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Von Horst Schöppner
Was tun gegen rechts?

Debatte: Gewalt gegen Nazis?

»Gewalt gegen Nazis wirkt«, kommentiert der Antifaschist und Buchautor Horst Schöppner. Er blickt historisch zurück und wirft seine Gedanken in die aktuelle linke Debatte, was wirksam gegen AfD und PEGIDA getan werden könnte. Sein Beitrag ist ein Auftakt zu einer Debatte.
Was tun gegen rechts?: Debatte: Gewalt gegen Nazis?


Gewalt gilt als böse: Gewalt gegen Polizisten. Gewalt auf Demonstrationen. Gewalt gegen Nazis.

Wir lernen Gewaltlosigkeit: Streitschlichten, Deeskalieren, Sitzkreis. Warum aber unterhalten die USA die stärkste Armee der Welt? Warum rüstet die bundesdeutsche Polizei auf? Was macht die Bundeswehr in Afghanistan? Wer hat in Syrien den IS zurückgetrieben?

Der gewaltfreie Diskurs ist verlogen. Er ist reine Propaganda. Er dient dem inneren Frieden. Schon die gesellschaftlichen Verhältnisse sind gewalttätig. Oder spenden Sie an Reiche, damit sie noch reicher werden?

Fakt ist: Gewalt wirkt. Egal, ob es einem gefällt oder nicht. Gewalt wirkt auch gegen Nazis. Vielleicht wirkt sogar nur Gewalt gegen Nazis.

Wir probieren etwas aus: Eine Diskussion mit einem Rechten. (Zur Erinnerung: Eine Diskussion, so Wikipedia, ist ein Gespräch (auch Dialog) zwischen zwei oder mehreren Personen, in dem ein bestimmtes Thema untersucht (diskutiert) wird, wobei jede Seite ihre Argumente vorträgt. Als solche ist sie Teil zwischenmenschlicher Kommunikation.)

Nehmen wir daraus zwei Bestandteile:

1. Argumente vortragen

Das hieße erstens, dass ein Rassist, Islamhasser oder Nazi Argumente hat, und zweitens, dass er (oder sie) Ihren Argumenten zuhört (und sie versteht!).
»Die Flüchtlinge sollen wieder heimgehen.«
»Warum?«
»Die gehören nicht hierher.«
»Stimmt, deshalb heißen sie ja Flüchtlinge. Warum sollen sie heimgehen?«
»Weil sie nicht hierher gehören.«
»Stimmt, sind ja Flüchtlinge.« usw.

Oder:
»Wir können nicht alle aufnehmen.«
»Wieso? Wir sind reich, wir haben Platz und freie Arbeitsplätze.«
»Ich bin nicht reich und habe keine Arbeit.«
»Hat Ihnen ein Flüchtling etwas weggenommen?«
»Nein.«
»Was hat das also mit den Flüchtlingen zu tun?«
»Wir können aber nicht alle aufnehmen.« usw.

So würde es vermutlich aussehen. Vorurteile sind keine Argumente. Hass braucht keine Begründung.

2. Zwischenmenschliche Kommunikation

Dazu sind mindestens zwei Menschen nötig, die sich respektieren, miteinander sprechen und zuhören.

Wenn Sie kein Rassist, Islamhasser oder Nazis sind, wenn Sie also die Parolen von PEGIDA oder AfD nicht gut finden, dann sind Sie für Ihr Gegenüber vermutlich automatisch: dumm, Antifa, Gutmensch, Neger, Lügenpresse, Schwuchtel, Staatsbüttel oder alles zusammen.

Menschen, deren Denken geprägt ist von Rassismus, aggressivem Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit, fehlender Toleranz, Hierarchiehörigkeit, Elitedenken etc., sind im Kern faschistisch. Ihr Weltbild ist geschlossen und in sich stimmig, Argumente können ihre Mauer aus Vorurteilen und Wertungen kaum durchdringen.

Wer so denkt, klammert sich an seine Feindseligkeiten und sein konstruiertes »Wertesystem«. Im Kern handelt es sich um zutiefst unsichere und ängstliche Menschen. Unsicherheit und Angst sind die Seele des Spießers, der Haltegriff für Blockwartmentalitäten, die Psyche der Befehlsempfänger. Das ist das Einfallstor. Allerdings nicht für Argumente, sondern für Gewalt. Faschismus ist keine Meinung, sondern tödlich. Und die bittere Wahrheit ist: Gegen Vorurteile und Hass gibt es keine Argumente.

Was sagt die Geschichte?

Es existiert kein Beispiel in der Geschichte, wo ein Diktator oder Faschist gewaltlos beseitigt wurde. Jeder gesunde Nazi ist ein potenzieller Mörder. Ergo ist jeder tötungsunfähige Nazi für seine Hassobjekte eine Gefahr weniger. Das klingt seltsam, entspricht aber leider den Fakten. Für mein Buch »Antifa heißt Angriff« (Unrast-Verlag, 2015) habe ich zahlreiche Interviews geführt und Beispiele aus den 1980er Jahren, der Geburtsstunde der militanten Antifaschisten, zusammengetragen. Das Bild ist eindeutig: je mehr Antifa, desto weniger Nazis.

Ein Beispiel: Im Oktober 1983 sollten zur Qualifikation der Fußballeuropameisterschaft der Männer die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei in Berlin zusammentreffen. Neonazis und rechte Fußballfans mobilisieren bundesweit zu einer zentralen Demonstration gegen Ausländer und Linke. Ein »Signal für das gesamte Volk Deutschlands« sollte es sein: »Kreuzberg muss brennen«. Die Stimmung im Land war tendenziell – um einen Begriff von damals zu benutzen – ausländerfeindlich. Helmut Kohl hatte 1982 gefordert, dass in den nächsten vier Jahren die Zahl der Türken um 50 Prozent reduziert werden müsse. Ins gleiche Horn blies Helmut Schmidt (SPD): »Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze.«

Antifaschisten und Autonome stellten sich gegen diesen Konsens und mobilisierten zu besagtem Fußballspiel nach Westberlin. Ein Meldesystem mit Fahrwachen wurde aufgebaut (Handys gab es noch nicht) und Treffpunkte vereinbart. Aktionsbereite Gruppen warteten in Wohnungen, um auftauchende Neonazis anzugreifen. Parallel wurde die Anreise für Nazis erschwert. In Hamburg brannten die Busse des Unternehmen Hansa-Rundfahrt. Zeitgleich gingen drei Fahrzeuge der Familie Wulff in Hamburg, die bis heute in neonazistischen Strukturen aktiv ist, in Flammen auf. Einen Tag später schalteten militante Antifaschisten eine Signalanlage der Deutschen Bundesbahn kurz vor der DDR-Grenze ab, um die mit Neonazis besetzten Züge nach Westberlin zu stoppen. Die Aktionen hatten Erfolg. Es traute sich kein Nazi in die Stadt. Der »Führer« Michael Kühnen hielt lediglich eine Rede per Telefon an versammelte Neonazis in einer Wohnung in Berlin-Wedding.

Bundesweit stellten Antifaschisten in dieser Zeit fest, dass Gewalt gegen Nazis wirkt. Wo die Antifa stark war, hielten sich die Nazis zurück. Ihr Aktionsrisiko stieg mit jedem aktiven Antifaschisten. Das ist bis heute so. Die Antifas von damals machten aber noch mehr Erfahrungen. Sie verübten Anschläge auf die Infrastruktur der Neonazis, die definitiv zu Handlungsunfähigkeiten bei Neonazis führten. In den Interviews führten sie aus: »So eine Aktion (Brandanschlag) gegen die Wehrsportgruppe Jürgens hat natürlich eine Menge bewirkt. Die hat ja deren Infrastruktur zum größten Teil zerstört. Die Nazi-Gruppe hat ja in der Form danach nicht mehr existiert. (…) Auch bei den kleineren Gaststätten hat sich natürlich rum gesprochen, dass es Folgen haben kann, wenn man Nazi-Versammlungen bewirtet. (…) Auch die Aktionen gegen faschistische Verlage sind für die immer ein teurer Spaß, außerdem können die ihren Scheiß nicht mehr drucken. Das behindert die Formierung schon«. Und: »…wenn du außerdem ständig als Nazi zu deinem Auto kommst, und es ist platt, dann nervt das auf Dauer erheblich. Und dazu gehört natürlich, eine Karre ab und zu mal abzufackeln, oder was von ihrer Logistik. Klar hält das die Nazis auf. Beim Nazi-Müller in Mainz war nach dem Brand in seiner Walhalla Schluss. Da gab es erst mal keine Hitler-Geburtstagfeiern mehr, keine bundesweiten Treffen, keine Winter- und Sommersonnenwendfeiern. Da war erst mal eine ganze Weile Ruhe im Karton. Klar hat das was gebracht.«

Es bleibt festzustellen, dass Gewalt gegen Nazis wirkt. Leider. Sicher genügt Gewalt alleine nicht. Es geht um einen gesellschaftlichen Diskurs. Aber es geht auch um Macht.

Was tun?

Dazu ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn plötzlich einmal 1000 Antifas eine PEGIDA-Demo in Dresden stürmen würden? Wäre danach alles beim alten? Welche Folgen hätte das? Würde der Hass speiende Kleinbürger noch immer große Reden schwingen? Würde er, im Angesicht einer antifaschistischen Faust noch immer hemmungslos gegen Minderheiten hetzen? Oder würde er reflexartig die Fresse halten, den Schwanz einziehen und nach Hause kriechen?

Umgekehrt muss man ja feststellen, dass sich ohne Gewalt bei PEGIDA auch nichts verändert hat. Im Gegenteil führten Hass und Gewalt der Nazis dazu, dass die AfD in den Parlamenten sitzt. Damit ist den braunen Verbrechern quasi ein parlamentarischer Arm gewachsen.

Aber natürlich, es muss nicht immer Gewalt sein. Oder zumindest nicht physische. Es gibt auch andere Methoden, die Nazis zurückdrängen können. Die Blockaden von »Dresden Nazifrei« haben beispielsweise gewirkt. Definitiv. Laut Gesetz und Rechtsprechung gelten aber auch Blockaden nicht als komplett gewaltfrei. Zumindest kann auch hier gesehen werden, dass konsequentes Handeln erfolgreich ist.

Das Gewaltverständnis geht bei einigen auch sehr weit. In Mainz sangen die Mitarbeiter des Staatstheaters gegen die AfD lautstark die »Ode an die Freude«. Ergebnis: Anzeige der Polizei (!) gegen alle Theatermitarbeiter. Die Beamten sahen die AfD-Kundgebung in grober Art und Weise gestört, und damit einen Verstoß gegen das Versammlungsrecht.

Lassen wir abschließend Bernd Langer zu Wort kommen, einen altgedienten Antifaschisten, der auch schon in den 1980er Jahren aktiv war: »Faschismus ist die höchste Form der Gewalt. Da musst du militant antworten können. Das geht sonst gar nicht. Also gewaltfreier Widerstand gegen Faschisten ist – wenn man die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges und so weiter sieht – für mich absurd.«

Der Mann kennt sich aus. So sieht die Realität nun mal aus. Leider!

Weitere Beiträge der Debatte:

»Die Schläge der Verzweifelten« von Elsa Köster

»Den Hebel finden – und ihn umlegen« von Peter Schaber und Fatty McDirty

»One Solution: Feminism! Im Kampf gegen die AfD müssen wir Antifaschismus und Feminismus gleichberechtigt zusammendenken« von Anna Berg und Tanya Zorn, aus »ak - analyse & kritik« Nr. 616

»Wir werden es wieder tun – nicht mit der AfD reden und die AfD nicht reden lassen« von AKKU (Antifa-Koordination Köln und Umland)

»Antifa heißt Gegenmacht und Klassenkampf« von [radikale linke | berlin]

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Über diesen Blog

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Keine gesellschaftliche Veränderung ohne außerparlamentarische Bewegungen: Sie kämpfen mit vielfältigen Aktionen für eine andere, bessere Welt. Sie fordern das Unmögliche und tragen dazu bei, Utopien näher zu kommen. Der Bewegungsblog betrachtet, was außerhalb von Parlamenten gedacht, geplant und worüber gestritten wird – interessiert, kritisch und mit der nötigen Sympathie.

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