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Brav aufmachen, das Mäulchen

Im türkischen Theater Tiyatrom feierte das jüdische Stück »Und GAD ging zu DAVID« Premiere

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Theater Tiyatrom wurde »Und GAD ging zu DAVID« uraufgeführt, ein Stück von Eugen Ruge. Das Stück ist spannend und es zeigt auf vielschichtige Weise das Versteckspiel und die Dramatik jüdischen Lebens im Berlin der Nazis.

20. April 1943: Reichspropagandaminister Joseph Goebbels vermeldet zu Hitlers 54. Geburtstag, Berlin sei judenfrei - sein Geschenk an den Führer. Ganz Berlin ist judenfrei? Mitnichten. Im Untergrund sind noch viele Juden versteckt, manche kämpfen um ihr Überleben, andere leisten Widerstand. Darunter: Gad Beck, Erotomane, Lebenskünstler, Lebensretter.

Im Theater Tiyatrom wurde »Und GAD ging zu DAVID« uraufgeführt, ein Stück von Eugen Ruge, angelehnt an Becks Autobiografie. Das Stück ist spannend, fesselnd, es zeigt auf vielschichtige Weise das Versteckspiel und die Dramatik jüdischen Lebens im Berlin der Nazis. »Das ist die Untergrund-Romantik - das ist der Nervenkitzel pur -, das ist so hippel, ist so hartig - das ist die illegale Tour«. Von wegen Berlin ist judenfrei!

Das Stück ist hochaktuell. »Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen«, singen die Schauspieler und man kann nicht anders, als an das Deutschland des Jahres 2016 zu denken. »Arische Stinkfüße stinken nicht!« - »Was ist denn arisch?« - »Arisch ist arisch!« Ein Glücksgriff, das Stück über den Versuch der Auslöschung jüdischen Lebens in Berlin ausgerechnet am türkischen Theater Tiyatrom aufführen zu lassen. »Die Fahnen hoch, die Hosen runter - was hinten runterfällt, marschiert im Geiste mit«. Und dann: »Die scheißen Deutschland zu, und meinen das wär Deutschland«.

»GAD« erschreckt in seiner Brisanz, über der schattenhaften Berlinkulisse werden Aufmärsche aus dem Dritten Reich eingespielt. »Euren Lutscher, den vergesst ihr nicht«, sagt Herr Möller, ein Kunde des Vaters, zu Gad und seiner Schwester: »Mund auf, brav aufmachen, das Mäulchen«, und steckt den Lutscher in die offenen Kindermünder. Später erzählt Gad, wie er sich Jahr für Jahr die Feiern zum 9. Oktober, dem Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putsches von 1923, anschaut: »Das ist also die deutsche Seele, die überkocht vor deutschem Stolz.«

Aber Regisseur Horst Ruprecht lässt das Stück nicht lange in moralischen Sphären verweilen. Stattdessen widmet sich die Inszenierung dem Leben Gads. Einfühlsam wird die erste Liebe des Homosexuellen gezeigt, das Kennenlernen in der bedrückenden Enge des Scheunenviertels, in das die Berliner Juden zusammengepfercht wurden. Die Annäherung kommt nicht ohne eine kleine Dosis Kitsch aus, aber das macht überhaupt nichts, die Zärtlichkeit, das Verliebtsein, das persönliche (Nicht-) Akzeptieren und Kennenlernen der eigenen Homosexualität, das gemeinsame Hoffen auf eine bessere Zeit sind so einprägsam und berührend aufgeführt, allein dafür lohnt sich der Besuch.

Mit viel Ironie und Daseinswillen nimmt Gad das Leben an, schließt sich der Hechulaz an, einer Gruppe, die - vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Genozids - die jüdische Palästina-Besiedlung plant und verschiede Formen des politischen Widerstand bis in den Untergrund organisiert. Für Gad wird dieser zu einem Spiel, er lebt auf im Nervenkitzel des Versteckens. Anders seine Mutter Hedwig (Kristine Walther), deren Kraftanstrengung nur noch so weit reicht, sich nicht in den Landwehrkanal zu stürzen.

Das Ensemble ist einprägsam, Robert Klatt als Gad und Benjamin Schaub, der dessen erste Liebe Benjamin spielt, reißen mit. Gad befreit seinen Freund aus der Gefangenschaft der Nazis, Benjamin weigert sich aber, mitzukommen, weil er »nie wieder frei sein« könne, sollte er seine Familie im Stich lassen - er stirbt in Auschwitz. Gregor Graciano begleitet das Stück am Klavier, intensiviert die Aufregung des Widerstands, die Spannung, das Getriebene an Gad, aber auch die Hoffnungslosigkeit der Zeit.

Ein Zufall ist es, der Gad überleben lässt. Herr Möller, mittlerweile SS-Sturmbannführer, nimmt ihn gefangen. Gemeinsam rauchen sie eine Zigarette, und unterhalten sich darüber, irgendwann das Rauchen aufgeben zu wollen - vor Berlin steht schon die Rote Armee. Möllers Befehl, alle Gefangenen zu liquidieren, bevor die Russen da sind, kommt zu spät: Ein Rotarmist befreit Gad.

»Und GAD ging zu DAVID« ist ein großartiges Stück Berliner Theater, ein unmoralisches Plädoyer für Toleranz und Zivilcourage. Frech, witzig und tragisch werden die Erinnerungen Gads erzählt, gleichzeitig erlaubt das Stück einen Blick auf das heutige Berlin, welches in der letzten Szene neu geboren wird. Dies ist auch die zweite Geburt Gads: »Pressen, pressen, Berlin, der Tänzer ist der Tod!« Mit Chuzpe und Berliner Schnauze, mehr Berliner Theater geht nicht.

Nächste Vorstellungen am 20., 21., 27. und 28. Mai

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