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Die Hausmeister fegten durch die Bundesliga

Vor 50 Jahren gewann der TSV München von 1860 seine einzige deutsche Meisterschaft - und Borussia Dortmund als erste deutsche Fußballmannschaft einen Europapokal

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 5 Min.
Neue Bücher zeichnen zwei außergewöhnliche Titelgewinne von deutschen Fußballklubs im Mai 1966 nach: Der TSV 1860 München wurde überraschend Deutscher Meister, Borussia Dortmund gewann den Europapokal.

Peter Grosser war am 8. Januar 1966 ein armer Tropf. Der Trainer des TSV München von 1860, Max Merkel, hatte ihn an diesem Tag für das Derby gegen Aufsteiger FC Bayern München, der sich bereits in seiner ersten Saison als Titelkandidat zeigte, eine Sonderaufgabe zugewiesen: Er sollte Gerd Müller bewachen. Das ging vor 40 000 Zuschauern im Stadion an der Grünwalder Straße gründlich schief - wie so ziemlich alles für die Weiß-Blauen an diesem Nachmittag. 3:0 nahm der Nachbar von der Säbener Straße die Löwen auseinander, Merkel schimpfte hinterher zu seinen Spielern: »Ihr meint immer, ihr seid schon Meister … Dabei seid’s grad erst Hausmeister.« Und Faschingsprinz Günther I. musste seine Rede für den Sechziger-Ball am Abend auch noch umschreiben.

Schon eine Woche später aber ging es weiter in der Bundesliga - eine Winterpause gab es damals noch nicht. Die Löwen kamen wieder in die Spur, am Ende der Spielzeit stand der erste und bis heute einzige Meistertitel des TSV. Den Weg dahin zeichnen Roman Beer, Claus Melchior und Arnold Lemke in ihrem Buch »Triumph der Löwen« nach. Dass dieses Nachzeichnen einer Bundesligasaison nicht nur für Harcore-Löwenfans interessant zu lesen und betrachten ist, darf den Autoren und dem Werkstatt-Verlag hoch angerechnet werden.

Es sind kleine Details, die dem Leser mitgegeben werden - und mit einigen falschen Vorstellungen aufräumen. Etwa dem, dass Fußball erst seit der WM 2006 zum Massenphänomen wurde, das weit mehr Menschen als die üblichen Fans erreicht. Die damaligen Zuschauerzahlen erzählen eine andere Geschichte, ein Wintermärchen geradezu. Am 29. Dezember 1965, einem Mittwoch zwischen Weihnachten und Neujahr, sahen 38 000 Zuschauer das Nachholspiel der 60er in Mönchengladbach.

Heute kann 1860 solche Zuschauermassen nur noch bei Abstiegsendspielen in Liga Zwei mobilisieren. Einen kaum versteckten Hinweis auf eine Ursache für den Niedergang präsentieren die Autoren mit alten Bildern aus Stadien. Dort sind das »Sechzger-Stadion« und andere alte Bundesligaspielfelder vom Ellenfeld in Neunkirchen bis zum unüberdachten Volkspark samt Regenschirmen - natürlich regnete es in Hamburg - mindestens genauso ein Blickfang wie die Spieler. Arenen mit Identität und Charakter eben - etwas anderes als die oft graue Allianz-Arena, in der die 1860 seit nunmehr zehn Jahren sein meist trauriges und gesichtsloses Dasein als Untermieter des FC Bayern fristet. Regionalliga-Derbys zwischen den zweiten Mannschaften der Bayern und 60er sind für viele Löwenfans mittlerweile die Saisonhöhepunkte. Da wird auf Augenhöhe mit den Bayern gespielt, daheim in Giesing.

Auf der dortigen Stehhalle, der riesigen Gegengerade, wurde bis 1966 noch Flaschenbier ausgeschenkt - das 60er-Programm »Löwen-Echo« warb in der Saison auf der Titelseite ausgerechnet mit Dortmunder Union-Bier statt mit einem ordentlichen lokalem Hellen. Dieses Union-Bier floss im Mai 1966 einige Hundert Kilometer nordwestlich rund um den Borsigplatz in Dortmund reichlich. Erreichten die Schwarz-Gelben in Glasgow doch, was zuvor keiner deutschen Mannschaft gelungen war geschweige denn zugetraut wurde. Im Hampden Park hatten sie den scheinbar übermächtigen Liverpool FC unter Bill Shankley in der Verlängerung 2:1 besiegt und so den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. 1860 hatte ein Jahr zuvor schon die Hand an diesem Pott - verlor aber im Finale in Wembley gegen West Ham United.

Gregor Schnittker lässt gleich im Vorwort zu seinem Buch »Helden von 66« WDR-Sportreporter Kurt Brumme den Titelgewinn der Borussia mit mit dem Weltmeistertitel der DFB-Nationalelf in Bern 1954 vergleichen. Auch sonst geht Schnittker einen anderen Weg als Beer, Melchior und Lemke und lässt statt interessanter Devotionalien die damaligen Protagonisten oder deren noch lebende Angehörige ausführlich zu Wort kommen.

Sehr ausführlich, was unweigerlich zu einigen Wiederholungen und Überhöhungen führt. So beschreibt beispielsweise Siegfried Betzer, wie sein Vater, der damalige Zeugwart Walter Betzer die Akteure auf dem Rasne im Griff gehabt habe: »Bei ihm ist nie auch nur ein Stutzen weggekommen. Da konnte er streng sein. Die Spieler spurten.« Ganz offenbar hätten die »Helden von 66« in einer anderen Zeit Fußball gespielt - was die Leistung derer nicht schmälern soll, die sich über die Stationen Floriana FC, ZSKA Sofia, Atletico Madrid und West Ham bis ins Finale spielten. Europapokal ohne Setzlisten und nur mit wirklichen Pokalsiegern eben.

Auch Schnittkes Buch brilliert bei der Bildauswahl, seien es feiernde Anhänger oder der verstopfte Ruhrschnellweg samt Käferkorso. Dortmunds Titel bewegte, wenn schon nicht das ganze Land, dann doch mindestens den ganzen, damals schon schwer vom Strukturwandel gezeichneten Ruhrpott.

Das letzte Wort sollen aber die Meisterlöwen von 1966 haben. Die haben auch 50 Jahre nach dem einzigen Meistertitel für die Löwen noch immer keinen rechten Frieden mit ihrem damaligen Trainer Max Merkel gemacht. Als zu hart und konzeptlos beschreiben Peter Grosser, Alfred Heiß und Hans Rebele sein Training, Alkohol war verboten. Heiß antwortet auf die Frage, ob Merkel ein »moderner Trainer« war: »Später auf Schalke haben sie seine Methoden als Mittelalter verspottet.«

Auch bei den Löwen war Merkel nicht vom Geist der fußballerischen Aufklärung beseelt. Taktische Umstellungen während des Spiels seien von den Spielern selbst vorgenommen worden. Da liegt anscheinend auch heute noch Einiges tiefer im Schatten, als ein »Hausmeister«-Spruch Merkels nach der Bayern-Niederlage. Wochenlang sprach der im Frühjahr 1966 kein Wort mit der Mannschaft. Heiß sagte einmal, dass die 60er damals nicht dank, sondern trotz Merkel Meister wurden. Am Ende war es egal, denn alle rissen am 28. Mai auf dem mit weiß-blauen Fahnen gefluteten Marienplatz zum ersten und letzten Mal die Meisterschale in die Höhe.

Beer, Melchior, Lemke: Der Triumph der Löwen 136 S., geb. 19,90 €. Schnittker: Die Helden von 66, 136 S., geb. 19,90 €. Beide Bücher sind im Werkstatt-Verlag erschienen.

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