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Dank Pflasterstein zum bunten Kiez

Die 1980er und 1990er Jahren waren die Hochphasen der Hausbesetzungen in Berlin

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Obwohl es praktisch keine besetzten Häuser mehr gibt, sind die Erben der bunt bemalten und mit Graffiti übersäten Gebäude zum Teil heute noch von Räumung bedroht.

Berliner Polizeihundertschaften, die sich brachial Zugang zu einem bunt bemalten und mit Graffitis übersäten Haus verschaffen, hat in Berlin derzeit leider fast eine gewisse Routine. Dass es im Berliner Wahljahr auch das ehemals besetzte Haus in der Linienstraße 206 trifft, überrascht daher nicht wirklich. Der CDU-Spitzenkandidat und Innensenator Frank Henkel hat schon im Umgang mit der Rigaer Straße gezeigt, dass er bei jeder Gelegenheit gegenüber der linken Szene gerne auf Konfrontationskurs geht. Damit bewegt er sich durchaus innerhalb der Tradition seiner Partei, die mit linken Projekten, Hausbesetzern und Autonomen nie zimperlich umsprang.

Das war auch schon in den frühen 1980er Jahren so, als West-Berlin ein regelrechtes Eldorado der Hausbesetzerbewegung war und die CDU an die Macht kam. Der damalige Innensenator der Union, Heinrich Lummer, war ein harter Knochen und ließ kurz nach Amtsantritt mehrere Häuser räumen. Heftige Auseinandersetzungen waren die Folge und am 22. September 1981 kam bei einer Demonstration der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay ums Leben. Erste Hausbesetzungen gab es schon Anfang der 1970er. Die Besetzung eines Teils des ehemaligen Krankenhauses Bethanien am Kreuzberger Mariannenplatz besang die Band »Ton Steine Scherben« im »Rauchhaussong«, der zur Hymne der Bewegung wurde. Zur Hochzeit 1981 wurden innerhalb weniger Wochen mehr als 160 Häuser von meist jungen Menschen besetzt. Es ging darum, massenhaft leer stehende Häuser, die als Spekulationsobjekte verkauft und weder saniert noch instand gesetzt wurden, wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen und als Wohnraum zu nutzen. Natürlich waren damit auch politische, soziale und kulturelle Konzepte einer anderen Form des kollektiven Zusammenlebens verbunden. Optisch schlug sich das im Stadtbild in bunt bemalten und mit Transparenten behängten Gebäuden nieder. Besetzte Häuser, die oft zehrenden Diskussionen der Bewohner ums Zusammenleben, die Möglichkeiten der Selbstermächtigung, die Träume wie das Scheitern waren in Berlin jahrzehntelang wichtige Bezugspunkte linker außerparlamentarischer Politik.

Egal ob Autonome die Häuser als Orte nutzten, von wo aus sie ihre Kämpfe führten, oder ob Mitglieder der alternativen Szene versuchten, sich in Nischen einzurichten und dauerhaft günstigen Wohnraum, aber auch kulturelle und soziale Projekte zu etablieren: Die Hausbesetzerbewegung war in Vierteln wie Kreuzberg prägender Bestandteil der Stadtentwicklung und ist auch heute noch spürbar. In der Regenbogenfabrik in der Lausitzer Straße kann man in der Fahrradwerkstatt sein Bike reparieren oder abends eines der angenehmsten Off-Kinos Berlins besuchen. Wäre der flächendeckende Sanierungsplan für Kreuzberg damals umgesetzt worden, läge am Oranienplatz heute ein Autobahndreieck. Der Berliner Senat sollte seinen Besetzern eigentlich dankbar sein. In den 1990er Jahren führte die Stadtverwaltung gerne mal Politprominenz, die Berlin besuchte, durch die Kreuzberger Oranienstraße, um die gelungene Kiez-Mischung aus Wohnen und Arbeit zu präsentieren. Dass diese urbane Mischung Jahre zuvor gegen den Senat mit Massendemonstrationen, waghalsigen Besetzeraktionen und auch mal mit dem Pflasterstein in der Hand erkämpft worden war, erzählte man den Besuchern freilich nicht.

So einmalig die historische Situation der Mauerstadt West-Berlin auch war, um die Hausbesetzerbewegung in dieser Breite und Vielschichtigkeit zu ermöglichen, ein neues Fenster für potenzielle Besetzer öffnete sich mit dem Mauerfall. 1990 erlebte Berlin eine weitere Besetzerwelle, als über 120 Gebäude besetzt wurden. Erst mit der Wiedervereinigung begann die staatliche Repressionswelle, die ihren Höhepunkt in der Auseinandersetzung um die Räumung der Mainzer Straße im November 1990 in Friedrichshain erlebte. Die meisten Häuser in Berlin-Mitte (darunter die Linienstraße 206) und in Prenzlauer Berg wurden in der Folgezeit legalisiert. Bei den Häusern in Friedrichshain war es nur etwa die Hälfte, die Verträge erhielten, die anderen wurden im Laufe der Jahre geräumt. Immer wieder waren es Innenpolitiker der CDU wie Jörg Schönbohm, die ihr Profil an einer oft brachial geführten Auseinandersetzung mit der linken Szene und besetzten oder ehemals besetzten Häusern schärften.

Aktuell spielt das Thema Hausbesetzung durchaus wieder eine Rolle, auch wenn es angesichts des ökonomischen Drucks und der dazugehörigen polizeilichen Repression fast unmöglich scheint, eine Besetzung durchzuführen oder gar zu halten. Mit der Kampagne socialcenter4all wollen Aktivisten auf den im Zuge der Gentrifizierung immer knapper werdenden Raum für nicht kommerzielle Projekte in Berlin eine Antwort von linksradikaler Seite geben. Ganz ähnlich wie bei der Bewegung der »centri sociali« in Italien, geht es darum, ein öffentlich zugängliches Zentrum zu schaffen, in dem politische und kulturelle Veranstaltungen jenseits der üblichen Profitlogik durchgeführt werden können. An diesem Wochenende lädt die socialcenter4all-Kampagne zu einer Praxiskonferenz – am Kreuzberger Mariannenplatz.

Einen historischen Überblick der Bewegung im Lauf der Jahrzehnte inklusive einer interaktiven Karte und Chronik gibt es hier.

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