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Anschlag vereitelt, Gefahr bleibt

Düsseldorf entging wohl einer islamistischen Attacke, doch laut einem Medienbericht könnten nicht alle Terroristen gefasst worden sein

Nach dem vereitelten Terroranschlag in Düsseldorf besteht kein Grund zur Entwarnung: Laut Medienberichten wurde nur ein Teil der Terroristen festgenommen.

Man könnte auch von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Zum dritten Mal, so ließe sich argumentieren, wurde ein islamistischer Terroranschlag in einer Großstadt des Rheinlandes verhindert. Im Dezember 2012 konnte ein am Bonner Hauptbahnhof deponierter Sprengsatz gezielt zerstört werden, bevor er seinen potenziell verheerenden Schaden anrichtete. Ein Verdächtiger steht vor Gericht. 2006 verweigerten zwei Kofferbomben die Explosion, die zwei Islamisten in Regionalzügen in Köln deponiert hatten. Der Grund: Konstruktionsfehler. Mehrere Täter wurden in Libanon, einer in Düsseldorf verurteilt. Und nun wurde offenbar schon wieder ein schwerer Terrorangriff vereitelt, nachdem ein potenziell Beteiligter in Frankreich geplaudert hat. Die Konsequenz: doch kein Bombenanschlag im Auftrag des »Islamischen Staates« (IS) auf den stark frequentierten Heinrich-Heine-Platz, benannt nach einem konvertierten Juden und Linken, in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Und keine Schüsse auf Passanten im Chaos nach der Explosion. Kein Gemetzel an zufällig anwesenden Zivilisten - so wie es der IS offenbar plante.

Erneut bleibt NRW, bleibt Deutschland von einem schweren Terrorangriff verschont. Insgesamt drei Verdächtige, mindestens zwei davon Syrer, konnten am Donnerstag festgenommen werden, in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Baden-Württemberg. Bei allen soll es sich um Asylbewerber handeln. Doch am Freitag berichtete »Der Spiegel«, die Staatsmacht habe nur einen Teil der Terroristen erwischt. Die Terrorzelle sollte weiteren Zuwachs bekommen und zehn Personen umfassen, so das Medium unter Berufung auf angebliche Aussagen eines der Verhafteten. Noch nie war ein Terrorhinweis so konkret. Der Bundesanwalt bestätigte dies nicht. Das Bundesinnenministerium rief derweil zur Besonnenheit auf. Für eine grundsätzliche Bewertung der Geschehnisse sei es zu früh, und erst recht für Schlussfolgerungen, sagte ein Sprecher des Hauses.

Doch in Sicherheit wiegen kann sich insbesondere NRW nicht. Das einwohnerreichste Bundesland ist eine der Hochburgen des Salafismus, einer besonders reaktionären und gewaltaffinen Spielart des Islam. Über 100 Salafisten aus NRW landeten bereits in arabischen Bürgerkriegsgebieten, oft als IS-Kombattanten.

Die meisten blieben indes an Rhein und Ruhr - und es wurden immer mehr: Lauf offizieller Zahlen hat sich die Zahl der Menschen in der »extremistischen salafistischen Szenen« in NRW seit 2011 mehr als verfünffacht, stieg von 500 auf 2700. »Das ist keine Schätzzahl, die Sicherheitsbehörden haben ein waches Auge«, so ein Ministeriumssprecher.

Alle Salafisten weisen ein gemeinsames Ziel auf, nämlich die Überwindung der Demokratie und Etablierung eines islamischen Staates, heißt es in einem Papier des NRW-Innenministeriums. »Von einer größeren Zahl von Unterstützern im Umfeld ist auszugehen«, steht an selber Stelle vage.

600 Islamisten an Rhein und Ruhr gelten als gewaltbereit, ihre Zahl verdreifachte sich binnen zweier Jahre. 125 werden als extrem risikobehaftet eingestuft. Experten sprechen von »homegrown terrorism«, von terroristischen Eigengewächsen. Denn meist handelt es sich nicht um frisch Zugewanderte. Rund 90 Prozent stammen aus muslimischen Ursprungsfamilien, oft handelt es sich um Einwanderer der zweiten, dritten oder vierten Generation. Drei Viertel besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. »Es sind meist junge Männer, die oft in einer Lebenskrise stecken und vielleicht Ausgrenzungserfahrungen erlitten haben. Der Islamismus bietet ihnen Orientierung, Halt, Gemeinschaft und Sinn. Sie scheinen ein gottgefälliges Leben zu führen«, erläutert ein Sprecher des NRW-Innenministeriums die Attraktivität »der am schnellsten wachsenden extremistischen Strömung in Deutschland«.

2014 etablierte das Land ein Präventionsprojekt namens »Wegweiser«, eine Anlaufstelle für Lehrer, Eltern und Freunde salafismus-infizierter Jugendlicher. Beratungsstellen existieren in mehreren Städten. 160 junge Menschen werden intensiv betreut. Doch die Zahl der Salafisten steigt weiter, wenn auch zuletzt ein wenig langsamer als in den vorherigen Boomjahren.

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