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Jeder für sich und doch zusammen

Eine Kampagne soll Proteste gegen klimaschädliche Energieprojekte international vernetzen

  • Von Susanne Schwarz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Großbritannien, Philippinen, Neuseeland. Der Mai ist der Monat des internationalen Kohle- und Klimaprotests. Hierzulande werden die Aktivisten am Wochenende zu einem Höhepunkt auflaufen.

Als der Drache in der Mondlandschaft ankommt, stehen die Bagger still. Spielort ist natürlich nicht der echte Mond. Doch sieht man den britischen Kohletagebau Ffos-y-fran in Wales von innen, könnte man ihn allerdings damit verwechseln. Der Drache, das sind Aktivisten der Anti-Kohle-Gruppe Reclaim the Power, alle in rotgefärbte Maleranzügen gekleidet. Sie halten einen großen Überbau in Drachenform in die Luft.

Es ist Dienstag, der 3. Mai, als die Aktivisten Ffos-y-fran besetzen, rund zwölf Stunden harren sie in den Kratern des Tagebaus aus. »Unsere Aktion versteht sich als solidarisch mit den Anwohnern des Tagebaus, die hier seit zehn Jahren gegen die Kohle kämpfen«, sagt Hannah Smith von Reclaim the Power. Am Abend räumen die Protestler das Feld wieder. Festnahmen hat es laut Smith trotz des großen Polizeiaufgebots nicht gegeben.

Nur Stunden später: Etwa 10 000 Menschen aus allen Teilen der Philippinen demonstrieren in Batangas City für den Ausstieg aus der Kohleverstromung. In Neuseeland ziehen Hunderte vor die ANZ, eine der größten Banken des Landes, weil sie klimaschädliche Projekte mitfinanziert. In Australien blockieren mehrere Hundert Menschen mit Kajaks, Kanus und selbst gebauten Flößen den größten Kohlehafen der Welt.

Die Aktion in Großbritannien war der Auftakt der internationalen Kampagne »Break Free from Fossil Fuels«, welche die US-Klimaschutzorganisation 350.org ins Leben gerufen hat. 350.org hat Erfahrung darin, viele einzelne Gruppen zu vernetzen. 2009 etwa erlangte Gründer Bill McKibben internationale Anerkennung, als er 5200 Demonstrationen in 181 Ländern an ein und demselben Tag koordinierte. Bekannt ist die Organisation auch für eine Divestment-Kampagne, die öffentliche Institutionen dazu bewegen soll, ihr Geld aus fossilen Anlagen zurückzuziehen.

Der Mai ist der Monat des internationalen Kohle- und Klimaprotests. In diesen Tagen werden in vielen Ländern Klimaaktivisten zu Demonstrationen, Besetzungen und anderen Protesten zusammentreffen. In Deutschland wird der Kohlewiderstand am kommenden Wochenende zum nächsten Höhepunkt auflaufen. Das Aktionsbündnis Ende Gelände plant, einen Braunkohletagebau der brandenburgisch-sächsischen Lausitz zu besetzen.

Die Kampagne »Break Free« hat zum Ziel, die Protestler international zu vernetzen. Dabei war die Klimabewegung, zu der auch der Kohleprotest gehört, ursprünglich eine internationale Bewegung. Jahrelang arbeitete sie unter dem Dach des Climate Action Network (CAN). Dessen Organisationen verfolgen akribisch, was Diplomaten und Politiker auf den Klimakonferenzen der Vereinten Nationen treiben, und machen sich dort für die Interessen der ärmsten und am stärksten vom Klimawandel betroffenen Staaten stark.

Bei der UN-Klimakonferenz auf der indonesischen Insel Bali kam es 2007 allerdings zur Spaltung: Etliche Aktivisten hatten den Glauben daran verloren, mit Gipfelgesprächen der Ausbeutung von Natur etwas entgegenzusetzen. Sie übten von nun an grundsätzliche Kritik an Kapitalismus und Globalisierung. Die Mitglieder des Netzwerkes Climate Justice Now! wollten sich fortan eher auf die nationalen oder noch besser lokalen Probleme stürzen. Sprich: Bloß weg vom abstrakten Konferenzgeschacher, hin zum Widerstand gegen den Tagebau zu Hause oder die Teersand-Pipeline nebenan.

Der Klimagipfel in Kopenhagen 2009 schwächte die Bewegung. Sowohl die großen, gemäßigten Organisationen, als auch die radikaleren Gruppen reisten mit Hunderttausenden in die dänische Hauptstadt. Das Narrativ der Kampagnen: Das ist unsere letzte Chance! Bei den Protesten am Rande der Gespräche kam es zu massiven Polizeieinsätzen, Festnahmen und Verletzungen. Der Gipfel selbst wurde indes berühmt dafür, kaum Ergebnisse gebracht zu haben. Aktivisten kritisierten ihre Organisationen dafür, ihn überschätzt zu haben.

Gerade die radikaleren Gruppen sahen sich von den Entwicklungen um den Kopenhagener Klimagipfel in ihrem Ansatz bekräftigt, lieber lokal zu arbeiten, wie es Bürgerinitiativen vor Ort seit Jahrzehnten machen. Die Aktion, die in Deutschland - zumindest gemessen an der medialen Berichterstattung - sicher die größte Durchschlagkraft hatte, war diejenige von Ende Gelände im vergangenen August. Das Bündnis hatte einen Tagebau im Rheinland besetzt, fast tausend Menschen gelangten trotz zahlenmäßig ebenbürtigen Polizeikräften auf das Gelände. Dieses Jahr zieht der zivile Ungehorsam nun in die Lausitz.

Doch ins nationale Eigenbrötlertum wollen die Aktivisten trotz lokalem Fokus nicht abdriften. Durch 350.org bzw. die Kampagne »Break Free« will sich Ende Gelände als eine der derzeit sehr aktiven Gruppen stärker mit anderen vernetzen - auch wenn dort Akteure und gemäßigte Gruppen mitmischen, die zivilen Ungehorsam als Mittel ablehnen. »Wir haben nicht in jedem Punkt die gleichen Ansichten wie 350.org, aber es gibt den großen gemeinsamen Nenner der Klimagerechtigkeit«, so Hannes Lindenberg von Ende Gelände. Die lasse sich, meint er, nur global durchsetzen, deswegen sei die Vernetzung mit Aktivisten aus anderen Ländern »essentiell«. Das Ergebnis: 20 Busse mit Aktivisten aus dem Ausland sind für die Lausitzer Aktionstage am Wochenende angekündigt.

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