der aber später für seinen Hang zur selbstreferenziellen One-Man-Show als aufdringlicher Lustgreis verunglimpft wurde. Ab 5. Juni soll seine RTL-Show »Mensch Gottschalk« drei Stunden live die Themen der Tage zuvor verwursten und damit den »Tatort« im Ersten angreifen. Der dürfte diese Opferrolle angesichts lausiger Quoten von Tommys »Back to School« zur gleichen Sendezeit vor einigen Jahren jedoch kaum annehmen.

Den Wandel vom Opfer zum Täter will auch der Teenager Jan (Leonard Carow) im ARD-Mittwochsfilm »Kaltfront« vollziehen, nachdem er gleich doppelt zum Objekt der Ereignisse degradiert wurde. Zunächst als Kind, als sein Vater einer Bankräuberin zum Opfer fiel. 16 Jahre später, als ihn die vorzeitige Hafterleichterung für die Täterin aus seiner fragilen Normalität reißt und mit ihm eine ganze Reihe weiterer Betroffener des tödlichen Überfalls von einst. Das sind die Protagonisten eines herausragenden Dramas um Schuld und Sühne, das vermutlich auch deshalb solche Wucht entfaltet, weil der Regiedebütant Lars Henning einen Wagemut zeigt, den ihm das Metier noch früh genug austreiben wird.

Angefangen mit den Darstellern. Allen voran Jenny Schily als Täterin Judith, die peu à peu zum Spielball von Menschen wie ihrer verleugneten Tochter (Lana Cooper) oder dem wunderbaren Christoph Bach als stinkreicher Sohn eines Ermordeten wird. »Du bist ja gar kein Opfer«, sagen die neuen Mitschüler des stotternden Jan zu Beginn, als der sich mit dem Messer gegen die Klassenkeile im Schulklo wehrt. Klingt nach Selbstbehauptung, also einem angedeuteten Happy-End? Pustekuchen! Mit Dialogen wie diesem lotet Hennings eigenes Drehbuch die Grenze zwischen Hoffnung und Desaster bis ins Finale so ergebnisoffen aus, dass man nie weiß, wohin die Reise seines eigenen Drehbuchs geht. Arme Täter, böse Opfer? Wenn es doch so einfach wäre.

ARD, 4.5., 20.15 Uhr

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