»Ich glaube an Gott: an Bach«

Deutsches Theater Berlin: Gregor Gysi trifft Zeitgenossen - diesmal Peter Schreier

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Da lag das Baby also auf dem Flügel. Und die Tasten schlugen an. Klopfte aus dem Innern des Instruments ein inspirierender Rhythmus - zum Herzen hin? Ach, der musizierende Vater, Kantor und Lehrer, benötigte einfach eine kurzzeitige Ablage für das kleine Lebensbündel. Der Korrespondenz von Motiv und Wirkung ist also auch in diesem Falle zu misstrauen. Gregor Gysi hatte den Sänger Peter Schreier als Gast seiner Gesprächsreihe im Deutschen Theater Berlin, er fragte ihn nach der Klavier-Episode, der Künstler aber neigt nicht zur Metaphysik und gibt so gleich zu Beginn ein schönes Beispiel seiner glaubhaften Selbstdämpfungsart. Früheste Inspiration? »Ist mir nicht bewusst.« Weltstar? »Vielleicht.« Erfolg? »Ja, und?« Nichts wirkt kokett, alles gediegen vorsichtig: Genieß die Gnade, die dir beschieden ist. Der Sänger weiß: Es gibt manches in der Welt, das lässt sich nicht sagen. Singen schon.

Musik dringt anders in uns ein als Sprache. Beglückend vernunftfrei. Sprache bleibt jenseits allen Ausdrucks doch: Mitteilung. Musik teilt nicht mit, Musik ist - unmittelbarer geht nichts. Mit Musik teilen wir eine einzigartige Empfindungsvollkommenheit. Wenn eine Musik endet, erleben wir, wie es Martin Walser sagte: »Armut«. Gesagt hat er es vor Jahren - im Gespräch mit Gysi, auf dieser Bühne, wo jetzt Schreier sitzt. Im Publikum dessen langjähriger Intendant, Hans Pischner, über hundert. Schreier schaut herunter, es ist ein Aufschauen. Dank.

Peter Schreier sang so, als ob es Abgehobenheit nicht gäbe. Das Lied aber dennoch als edle Bemächtigungsgebärde - wider die Welt, die nicht gesangvoll, sondern nur geräuschvoll ist. Mehrere Einspielungen offenbaren: Dieser lyrische Tenor sang - natürlich. Dies entsprach, wie es der Musikwissenschaftler Jürgen Kesting formulierte, »einer Forderung der frühromantischen Ästhetik: Kunst als absichtslose Natur erscheinen zu lassen«. Im Absichtslosen freilich: Gestaltungskraft. Und der Gesang erzählt sehr unumwunden, sehr selbstverständlich vom Gleichgewicht zwischen Religion und Emanzipation - als könne da einer die Wunder Bachs (Schreier sang oft dessen Evangelisten der »Matthäus-Passion«) in alle kommenden Zeiten hinein verlängern. Als könne er wenigstens ein Lied davon singen.

Schreiers Feld war nie der Zusammenprall, er blieb in schönstem Sinne weich, poetisch, hell. Ein Bote des schöngemachten Schmerzes. Gelingendes Leben ist: sich schönmachen gegen alles. Der Sänger als Arbeiter im Bergungsdienst für ausgesetzte Seelen. Geboren wurde er 1935 in Meißen, Sohn eines Lehrers und Kantors. Das Bombeninferno von Dresden beobachten Schreier und seine Mitschüler vom Schulturm aus: Ein paar Kilometer Luftlinie machten aus dem Krieg ein staunenswertes Spektakel - aber plötzlich dessen andere Seite: Elf singende Kruzianer sind tot. Besatzungszeit. Die Russen kannten Heinrich Schütz, »was man nicht mal heute von jedem Deutschen sagen kann«. Die erste Lebensschule: jener Dresdner Kreuzchor. Dessen Leiter Rudolf Mauersberger gab dem Chor diesen »metallisch jungenhaften Toncharakter«, im Gegensatz zu den Wiener Sängerknaben, »die mitunter wie ein Mädchenchor wirkten«. Mauersberger, der »Klangmagier«, aber vielleicht »kein sehr guter Pädagoge«. Der dem Jungen solistische Altpartien anvertraute, ihn förderte, aber mit einer Solopartie auch überforderte. Bis an die Grenze zum Zusammenbruch.

Gysi fragt als Bewunderer. Von ihm konnte man kürzlich in einem Zeitschriften-Fragebogen lesen, am liebsten sänge er, »wenn niemand zuhört«; beim 2. Satz der »Eroica« kämen ihm die Tränen; »glücklich« mache ihn »Cry Baby« von Janis Joplin, und ohne Singen »würde mir viel fehlen - aber stumm wäre ich auch nicht«. Bei Einspielungen an diesem Vormittag blickt er den Sänger an, denn der bietet ein schönes Bild: zwischen Versunkenheit und plötzlich neu erwachender Spannung, als sei da noch weiter am Ausdruck zu arbeiten. Schreier sinnt den eigenen Tönen nach, bewegt fast unmerklich die Lippen.

Nach seinem Gesangsstudium gehörte Schreier Jahrzehnte lang dem Ensemble der Staatsoper in Berlin an. Ein Triumphator, weltweit von Salzburg bis New York, von Wien und Paris bis Japan. Das Ehrenmitglied des Hauses Unter den Linden hat die Welt gesehen, weil die Welt ihn hören wollte. In späteren Jahren war er auch Chor- und Orchesterdirigent (Karajan zeigte sich beeindruckt, »lieh« ihm konzertweise seine Berliner Philharmoniker). »Ich dirigierte aus der Sicht des Sängers, nicht unterm Banne der Selbstgestaltung.« Wieder: Bescheidenheit, Indienststellungscharme.

Der Sänger - zwei Söhne, sieben Enkel - erzählt von seiner Liebe zum Jazz, zum Fußball. Spricht über Hindemith, Britten. »Na ja, etwas überspitzt gesagt: Bis zu ihnen - und danach hört die Musik für mich auf.« Einmal sollte er zu Ministerpräsident Biedenkopfs Geburtstag singen. »Nein! Er hätte ja in meine Konzerte kommen können.« Ob er an Gott glaube? »Ja«, sagt der bekennende Christ, »an Bach«. Wieder hören wir in die »Matthäus-Passion« hinein: Das ist Christentum! Ein Gnadenerweis. Wer sagt, es gebe Gott, drückt ein Bedürfnis aus, antwortet auf eine Not. Durch die Antwort schafft er sich Gott. Die Aussage, Gott gebe es nicht, ist ein geringerer Text: Da hat jemand eine Not weniger, also eine Sprache weniger, also ein Fühlen weniger. Selbst wenn er die gleiche Musik singt, hört.

Stets wurde Schreiers Stimme ob ihrer Alterslosigkeit gerühmt. Aber er hat sich nicht verführen lassen, den Zeitpunkt seines Bühnenabschieds auch nur um die entscheidende Sekunde zu spät zu setzen. Tenors Timing bis zur letzten Tonsetzung, mit siebzig. Meisterlich. Das muss ein Weltstar können. Das ist noch unbedingt ein Teil der höchsten Kunst. Von seinem Tamino an der Deutschen Staatsoper hieß es, er singe nicht, er sei, und dies erhebe ihn zum Gnadenfall des Erlebnisses Kunst. Nicht zufällig also gab Schreier just mit dieser Zentralgestalt aus Mozarts »Zauberflöte« seinen Bühnenabschied. Schreiers Frau saß in einer der letzten »Zauberflöte«-Vorstellungen neben einer Dame mit Enkelkind. Das plötzlich fragte: »Oma, muss der Tamino immer so ein alter Mann sein?«

Schreier erzählt's fast kichernd, auch sein Liederleben beendete er aus Vorsicht: »Ich wollte nicht, dass die Leute sagen: Ach, früher hat er so schön gesungen.« Ein Problem, das Gysi auf andere Weise kennt: Man räumt Steine aus dem Weg und gilt plötzlich selber als Stein, und immer sind es die Kiesel, die am liebsten und am schnellsten Abräumdienst spielen.

Es war ein ruhiges, zur Knappheit neigendes Gespräch, und so viel man wissen und erfahren mochte, so sehr beeindruckte Peter Schreier doch durch seine Zurückhaltung - als wolle noch jedes seiner Worte vor allem eines ausdrücken: dass jeder Kunstausübung ein Wille zum Geheimnis innewohnt. Die Fische im obligaten Bühnenaquarium schwiegen dem Sänger ihr einhelliges Ja zu.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung