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Eine, die weiß, dass es kein »wir« gibt

Folgt Jutta Allmendinger auf Joachim Gauck? Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin hat gute Chancen: Sie ist eine Frau, hat ein linkes Profil und kann harmonisieren. Von Ellen Wesemüller

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es gibt ein Interview mit Jutta Allmendinger, das unfreiwillig auf den Punkt bringt, wofür die Soziologin steht. Der Gesprächspartner beginnt: »Es ist alles viel besser als früher, man duzt den Chef, die Kollegen sowieso, die Stechuhr ist Geschichte und außerdem, die Jobs sind alle viel spannender als früher. Und wenn man mal länger bleibt, der Kicker steht ja in der Ecke zum Entspannen und der Pizzaservice, der dann kommt, der wird natürlich aus der Firmenkasse bezahlt.« Allmendinger unterbricht den Deutschlandfunk-Journalisten: »Man muss sofort sagen, das bezieht sich natürlich nur auf wenige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Denn Sie haben mit Sicherheit keine Pizza oder keinen Kicker in der Ecke bei Kassierern oder bei Kassiererinnen.« Man merkt sofort: Allmendinger weiß, dass es kein »wir« gibt. Dass die Gesellschaft eine gespaltene ist. Und sie unterfüttert diese Erkenntnis nicht mit Ideologie, sondern mit Umfragen und Statistiken.

Die Arbeitsmarktforscherin ist eine, die Position bezieht: für die Frauenquote in Führungspositionen, gegen Hausaufgaben und das Ehegattensplitting, das sie abfällig »Eheprämie« nennt. Junge Mütter sollten »ihren Beruf erst gar nicht aufgeben«, sagt sie, sondern »die Betreuung mit den Vätern teilen«. Sie sollten »mit wenigen Stunden beginnen und dann nach und nach auf 32 Stunden gehen.« Sätze in dieser Klarheit sind selten geworden, unter Sozialdemokraten (Allmendinger ist SPD-Mitglied), aber auch unter Wissenschaftlern. »Sie nimmt sich viel Zeit, um zu einem Urteil zu kommen«, sagt Andreas Lebert, Chefredakteur des Magazins »Zeit Wissen«, mit dem sie ihre jüngste Studie über das Lebensgefühl der Deutschen veröffentlicht hat. »Sie sagt ihre Meinung klar heraus und macht nicht noch drei Einschränkungen.«

Auf die Frage, wie viel sie selbst arbeite, sagte sie einmal: »80 Stunden, diese Woche«. Für einen Kommentar zu den jüngsten Spekulationen ist sie nicht zu sprechen: Sie arbeite an einer wissenschaftlichen Studie und nehme sich eine Schreib-Auszeit, sagt ihr Sprecher Paul Stoop.

Zeit für einen Rückblick: Allmendinger studiert Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Mannheim, promoviert an der Harvard University, habilitiert an der Freien Universität Berlin. Mit 36 Jahren erhält sie einen Ruf als Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, von 2003 bis 2007 leitet sie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Seit 2007 ist sie Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Und nun wird sie als nächste Bundespräsidentin gehandelt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat seine Genossen indes angewiesen, keine Namen mehr zu nennen. Auch, um Wunschkandidaten nicht zu verbrennen. Aus der SPD-Führung heißt es gegenüber dem »nd«, Allmendinger sei ein ernstgemeinter Vorschlag: Es sei wahrscheinlich, dass eine Frau unterstützt werde. Es gebe auch keinen anderen Kandidaten, die über Parteigrenzen hinweg überzeugen könnten. Dass Allmendinger bei der LINKEN Gefallen findet, ist nicht unwahrscheinlich. Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht sagte kürzlich, wenn die Kandidatin ein soziales Profil habe, sei ihr »relativ egal, welches Parteibuch diese Persönlichkeit hat«.

Doch wo viel Sonne ist, da ist auch Schatten. Allmendingers Tätigkeit bei der Bundesagentur für Arbeit fiel in die Zeit der Hartz-Reformen. Sie sagt eben auch: »Die ganze Agenda 2010 war mutig und hat gute Ergebnisse, auch für den Arbeitsmarkt, gebracht.« Einige bezweifeln ihre politische Befähigung: »Sie hätte null Chance und wäre auch nicht geeignet«, sagt eine ihrer Kolleginnen. Rainer Hank, Wirtschaftsredakteur der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, spricht ihr ab, überhaupt wissenschaftlich interessant zu sein. Ihre Publikationstitel ähnelten sich, ihre Thesen - »Bildung ist wichtig, Chancengleichheit gerecht und Frauen sind benachteiligt« - seien »wahr und wenig originell«. 2006 prophezeite er: »So eine Fabrik« wie das WZB zu leiten, beende jede wissenschaftliche Ambition.

Das ist nicht passiert. In ihrer jüngsten Studie wandte Allmendinger sogar experimentelle Methoden an: So hielt sie den Befragten Düfte unter die Nase, damit sie »aus ihrem Inneren antworten«. Und noch etwas ist anders. In der Präsentation der Ergebnisse sagte sie: »Man könnte in vielerlei Hinsicht von einer gespaltenen Gesellschaft sprechen. Im Inneren, wenn es um die Werte und Normen geht, liegen die einzelnen Gruppen der Gesellschaft nah beieinander.« Plötzlich ist da doch ein »wir«. Vielleicht machen sie solche Worte zur Bundespräsidentin. Lebert sagt: »Sie kann Konflikte zuspitzen, aber auch harmonisieren.«

Allmendingers Vertrag beim WZB endet 2019. Schon oft rief die Politik ihren Namen. Bereits 2013 sagte sie: »In unterschiedlichen Sektoren zu arbeiten, finde ich sehr wichtig. Ob es die Politik sein wird, werden wir sehen.« Ja. Wir werden es sehen.

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