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Der letzte »Tatort« vor der Sommerpause: Matthias Dell fand die Berliner Folge »Wir-Ihr-Sie« in Ansätzen nicht uninteressant, aber hinten raus doch ziemlich fad

Die »Tatort«-Sommerpause, die ARD-intern als die Zeit firmiert, in der am Sonntagabend keine Erstausstrahlungen gezeigt werden, beginnt wegen der Fußball-Europameisterschaft der Herren in diesem Jahr früh. Nämlich nach dieser Folge. Und sie dauert wegen der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro lange, nämlich bis Ende August.

So steht als Abschluss der Saison 2015/16 der Berliner »Tatort: Wir-Ihr-Sie« (RBB-Redaktion: Josephine Schröder-Zebralla), und man kann sagen, dass er diese Saison gut repräsentiert: in Ansätzen nicht uninteressant, aber hinten raus doch ziemlich fad. Thematisch geht zwei Wochen nach der Nürnberger Folge »Das Recht, sich zu sorgen« und eine dem Magdeburger Polizeiruf: »Endstation« der Erziehungsschwerpunkt weiter. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Kinder, die von Wohlstand verwahrlost oder von Eltern schlecht erzogen sind, dass der Weg in die Kriminalität führt.

Weil es sich um »Tatort« im 21. Jahrhundert handelt, reichte Ladendiebstahl oder körperliche Gewalt als ermittlungsstiftend nicht aus, und so wird zu Beginn in einer einerseits gar nicht so schlecht inszenierten (Regie: Torsten C. Fischer), andererseits auch ziemlich absurden Szene Katharina Werner (Katja Köhler) in einem Parkhaus zu Tode gefahren. Der Blick auf den Jeep mit den verdunkelten Scheiben streift Genre-Bilder, aus denen etwa Steven Spielberg vor vielen Jahren einen ganzen Film gemacht hat (»Duell«), wie Frau Werner sich selbst als Opfer positioniert, spricht aber dafür, dass sie keinen dieser Filme je gesehen hat, selbst wenn das spätere Wissen (sie kannte das Auto kannte und war über die Kinder darin überrascht), den Gang in Richtung Schafott zu plausibilisieren versucht.

Der »Tatort« jedenfalls nimmt die Gewalt, die aus der Actionszene resultiert, dankbar mit – dass dieser Voyeurismus schließlich gerechtfertigt würde durch die psychologische Grundierung der Figuren, kann man nicht behaupten. Das macht den deutschen Fernsehkriminalfilm einzigartig: Wenn filmische Mittel Streichhölzer wären, dann zündelt er damit halbgekonnt rum in der Gewissheit, dass am Ende doch immer die Moralfeuerwehr ausrückt, um alles unter Wasser zu setzen (und nicht etwa Genremuster und Bildlogiken einen Sinn ergeben). Es wird also die Szene des maskulinen Jeeps mit den zarten Mädchen am Steuer gereenacted, um die Täterin rauszufinden – indem der Werner-Sohn, der als Zeichen der Anklage traurige Ringe unter die Augen geschminkt bekommen hat, als Moralzombie aufs Kfz zumarschiert.

Im Grunde ist es ja lobenswert, dass der »Wir-Ihr-Sie« versucht (Drehbuch: Dagmar Gabler), der Zuschauerin vor dem Bildschirm zu erklären, wie die jungen Leuten von heute so drauf sind. Richtig schlau wird man aus denen aber nicht, weil die Konflikte so grob gezimmert sind wie der Arm-Reich-Gegensatz von Vorder- und Hinterhaus. Als Zeichen der Übersetzungsschwierigkeiten fungiert jene Szene, die melancholisch getönt (Musik, again: Fabian Römer) die Textnachricht-Kommunikation der jungen Leute auf das Schnitttempo verlangsamt, bei dem auch älteren Betrachtern nicht übel wird.

Schwer trägt der Berliner Fall leider an dem sich immer noch ziehenden Geheimnis des nun offen schwulen Kommissars Karow (Mark Waschke), der keineswegs der erste homosexuelle Ermittler der »Tatort«-Historie ist, Liz Ritschard (Delia Mayer) in Luzern liebt bekanntlich eine Frau. Man kommt, trotz schwarz-weiß-getöntem Was-bisher-geschah zu Beginn nicht mehr erinnert, worin das Problem von Karow besteht und wie es zu lösen sein könnte. Das verbindet diesen Nebenstrang immerhin mit der Familie von Nina Rubin (die doch eigentlich so eigene Meret Becker) – warum muss das alles so plakativ und unsympathisch sein und fern von dem, was es behauptet, nämlich Normalität?

Für die Freunde der Sozialdemokratie, des gesellschaftlichen Ausgleichs also, hält »Wir-Ihr-Sie« indes noch eine städtebauliche Pointe allererster Kajüte bereit: Der »Tatort« integriert nämlich erstmals das Haus in der Brunnenstraße 9 des Architekten Arno Brandlhuber und die im Wiederaufbau befindliche Schlossattrappe in einen ARD-Sonntagsabendkrimi. Die Ikone der revanchistisch-sentimentalen Sturheit älteren westdeutschen Bürgertums, das durch die Rekonstruktion des Wilhelminismus mit den Mitteln des Parkhauses mal eben die deutsche Geschichte von 1914 bis 1990 skippen will, versus ein Haus, das eine Investitionsruine der erregten Nachwendezeit mit einfachen Mitteln in einen architektonischen Hingucker verwandelt hat – weiter voneinander entfernt kann der Blick auf die Gegenwart des deutschen Bauens nicht sein.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Das war bloß blöder Sex.«

Ein Bewusstsein, mit dem man in Gehaltsverhandlungen gehen sollte:
»Ich mach doch hier kein Schmierentheater für einen alten Patriarchen.«

Etwas für den Grabstein:
»Aber die hat genervt.«

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