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Und leise summt der Samowar ...

Elke Leonhard lud zum »Deutsch-Russischen Dialog« ins Reichstagspräsidentenpalais in Berlin

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Im ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais in Berlin summen an diesem Abend Samoware, große und kleinere, silberne und kupferne, alte und neue. Hauptattraktion ist ein goldener aus dem Kreml: Putins Samowar. Er wurde einem Leipziger Sammler 2007 vom damaligen Präsidenten vermacht. Aus dem edlen Gefäß freilich darf kein heißes Wasser gezapft werden. Berühren: »Njet!« Bewundern: »Da.«

Zu einem »Deutsch-Russischen Dialog« lud Elke Leonhard, Ehrenpräsidentin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft und Vorsitzende der Stiftung Grundwerte. Die Frau des vor zwei Jahren verstorbenen Politologen Wolfgang Leonhard möchte mit ihrer als Jour fixe avisierten Dialogrunde helfen, die Eiszeit zwischen Russland und dem Westen, namentlich der Bundesrepublik Deutschland, zu beenden. Sie zitierte eingangs den Botschafter der Russischen Föderation, Wladimir Grinin, der jüngst an die Adresse entscheidungsmächtiger Bürger seines Gastlandes appellierte: »Lasst uns endlich aufhören, übereinander zu reden, lasst uns miteinander reden.«

Ein illustrer Kreis war der Einladung gefolgt, leider nur einige Russen. Aber das kann und sollte sich bei den nächsten Treffen ändern. Bei diesem ersten sehr präsent war - selbstredend - der Geist von Wolfgang Leonhard. Immer wieder wurde er beschworen. In ernsten und dankbaren Erinnerungen sowie amüsanten Anekdoten, die man beim Small Talk rege austauschte. Egon Krenz, der letzte SED-Generalsekretär, beispielsweise rechnet es dem in der DDR als »Renegaten« titulierten Wolfgang Leonhard noch heute hoch an, dass er zu seinem Prozess vor bundesdeutschen Richtern erschienen ist.

Ja, Krenz war da. Und auch Christa Luft, Wirtschaftsministerin im Kabinett von Hans Modrow. Und Klaus Höpcke, ehemaliger stellvertretender Kulturminister der DDR. Und Andrea Wolf, Witwe des HVA-Chefs und einstigen Gefährten Leonhards in Moskau. Elke Leonhard irrt sich gewiss nicht in der Annahme, mit ihrer Einladungspolitik, frei von Berührungsängsten und fern alter Feindschaften, im Sinne ihres Mannes zu handeln. Und für jene, die es darob gruselt, sei hier gesagt: Die DDRler hielten an diesem Abend keine Reden.

Vergönnt war dies Bernhard Kastner (CDU). Der Vorsitzende der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe artikulierte seine Besorgnis angesichts der jüngsten Entwicklung in den Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland. Während er wirtschaftliche Sanktionen als »Ausdruck der Ernsthaftigkeit der Diplomatie noch verstehen« könne, sei er jedoch ein Gegner von Einreiseverboten. »Abgeordnete sollten im Gespräch bleiben.« Weiter äußerte er, es gehe jetzt nicht primär darum, »wie wir zurück zur Situation kommen, wie wir sie vor fünf Jahren hatten, sondern wir müssen ganz neu denken, damit wieder Ordnung einkehrt«. Kastner sprach vom »spürbaren Schaden für Wissenschaft und Wirtschaft ohnehin«, den die Krise im deutsch-russischen Verhältnis verursacht habe. Als hilfreiche Schritte der Entkrampfung sieht er den Ausbau von Städtepartnerschaften, Jugendaustausch und Klärung der bestehenden Probleme in Visafragen an.

Kai Gniffke, Erster Chefredakteur der Tageschau/Tagesthemen, war aus Hamburg eingeflogen. Sein vornehmliches Anliegen war es, Stellung zu den massiven Vorwürfen einseitiger Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt und Russland zu beziehen. »Es ist keine Freude, die Kritik, die über uns hereinbricht, zu ertragen«, gestand er vor der erlauchten Gästeschar. Er beteuerte für seine Anstalt: »Wir versuchen, respektvoll mit unserem Publikum umzugehen, es nicht zu belehren.« Gniffke wies das Unwort »Lügenpresse« als indiskutabel zurück. Hinsichtlich des ebenfalls in jüngster Zeit häufig zu hörenden Etiketts »Systempresse« konzedierter er: »Ja, gewissermaßen.« Denn: Die ARD verstehe es als ihren Auftrag, Demokratie und Völkerverständigung zu befördern. Berufsethos und Pflicht seiner Journalisten sei, eine kritische Haltung zu den Mächtigen zu wahren und »niemals deren Lied zu singen«. In der Ukraine-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders sei, so Gniffke, »nicht alles falsch«. Man bemühe sich um Fairness. »Das Vertrauen des Publikums ist das wichtigste für einen Nachrichtenmacher, das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.« Tageschau und Tagesthemen erfreuen sich seiner Auskunft nach neun Millionen Zuschauer.

Um dies erst mal zu »verdauen«, folgte ein wehmütiges Lied von Sergej Rachmaninow, vorgetragen von einer gebürtigen Schweizerin. Sie sang später noch ein schmachtendes Liebes- und ein fröhliches Frühlingslied, mit viel Gespür für die Melodie der russischen Sprache, die sie nicht beherrscht. Entspannend und angenehm auch die abschließende Lesung. Jalid Sehouli, Autor des just auch ins Russische übersetzten Bestsellers »Marrakesch«, las aus seinem neuen Buch »Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo«. Der Direktor der Virchowklinik für Gynäkologie, Sohn von 1960 aus Marokko nach Westberlin eingewanderten Gastarbeitern, versteht sich in seinen beiden Berufungen, Arzt und Schriftsteller, als »Brückenbauer«.

Höhepunkt des Abends war die Verleihung des Europäischen Kulturpreises an Wolfgang Kohlhaase, den schon vielfach preisgekrönten Drehbuchautor und Regisseur. Vorgenommen wurde sie von Tilo Braune, Präsident der Europäischen Kulturstiftung, der 19 war, als er den Film »Ich war Neunzehn« sah. Und der wie Solo Sunny unter der »Miefigkeit der DDR« gelitten habe. Kohlhaases Filme, so der Laudator, seien von einem lebendigen Humanismus erfüllt.

Der Gepriesene nahm die Ehrung mit humoriger Gelassenheit: »Preise kann man sich nicht verdienen, man kriegt sie.« Kohlhaase würdigte Konrad Wolf, mit dem er viele Filme drehte und der »als Kind in die Emigration gezwungen wurde und als junger Soldat zurückkam in ein Land, von dem er nicht wusste, ob es seins ist«. Mit verschmitztem Lächeln berichtete er sodann von einer Idee Konrad Wolfs. Dieser wollte in dem unterirdischen Gang zwischen Reichspräsidentenpalais und Reichstag ein Restaurant eröffnen, wo sich Menschen aus Ost- und Westberlin zum Essen treffen. Merke: »Gemeinsames Essen ist eine enorm vertrauensbildende Maßnahme!« (Das sollte sich hernach beim kollektiven Verspeisen von Pliniki und Kavier beweisen.)

Wie gut, dass Wolfgang Kohlhaase auf die kyrillischen Namen im Gemäuer des nahen Reichstags verwies - »von Rotarmisten, die es geschafft haben. Ich muss immer an die vielen namenlosen Rotarmisten denken, die es nicht nach Berlin geschafft haben.« Derart war wenigstens angesprochen, was man an diesem Abend so sehr vermisste: die Erwähnung des Tages der Befreiung und des Tages des Sieges. Zwei Tage im Mai, die gerade erst von Millionen in Russland und Zehntausenden in Deutschland gefeiert wurden.

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