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Gleich, ungleich, Wachstum

Nicht nur fehlende Anreize schwächen die Wirtschaftskraft eines Landes, sondern ebenso zu große Einkommensunterschiede. Von Hermannus Pfeiffer

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 7 Min.

Die wachsende Zahl von »Stadtpanzern« und »Zuhälterkutschen« auf den Straßen illustriert die Ungleichheit in unserer autogerechten Gesellschaft. Bereits jede vierte Neuzulassung in Deutschland ist ein sogenannter SUV. So weit, so schlecht. Doch Ungleichheit nützt dem Wachstum.

Diese Sicht der Welt galt in der Antike und im Mittelalter schon deswegen als unumstritten, weil Ungleichheit als naturgegeben, gottgegeben galt. Erst der Urvater der modernen Ökonomie, Adam Smith, stellte sich die Aufgabe, Armut nicht durch Almosen zu lindern, sondern durch wirtschaftliche Prozesse aufzuheben. Doch ein solches »Mindesteinkommen« sollte wirtschaftliche Ungleichheit nicht aufheben. Erst der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau oder der Ökonom Karl Marx forderten Gleichheit.

Doch Aufklärung und Arbeiterbewegung - beide wollten alte Gesellschaftsformationen ablösen - blieb der Gedanke fremd, dass Ungleichheit nützlich für das Wachstum einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft sein könnte.

Im deutschen »Wirtschaftswunderland« der 1950er Jahre beklagte der damals populäre Soziologe Helmut Schelsky eine »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« als Bremsklotz. Schelsky folgten Heerscharen von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern. Dabei hatten sie den, nun ja, gesunden Menschenverstand auf ihrer Seite. Dies zeigt ein gedankliches Experiment: In einer Gesellschaft, in der alle gleich viel verdienen, fehlt der Anreiz, produktiv und erfinderisch zu sein, hart zu arbeiten. »Fehlender Anreiz« meint: »kein finanzieller Anreiz«. Dies mag man als Einschränkung empfinden - allerdings zeigen die Erfahrungen der realsozialistischen Länder, dass idealistische Motive für die Arbeitswelt nicht ausreichen müssen.

Der schnöde Mammon und entsprechende Konsummöglichkeiten treiben uns an. Dem dürften auch viele linke Ökonomen grummelnd zustimmen. Will man diesen Antrieb, bedarf es der Ungleichheit. Zumindest in der Theorie gibt es ein bestimmtes Maß der Ungleichheit, das größtmögliches Wirtschaftswachstum bewirkt. Je nachdem, ob ein Land oberhalb oder unterhalb dieses optimalen Punktes liegt, kann sinkende oder eben sogar wachsende Ungleichheit das Wachstum ankurbeln.

Einkommens- und Vermögensungleichheit wurde von vielen Ökonomen lange als soziales oder politisches Problem behandelt - welches die Ökonomie wenig angehe. »In letzter Zeit wird jedoch auch in den Wirtschaftswissenschaften darüber diskutiert, dass zu große Ungleichheit zum Wachstumshemmnis werden kann«, schreibt Brigitte Preissl, Chefredakteurin der Zeitschrift »Wirtschaftsdienst« des Leibniz-Informationszentrums Wirtschaft. Die Zeitschrift wendet sich in einem Sonderheft der »Einkommens- und Vermögensungleichheit in einem wohlhabenden Staat« zu.

Ungleichheit wächst oder wächst nicht

Doch schon bei der Beschreibung des Phänomens beginnen die Wirtschaftswissenschaftler zu streiten, etwa ob und wie die Ungleichheit wachse oder welche Rolle die Wahrnehmung der Ungleichheit spiele.

Die Antipoden beispielsweise in der deutschen Wissenschaft bilden Fuest und Fratzscher. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht einen »immer breiteren internationalen Konsens«, dass die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in vielen Ländern erheblich zugenommen habe. Das DIW vollzieht unter Fratzscher einen Linksruck, nachdem es zuvor mit einer fast schon wirtschaftsliberalen Orientierung in der Öffentlichkeit kaum noch zur Kenntnis genommen wurde.

Der neue Ifo-Präsident Clemens Fuest, der in die großen Fußstapfen von Professor Hans-Werner Sinn, lange der wohl meistzitierte deutsche Ökonom, tritt, kontert: »In den vergangenen beiden Jahrzehnten sind Armut und Einkommensungleichheit weltweit zurückgegangen.«

Angenähert haben sich »linke« und »rechte« Positionen im Hinblick auf die Lage in der Bundesrepublik. Streichen wir die medialen PR-Blasen, ohne die politikberatende Wirtschaftswissenschaftler nicht mehr auszukommen meinen, bleibt folgende Geschichte: In Deutschland hat die Ungleichheit der »Markteinkommen« (Einkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Arbeit) zugenommen. Vor allem zwischen 1995 und 2005. Seit 2005 ist die Einkommensungleichheit ungefähr konstant geblieben.

Weitgehende Übereinstimmung besteht auch in der Einschätzung, dass die Ungleichheit der Markteinkommen in den meisten Industrienationen steigt. Sie wird allerdings in vielen Ländern durch staatliche Transferzahlungen wie Sozialhilfen, Wohngeld oder Rentenzuschüsse gemildert.

Bei den Vermögen hat die Kluft allerdings noch zuletzt zugenommen, da die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken faktisch das obere Drittel der Gesellschaft bevorteilt. Menschen mit höherem Einkommen und Vermögen legen im Regelfall ihr Geld nicht allein in kaum verzinsten Sparbüchern an, sondern profitieren von Wertpapieren und Kursgewinnen.

Neben solch »harten« Faktoren spielen »weiche« eine Rolle. Da die Messungsversuche der harten Faktoren teilweise umstritten bleiben, ist eine Bewertung der subjektiven Dimension erst recht fragwürdig. Im Trend scheint aber die öffentlich wahrgenommene Ungleichheit größer zu sein als die tatsächliche ist. Im Ländervergleich zeige sich, dass »es zwischen der tatsächlichen Verteilung der Einkommen und der kritischen Bewertung von Einkommensdifferenzen nahezu keinen Zusammenhang gibt«, hat Judith Niehues vom unternehmensnahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln herausgefunden.

Dies dürfte unter anderem an unzureichenden Statistiken und der medialen Aufmerksamkeit daran liegen. Zur Illustration ein Beispiel: Frau Meyer jobbt für 400 Euro prekär und zählt in entsprechenden Statistiken als Minijobberin mit. Als »Haushalt« oder »Familie« sieht die Lage jedoch anders aus: Der Mann verdient im fünfstelligen Bereich (monatlich) und der Junior studiert. Und jobbt - was ihn statistisch zu einem Geringverdiener in einem prekären Arbeitsverhältnis macht.

Effizient ist was anderes

Der befremdliche Glaube, gesellschaftliche Realitäten ließen sich von Berlin-Neukölln bis Nairobi in Zahlen einfangen, ist weit verbreitet. Welcher Statistik von DIW und Ifo, IWF und OECD, welchem Gini-Index man auch immer sein Vertrauen schenken mag: Immerhin entspricht die lange als sicher geltende Formel, dass mehr Gleichheit nur durch weniger Effizienz »erkauft« werden könne, nicht mehr dem Stand der Forschung, schreibt Frau Preissl. Also sei hier gefragt, wo Ungleichheit »effizienzmindernd« wirkt? Eine Antwort geben Gerhard Bosch und Thorsten Kalina vom Institut Arbeit und Qualifikation in Duisburg für die »Primäreinkommen« (Markteinkommen).

Erstens belaste eine unausgeglichene Primärverteilung den Staat, da er Notlagen ausgleicht. Dies destabilisiert zudem den Sozialstaat, dessen Ressourcen durch steigende Aufkommen zur Kompensation einer zunehmend ungleichen Einkommensverteilung verbraucht - statt investiert - würden.

Zweitens fühlten sich Empfänger von bedürftigkeitsgeprüften Transferleistungen häufig als Bürger zweiter Klasse. Sie beteiligen sich weniger am gesellschaftlichen Leben, etwa an Wahlen. Was den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist jedoch eine Produktivkraft in einer arbeitsteiligen Gesellschaft.

Drittens verzerre eine wachsende Ungleichheit der Lohneinkommen den Wettbewerb zwischen den Unternehmen. Ein Teil der Unternehmen wälzt durch zu niedrige Löhne einen Teil der Arbeitskosten auf die öffentliche Hand ab.

Die OECD schätzt in ihrer 2015 erschienenen Studie »The effects of pro-growth structural reforms on income inequality«, dass durch den Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren die deutsche Wirtschaftsleistung heute um 6 Prozent geringer ist, als sie bei weniger Ungleichheit sein könnte. Ungleichheit verschlechtere beispielsweise die Gesundheit und werde so mittelbar wirtschaftlich zur Wachstumsbremse. Hohe Ungleichheit provoziere zudem einen Verteilungskampf innerhalb einer Gesellschaft, der wichtige produktive Ressourcen binde.

Ungleichheit stärkt Finanzmärkte

Zwei Aspekte kommen in der deutschen und internationalen Diskussion oft zu kurz. Da ist zum einen das Problem der Nachfrageschwäche. Ungleichheit bedeutet, dass ein Großteil der Gesellschaft weniger Geld ausgeben kann, als es in einer »gleicheren« Gesellschaft möglich wäre.

Dies führt zu einer zweiten Wachstumsbremse, auf die vor allem Jörg Huffschmid immer wieder hinwies. In einem seiner letzten Interviews sagte der 2009 verstorbene Kapitalmarktexperte der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: »Die ausdauernd schwache Binnennachfrage in den Industriestaaten bei gleichzeitiger Umverteilung von unten nach oben führt zur Anhäufung von Geld bei Unternehmen und Reichen, das nicht wieder produktiv investiert wird.« Stattdessen legten Vermögende und Unternehmen es auf den Finanzmärkten an.

Investitionen auf den Finanzmärkten bestehen allerdings zu einem guten Maß aus einem Vermögenstausch Geld-Wertpapiere oder Wertpapiere-Wertpapiere, wirken also unmittelbar nicht produktiv. Wirtschaftliches Wachstum, allzumal nachhaltiges Wachstum, setzte stärkere realwirtschaftliche Investitionen voraus. Daran aber mangelt es in den sogenannten Industriestaaten.

Letztlich scheint mir, dass diese Sicht von vielen Ökonomen sogar geteilt werden könnte. So ist die Frage nicht, ob es Ungleichheit gibt oder ob diese negativ wirken kann. Es stellt sich dagegen die Frage, ab wann eine Ungleichheit so hoch ist, dass sie wirtschaftlich massiv kontraproduktiv wirkt. Darauf kann es gleichwohl keine generelle Antwort geben. Von der »protestantischen Ethik« Max Webers bis zum religiös motivierten Terrorismus, von der Frauenquote im Aufsichtsrat bis zum Anteil der Sozialausgaben an der Volkswirtschaft sind die »Variationen des Kapitalismus« in den Ländern zu individuell. Eine Gesellschaft der Gleichheit dürfte in der bürgerlichen Demokratie, im Kapitalismus ohnehin nicht durchsetzbar sein. Immerhin sollte selbst der unsozialste SUV-Fahrer verstehen, dass mehr ökonomische Gleichheit nicht allein humaner, sondern oft auch für die Kapitalverwertung nützlicher wäre.

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