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Party statt Kapitalismuskritik

Auf dem »Myfest« in Kreuzberg geht es weiter mehr ums Feiern als um politische Inhalte

Das Straßenfest rund um die Oranienstraße sollte politischer werden. Doch entweder haben sich die Veranstalter nicht genug bemüht - oder die Teilnehmer haben daran kein Interesse.

Vor der Bühne auf dem Heinrichplatz in Kreuzberg wird in der Mittagssonne getanzt und am Bier genippt. Zu türkischer Musik lassen die frühen »Myfest«-Besucher sich zwischen den Düften verschiedenster kulinarischer Spezialitäten über das Fest treiben. Noch sind die Mengen überschaubar, die Schlangen an den Ständen und Toiletten kurz. Doch das wird sich bald ändern: Auch in diesem Jahr werden wieder rund 40 000 Besucher auf dem »Myfest« erwartet.

Doch in diesem Jahr soll einiges anders werden. Das Straßenfest ist in den letzten Jahren durch den zunehmenden Andrang und Alkoholkonsum der Besucher immer mehr zur Partymeile verkommen und dadurch nicht nur bei Anwohnern in Kritik geraten. Durch die Klage eines Anwohners stand das diesjährige Fest zum 1. Mai lange auf der Kippe. Nun findet es doch statt - mit einigen Veränderungen.

Die Veranstalter versprechen beispielsweise ein besseres Hygienekonzept und breitere Flucht- und Rettungswege, heißt es auf der Website. Außerdem soll das Fest um 22 Uhr statt um Mitternacht enden. Damit soll vermieden werden, dass das Fest erneut zu einem Massenbesäufnis ausartet. Auch um die Anwohner zu schonen. Vor allem aber soll das »Myfest« wieder politischer werden. Dazu wurden verschiedene Redebeiträge ins Programm aufgenommen. Diese dauern jedoch teilweise nur zehn Minuten und sind im Programm bloß als »politische Redebeiträge« gekennzeichnet, ohne nähere Informationen. Und auch dort, wo das Thema genannt wird, findet man keine weiteren Ausführungen zum Inhalt oder Rednern. Der für 12 Uhr an der Bühne auf dem Heinrichplatz geplante Beitrag der »Initiative Volksentscheid retten« beginnt mit einer geschlagenen Stunde Verspätung und entpuppt sich als zweiminütiger Aufruf zur Unterschriftensammlung. Ist das schon politisch?

Die Polizei zumindest stuft das »Myfest« nicht als normale Veranstaltung oder Straßenfest, sondern als Versammlung ein und ist damit zuständig für die Sicherheit. Das bedeutet Vorkontrollen und ein Polizeiaufgebot von insgesamt 6500 Beamten, um das alkoholisierte Partyvolk in Schach zu halten. Ursprünglich wurde das »Myfest« vor dreizehn Jahren als Reaktion auf Krawalle und Ausschreitungen am 1. Mai ins Leben gerufen. Anwohner, Künstler und Aktivisten wollten eine friedliche Alternative zur »Revolutionären 1. Mai-Demonstration« bieten und ein Nachbarschaftsfest mit politischem Anspruch und Kulturprogramm für ein breites Publikum bereitstellen. Bis das Ganze irgendwann aus dem Ruder lief.

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Teilnehmer auf und um das Fest herum auf rund 40 000, und das Publikum veränderte sich. Statt Anwohnern und Familien kommen nun jedes Jahr scharenweise junge Menschen aus der ganzen Stadt am 1. Mai nach Kreuzberg. Ohne Politik. Es geht ums Feiern und um Konsum.

Aus diesem Grund distanziert sich im Vorfeld beispielsweise die Kreuzberger Bar »Luzia« vom »Myfest«. Sie wollen sich nicht mehr an dieser »Form des kapitalistischen Feierns«, beteiligen, heißt es in einer Stellungnahme. Die Front des Cafés ziert ein Transparent mit der Aufschrift »Der 1. Mai ist vorbei«.

Zwischen Mariannenplatz und Kunsthaus Bethanien geht es ruhiger und politischer zu. Hier findet jährlich das von der Linkspartei organisierte »Bündnis- und Familienfest« statt. Die Besucher finden hier auch Stände von linken Parteien und Initiativen, auch »neues deutschland« ist vertreten. Auf der Bühne sind Gesprächsrunden zu unterschiedlichen Themen angekündigt. Familien schlendern in aller Ruhe über das kleine Fest, andere sonnen sich auf der Wiese davor. Für den Nachmittag wurde der LINKEN-Politiker Gregor Gysi auf der Bühne erwartet.

Während sich am »Myfest« die Straßen langsam füllen, wird auch die Polizei präsenter und streift in Gruppen über das Fest. Möglicherweise soll das verhindern, dass die Besucher sich zu sehr gehen lassen. Denn es schien in den vergangenen Jahren, als ob weder die Veranstalter noch die Polizei das riesige und restlos überfüllte Straßenfest noch im Griff hätten. Doch nun will man die Kontrolle zurückgewinnen und aus dem »Myfest« das Machen, was es sein soll. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis auch das Publikum mitzieht. In diesem Jahr ist dies jedenfalls noch nicht geglückt, im Fokus stehen weiter Party, Alkohol und Bratwurst.

Das Bild könnte sich am Abend nach Redaktionsschluss dieser Seite ändern, wenn die »Revolutionäre 1. Mai-Demo« beginnt. Die wollte trotz polizeilicher Auflagen am Oranienplatz starten und durchs Fest ziehen.

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