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Was zwickt denn da so verdächtig im Rücken?

Die Feuilleton-EM-Kolumne

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

Natürlich lag es weder an filigranen Finessen noch an einem athletischen Äußeren (und hoffentlich auch nicht an meinem Charakter!), dass mir meine Kollegen aus der Studentenmannschaft einst den Spitznamen »Cristiano Baronaldo« verpassten. Dabei befand ich mich 2006 bis 2010 wirklich auf dem Zenit meines fußballerischen Schaffens: Mal war ich blutgrätschender Vorstopper, mal über die eigenen Beine stolpernder Mittelläufer, immer jedoch zuverlässig einsetzbar auf Positionen, die es im modernen Fußball gar nicht mehr gibt.

Lange hatte ich nicht mehr an diese Zeit gedacht. Bis zur ZDF-Nachberichterstattung zum EM-Spiel zwischen England und Russland, in der Roman Neustädter nach seinem Pflichtspieldebüt für die »Sbornaja« am späten Samstagabend einem deutschen Reporter ins Mikrofon salbaderte: »Endlich darf ich für Russland spielen. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Ich bin schon 28.« Mit meinen 31 wähnte ich mich bislang nicht unbedingt halb im Grab; dank Neustädter aber sah ich mich plötzlich in eine mittelschwere Lebensendkrise stürzen. Bevor ich im Baumarktprospekt die besten Rollator-Modelle studierte, griff ich in einem Akt völliger Verzweiflung noch einmal zum EM-Sonderheft. Was ich nach den Rücktritten von Miroslav Klose, Philipp Lahm und Per Mertesacker vor zwei Jahren befürchtete, bewahrheitete sich beim Blick auf die Geburtsdaten: Diese Europameisterschaft ist tatsächlich das erste große Turnier, bei dem die ältesten Spieler im deutschen Team so alt sind wie ich.

Lukas Podolski, Mario Gomez und Bastian Schweinsteiger schleppen zusammengerechnet 93 Lebensjahre mit sich herum. In den Medien werden sie als Auslaufmodelle verspottet. Podolski sei zu langsam, Gomez ein unzeitgemäßer Stürmertyp und der nominelle Kapitän Schweinsteiger ein lauffaules »Chefchen«, mäkelt die jungbrunnenfixierte Sportjournallie. Da ich mich diesmal wirklich schwer tat, eine emotionale Nähe zur DFB-Elf zu entwickeln, hat Neustädter mir altem Sack damit wohl zumindest das Überleben im Schland-Wahnsinn der nächsten Wochen gesichert: Ich bin einfach leidenschaftlicher Fan des greisen Trios.

Glücklich, wenn auch nicht ohne erste bewusste Anzeichen für Alterswehwehchen (Was zwickt denn da so verdächtig im Rücken?), legte ich mich ins Bett und dachte an die alten Uni-Zeiten. Wenn wir von »Inter Heilandstallt« im katholischen Trier zu Hochschulwettbewerben antraten und die Gegner sich vom Spielfeldrand durch einen wild gestikulierenden Mann mit Taktiktafel und Klemmbrett die Geheimnisse von »Tiki Taka« und »Falscher Neun« in die auf Adoniskörpern thronenden Köpfe coachen ließen, freuten wir schmerbäuchigen Bengel uns nur aufs Feierabendbier.

Mit einem völlig anderen Anspruch dürfte der echte Cristiano Ronaldo am Dienstag für Portugal ins Turnier starten. Er will immerzu im Sinne dieses zum Egoistenlifestyle avancierten ehemaligen Teamsports ganz allein glänzen. Was habe ich mich nicht seit 2004 bei jedem Turnier gefreut, wenn er wieder einmal gescheitert war, dieser überhebliche Gockel. Mein (und sein!) neues Problem offenbart auch hier das gnadenlos faktengesättigte EM-Sonderheft: Er ist vier Monate älter als ich. Damit darf sich auch dieser scheinbar Galaktische schon mal auf irdisches Rückenzwicken freuen. Und er steht als EM-Opa diesmal unter meinem persönlichen Schimpfschutz. Go, Cristiano!

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