Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Strom bleibt knapp in Pakistan

Schlamperei, eine morsche Infrastruktur, Konflikte und schmutzige Kohle gehören zu den Problemen im Land

  • Von Gilbert Kolonko
  • Lesedauer: 4 Min.
Pakistans Regierung hat akzeptiert, dass sie ein schweres Stromproblem hat. Das muss gelöst werden, wenn das Land ökonomisch wieder auf die Beine kommen will.

Die Realität hat Pakistans Premierminister Nawaz Sharif rasch eingeholt. Als er im Sommer 2013 sein Amt antrat, versprach er, den täglichen Stromausfällen von bis zu 18 Stunden in ein paar Monaten ein Ende zu setzen. Zwar hat das Land Kapazitäten, um 23 000 Megawatt (MW) Strom herzustellen, was den Spitzenverbrauch der Bevölkerung von 20 800 MW decken würde. Wegen morscher Infrastruktur und Schlamperei werden aber nur 12 000 MW geliefert. So erklärte Sharif hastig, das Problem bis 2018 zu lösen. Wissenschaftler sagen voraus, dass das Land dann 32 000 MW verbrauchen wird.

Jetzt soll Kohle das Problem lösen. Selbst mit einem Bruchteil der Vorkommen ließe sich 400 Jahre lang ausreichend Strom produzieren, doch der Anteil der Kohle an der Stromproduktion beträgt nicht einmal ein Prozent; in Indien sind es 60. Doch schon jetzt verzeichnet Pakistans südliche Megametropole Karatschi jährlich die meisten Todesfälle wegen Luftverschmutzung. Die Städte Peschawar und Rawalpindi gehören zu den zehn Städten der Erde mit dem stärksten Smog.

Musadik Malik, Berater in Wasser- und Stromangelegenheiten für Premier Sharif, argumentiert so: »Wir wissen, dass Kohle schmutzig ist. Aber wir sind ein armes Land und haben keine andere Wahl.« Ein Land, dessen Premier als Milliardär zu den fünft reichsten Menschen Pakistan gehört und das sich eine der größten Armeen der Erde und Atomwaffen leistet, ist sicher nicht arm. Immerhin holt sich die Regierung Rat bei Experten. So weiß sie dank Musadik Malik, dass es in Sachen Strom auch noch an anderen Dingen hapert: »Bei Herstellung und Lieferung verlieren wir schon 22 Prozent. Von den restlichen 78 Prozent kassieren wir nur etwa 32 bis 33 Prozent.« Dass auch Malik, wie andere Experten, eine Teilprivatisierung des Strommarktes vorschlägt, hat Gründe: Bei der letzten großen Überprüfung der staatlichen Wärmekraftwerke waren sieben von elf außer Betrieb und die restlichen liefen mangels Kraftstoff auf Sparflamme.

Dazu kommen sich 15 Ministerien und staatliche Agenturen in Sachen Strom in die Quere. So sind Großprojekte wie der Kalabagh Damm seit 50 Jahren in Planung. Da sind es die Verantwortlichen der südlichen Region Sindh, die sich querstellen, obwohl der Damm zusätzlich eine Maßnahme gegen die alljährlichen Hochwasser sein könnte. Dafür will man jetzt im Norden des Landes den Diamer-Basher-Damm bauen, obwohl er mit 4500 MW nur etwas mehr Strom produzieren würde als der Kalabagh, aber drei Mal teurer wäre. Auch hat Nachbar Indien interveniert - 70 Prozent des geplanten Staudammes liegen in der Region Gilgit-Baltistan - sie ist Teil des Kaschmir-Konfliktes.

Die Verantwortlichen Pakistans hatten gehofft, dass sich China an diesem 14-Milliarden-Projekt beteiligt. Doch will Peking nicht in einer Region investieren, die von Indien und Pakistan beansprucht wird. Zudem liegt der Diamer Basher in rückständigen Stammesgebieten. 2013 fanden hier drei Massaker an schiitischen Busreisenden statt, dazu eins an zehn ausländischen Bergsteigern im Basecamp des Nanga Parbat.

300 Kilometer nördlich entstand 2010 ein ungewollter Staudamm durch einen Erdrutsch. Nur Glück verhinderte, dass der damals 26 Kilometer lange See nicht ausbrach und das steinige Nadelöhr Karakorum hinab tobte.

Aber auch mit der Kohle wird es nicht leicht. Etwa die Hälfte der vermuteten Reserven liegt in der unruhigen Provinz Belutschistan, wo die pakistanische Armee einen undurchsichtigen Kampf gegen belutschische Unabhängigkeitskämpfer und Islamisten führt; auch bei diesem Projekt haben die Chinesen schon abgewunken. Der andere Teil liegt in der Nachbarregion Sindh. Hier sind die Probleme keine Aufständischen, der tolerante Sufismus in Pakistan hat im Sindh seine Wiege. Es fehlt jegliche Infrastruktur, um die Kohle zu verarbeiten und zu transportieren

Zumindest in seiner Region Punjab hat Premier Shabaz Sharif mit zwei großen Stadtbus-Projekten gezeigt, dass er bereit ist, in die Infrastruktur zu investieren. Das Geld für weitere Projekte wird jedoch an anderer Stelle verschwendet. Allein die Subventionen für Strom und Gas - der in Pakistan produzierte Strom ist doppelt so teuer wie im Nachbarland Indien - kosten das Land jährlich bis zu fünf Milliarden Dollar. Oder das Geld wird erst gar nicht eingenommen: Nicht einmal eine Million der 200 Millionen Einwohner zahlen Einkommenssteuer. Strom wird auch gern gestohlen.

Es braucht also Veränderungen in vielen Bereichen. So sieht das auch der renommierte Wissenschaftler Michael Kugelman in einer Studie von 2015. Darin mahnt er an, dass es Geduld brauche und viele kleine Projekte anstatt einiger großer wie den Diamer-Basha-Damm. Dazu setzt er auf Nachhaltigkeit der Projekte und die geplante Gaspipeline mit Iran. Selbst wenn Pakistan kurz- und mittelfristig mit Strom Engpässen leben muss, ist auch Kugelman davon überzeugt, dass das Land das Know-how und das Potenzial besitzt, seine Probleme langfristig zu überwinden.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln