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Stoß wider die Norm

Maurizio Pollini brachte Schönberg, Schumann und Chopin zusammen

In der Komischen Oper hatte er während der 70er, 80er Jahre einige Male gastiert. Das waren aufregende Abende. Nach der Wende kam er regelmäßig nach Berlin, um zu spielen. Jetzt lange Zeit nicht mehr. Pollini-Konzerte wurden abgesagt. Es gehe ihm nicht gut. Nun, er ist vierundsiebzig. Unterdes läuft der untersetzte, fast kahlköpfige Musiker leicht gebückt in kurzen Schritten zum Flügel. Aber Maurizio Pollini wirkt dennoch frisch. Der Elan ist geblieben. Die Fingerfertigkeit hat nicht gelitten.

Im bestens besuchten Großen Saal der Philharmonie spielte er am Montag zunächst Arnold Schönbergs »Sechs kleine Klavierstücke« op. 19. Sie dauern nur sechs Minuten. Drei Stücke sind mit »langsam« überschrieben. Das letzte, »sehr langsam«, hörte sich an, als hätte es den Schock der »5 Orchesterstücke« op. 16, mit denen Schönberg zuvor die Klangsprache umgewälzt hatte, nicht gegeben. Dem Ohr vermittelte sich ein Trauersatz, so menschlich, von wahrhaftigen Gefühlen durchdrungen, wie ihn vielleicht nur dieser große Pianist verwirklichen kann.

Neben Arturo Benedetto Michelangeli und Sergio Florentino (der wird eben gerade über eine umfangreiche CD-Edition wiederentdeckt) gehört Pollini zu den renommiertesten italienischen Pianisten der Gegenwart. Seit er den Dreierbund - er, Luigi Nono und Claudio Abbado - wegen seiner Karriere als Konzertpianist verlassen hatte, gab er fortan fast ausschließlich Werke der Klassik und Romantik zu Gehör, daneben glücklicherweise gelegentlich Schönberg, Boulez oder Nono und Messiaen. Die Genannten sind alle tot. Ist Pollini selber der letzt übrige Großpianist, der, die Moderne im Gepäck, ihre besten Piano- und Konzertwerke aufgeführt und über Zeiten hinweg ganze Serien von Beethoven-, Schönberg-, Chopin- und Schumann-Klavierwerken eingespielt hat?

Brillant kam unter seinen Händen Schumanns Allegro h-moll op. 8. Ein einsätziges, hoch inspiriertes Opus mit einem Prestissimo zu Beginn, das Schönbergs Langsamkeit zuvor vergessen ließ. Aber die Erinnerung daran kehrte zurück mit dem dritten Satz der Schumann-Fantasie C-Dur op. 17. Überschrift: »Langsam getragen. Durchweg leise zu halten«. Wie sehr sich doch die Komponierauffassungen der beiden Komponisten ähnlich sind. Pollini schien das mit Bedacht den Leuten vorführen zu wollen. Ob die es bemerkt haben? Scherzi und Nocturnes von Chopin, funkelnde Literatur, schlossen sich an. Pollinis Musizier-Elan schoss in den Ecksätzen des Scherzos Nr. 3 cis-moll op. 39 geradezu über, bisweilen so sehr, dass die Finger für Momente dem Wahnsinnslauf der Noten nicht gehorchten. Solch »Brüche« lassen aufmerken. Sie passen wunderbar, sind schön, zutiefst menschlich, ja für den, der dies schreibt, geradezu willkommen. Denn sie berühren Nervenpunkte des Betriebs. Der verlangt das Perfekte, Standardisierte, die große Figur, Musikheroen mit hohem Ausstellungswert. Stimmt was nicht zusammen, so, glauben dessen Verwalter, fällt das auf den Betrieb zurück. Richtig so. Es soll etwas auf solche Läden fallen, die, schaut man genauer hin, so viel Unfug verbocken, so vieles, was Kunst runterdrechselt und deren Macher mit. Das Un-Synchrone ist ein Plus, ein Stoß wider die Norm.

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