Werbung

Der Beton weicht auf

Sigrid Grabmeier von »Wir sind Kirche« über Papst und Reformen

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit Äußerungen zum Kapitalismus oder Besuchen bei Flüchtlingen hat Papst Franziskus weit über die Kirche hinaus Sympathien gewonnen und Diskussionen angestoßen. Aber kommt mit ihm auch Bewegung in die katholische Kirche selbst, für deren Reform Sie seit 20 Jahren eintreten?

Es bewegt sich ganz deutlich etwas. Die Verantwortung für die Welt, die Franziskus formuliert, hat Rückwirkungen auf die Kirche. Heute eröffnen sich Möglichkeiten innerkirchlichen Diskurses, von denen Theologen früher kaum zu träumen wagten. Es gibt eine Tendenz zu einer »geschwisterlichen Kirche«, wie wir das nennen, es ist weit hinten ein Licht im Tunnel. Der Beton weicht langsam auf.

Konkret scheint die Dynamik aber schwach: Die Öffnung des Priesteramts für Frauen oder das Ende des obligatorischen Zölibats scheinen so wenig bevorzustehen, wie der Ausschluss verheirateter Geschiedener von den Sakramenten wirklich wankt.

Es gibt tatsächlich wenig Konkretes, es gibt aber eine Dynamik auch zu dem, was wir mit »Frohbotschaft statt Drohbotschaft« beschreiben. Franziskus› Betonung der Barmherzigkeit konfrontiert eine Haltung der Härte, was etwa die verheirateten Geschiedenen oder die Homosexualität angeht. Diese Dynamik geht nicht nur vom Papst aus, sondern hat einen breiten Widerhall in den Gemeinden. Weltweit haben etwa die Rückmeldungen nach der Familiensynode der Kirche ähnliche Themen gezeigt, mit denen sie sich noch schwer tut, aber zunehmend nach Lösungen sucht, etwa bei außerehelicher Sexualität oder bei Partnerschaften, die nicht den kirchlichen Traditionen entsprechen.

Muss sich die Kirche mehr der Realität der Menschen anpassen oder versuchen, diese Realität zu prägen?

Die Kirche hat sich immer schwer getan, von Lehren abzurücken, die einfach wissenschaftlich nicht haltbar sind, da muss sie sich anpassen. Die Kirche muss aber auch gestalten. Ihre Lehre dient dem Schutz der Schwächeren, ohne dass sich ein für alle mal sagen ließe, wer das ist. Die Schwächeren sind etwa die, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und an den Rand gerückt wurden oder die Kleinbauern in südlichen Ländern. Das Schwächere ist auch das ungeborene Leben, doch dürfen die, die eine Schwangerschaft abbrechen, nicht in Grund und Boden verurteilt werden. Barmherzigkeit bedeutet, auf die Beweggründe und Lagen der Menschen zu achten.

Wer derzeit etwa auf den polnischen Katholizismus und seine Haltung gegenüber Flüchtlingen blickt, muss eher Hartherzigkeit für den Kern der Lehre halten. Spricht Gott verschiedene Landessprachen?

Ich bin sehr froh über die Katholizität des Papstes, dass er also nicht national denkt, sondern im Sinn der einen Menschheit. Gerade im Osten Europas hat die Kirche eine sehr spezielle Geschichte. In Polen etwa ist das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Wertschätzung anderer Religionen, seiner weltkirchlichen Orientierung noch nicht angekommen. Es herrscht eine veraltete Theologie aus der Zeit vor 1960. Man darf aber nicht auf diese Kirchen heruntersehen oder auf sie einschlagen, es sind oft komplexe Prozesse, die zu solchen Wirklichkeiten führen. In Tschechien war es etwa so, dass Rom nach 1990 die reformorientierten Ansätze der Untergrundkirche der kommunistischen Ära kaputtgemacht hat.

Haben Christen für Sie gegenüber Atheisten einen privilegierten Zugang zu Moralität, zu Gerechtigkeit gegenüber den Menschen?

Nein, keinen direkteren, sondern einen anderen. Wie ich glaube, hat Gott uns diese Welt anvertraut, wir haben die Verantwortung, gut mit ihr umzugehen; es gibt für mich ein Du, das in dem Sinn zu mir spricht und an das ich mich wende. Atheisten haben eine andere Motivation, können aber natürlich Ähnliches denken und ich kann mit ihnen so gut zusammenarbeiten wie mit Christen.

Der christdemokratische Politiker Volker Kauder hat jüngst im Bundestag gesagt, die heilige Schrift ergebe kein politisches Programm.

Die Bibel gibt für mich kein parteipolitisches Programm, aber eine politische Haltung: Beistand für die Schwächeren und die Auseinandersetzung darüber, wer das ist und wie man diesen beistehen kann.

Die Kirche freilich hat eine jahrhundertelange Geschichte der Kollaboration mit der Macht …

… die mit der feindlichen Übernahme der Kirche durch das Römische Reich beginnt; seither war sie Mittel der Herrschenden und Religion eine überpersonale Macht, auf die sich diese beriefen. Jetzt sind wir in einem stetigen Lernprozess. Historisch muss aber auch differenziert werden, immer hat es auch Institutionen gegeben, die für die Schwachen da waren. Vermutlich waren das öfter die Frauenorte in der Kirche.

»Wir sind Kirche« veranstaltet in Leipzig den »Kirchentag plus« in der Alten Börse mit, bei dem es um Themen geht, die man auch bei Attac vermuten könnte: soziale Ungleichheit zum Beispiel. Sie selbst moderieren eine Veranstaltung zu Freihandel und TTIP. Wie ist das Verhältnis zum »großen« Kirchentag?

Entspannt und konstruktiv. Wir sind auch im offiziellen Programm vertreten und fühlen uns nicht in einer Nische. Die Vizevorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Karin Kortmann, kommt zu einer unserer Veranstaltungen. Beim ZdK hat sich viel bewegt in seiner Haltung zu uns. Ernstliche Differenzen gab es in der Vergangenheit auch eher in kirchlichen als in politischen Fragen, etwa als wir 2003 ein ökumenisches Abendmahl feierten. Von dieser Art, Gottesdienste zu feiern, haben wir uns entfernt, wir brauchen keine Opferpriester. Dieses Jahr veranstalten wir gar keinen Gottesdienst, denn Menschendienst ist Gottesdienst und umgekehrt.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!