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Arbeit muss wieder Sinn haben

Der Arbeitspsychologe und »Nuit Debout«-Unterstützer Jean-Marie Kneib über die Protestbewegung in Paris

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Kneib engagiert sich seit Beginn der »Nuit Debout«-Proteste. Sie entstand aus Demonstrationen gegen die geplante Reform des französischen Arbeitsrechts, das derzeit in der Nationalversammlung diskutiert wird.

Sie haben seit Beginn der Besetzung des Platzes der Republik in Paris fast täglich an den Versammlungen von »Nuit Debout« teilgenommen. Finden Sie einen Vergleich dieses Protests mit der Bewegung des französischen Mai 1968 angemessen?
Ich glaube, die Dinge sind nicht miteinander vergleichbar. 1968 handelte es sich um eine Bewegung hin zu mehr Individualität, für mehr sexuelle Freiheit, angesichts eines antiquierten Familienmodells und anderer überkommener Normen. Das Kapital hat dies in den darauffolgenden Jahren wohl verstanden, hat den Impuls aufgegriffen, umgebogen und benutzt, um die Arbeitsbeziehungen zu individualisieren: ungleiche Löhne je nach persönlichem Sich-Einbringen, unterschiedliche Arbeitszeiten in den Unternehmen.

Gerade diese Entwicklungen sind nun Gegenstand des Protests. Die Gewerkschaften beteiligen sich, vor allem die Schülervertretungen.
Viele Menschen wollen nun wieder Kollektivität in die Arbeitsverhältnisse bringen, diese kollektiv diskutierbar machen. Zum Beispiel bei den kleineren lokalen »Nuit Debout«-Veranstaltungen, denen ich beiwohnte, im Pariser Stadtteil Denfert-Rochereau oder im Vorort Malakoff, wurde dies sehr deutlich. Dort kamen Selbstständige einfacher Berufe zu Wort, die ihre Arbeit, ihre Probleme schilderten. Eine ähnliche Rolle spielten die Taxifahrer, die zum Platz der Republik kamen. Das ist eine Niederlage für die wirtschaftsliberale Vision von Gesellschaft. Diese hätte gerne, dass wir alle vor dem Fernseher oder vor Facebook hocken, jeder für sich. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass diese Bewegung vielleicht stärker ist als die vom Mai 1968, in dem Sinne, dass sie kollektive Belange dort wieder begründet, wo sie verschwunden schienen.

Hat die Arbeit denn noch einen zentralen Stellenwert in dieser Platzbesetzerbewegung? Manche behaupten nein...
Es ist kein Zufall, dass die Sache sich an dem Entwurf für ein »Arbeitsgesetz« entzündete und nicht etwa an den Protesten gegen den Ausnahmezustand. Diese Bewegung wirft die Frage nach dem zentralen Stellenwert von Arbeit, von Erwerbsarbeit in dieser Gesellschaft auf. Wenn man bei den Debatten auf dem besetzten Platz der Republik hinhört, dann schält sich die Frage nach der Nützlichkeit von Arbeit heraus: Was bringt es überhaupt, zu arbeiten, wenn andere sich daran bereichern - und wenn man den Planeten darüber kaputt macht? Oder, wenn man sich die Bewegungskomponente »Hôpital Debout« ansieht, die das Krankenhauswesen betrifft: Welchen Nutzen hat Arbeit in diesem Gesundheitswesen, wenn die Arbeitsorganisation doch keine Zeit lässt, sich um die Patienten, um die Alten zu kümmern?

Entwirft die Bewegung dazu Alternativen?
Ja, die Frage nach nützlicher Arbeit taucht in der Platzbesetzerbewegung auch in der Form der freiwilligen, ehrenamtlichen Arbeit auf. Sehen sie sich die rund 100 Freiwilligen an, die den harten Kern ausmachen und ehrenamtlich den Empfang, die Logistik, die Essensausgabe, den Ordnerdienst betreiben. Sie arbeiten über 50 Stunden in der Woche! Weil es für sie eine nützliche Tätigkeit ist, die man für ein gemeinsames Ziel verrichtet. Und es ist eben keine Erwerbsarbeit. In meinen Augen würden sich die Gewerkschaften täuschen, wenn sie nun als Alternative zum Bestehenden die 32-Stunden-Woche in den Mittelpunkt rücken möchten, wie die CGT den Anschein gibt. Eine auf 32 Stunden wöchentlich reduzierte Arbeit, aber die keinen Sinn hat und den Planeten zerstört - das interessiert die Leute von »Nuit Debout« nicht.

Welche Perspektiven sehen Sie für diese Bewegung?
Wahrscheinlich wird diese Bewegung in etwas Interessantes einmünden. Jedenfalls wenn man eine positive Lösung für die genannten Probleme in den Vollversammlungen findet und eine Verbindung mit den Gewerkschaften hinbekommt. Und zwar selbst dann, wenn die Protestbewegung es nicht schaffen sollte, das geplante »Arbeitsgesetz« zu verhindern. Von Anfang an hieß es: »Gegen das Arbeitsgesetz und gegen die Welt, die es hervorbrachte«.

Warum könnte die Bewegung erfolgreicher sein als frühere?
Sie wird nicht zum Großteil von Gewerkschaften getragen, sondern eher von Jungen, Prekären, Erwerbslosen und nicht gewerkschaftlich oder politisch gebundenen Personen. Sie ist auch nicht überwiegend als Abwehrkampf auf die Verteidigung einer bestehenden Errungenschaft, eines sozialen »Besitzstands« ausgerichtet, wie etwa die Bewegung gegen die »Rentenreform« von 2010. Jene war hauptsächlich gewerkschaftlich organisiert und auf die Verteidigung einer konkreten sozialen Errungenschaft ausgerichtet. Nachdem sie eine Niederlage erlebte, zerfiel sie auseinander. Die derzeitige Protestbewegung ist jedoch anders strukturiert.

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