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Höllischer Nihilismus

Franco Bifo Berardi über die Zunahme von Massenmord und Suizid

Gibt es einen Zusammenhang zwischen drastisch steigenden Selbstmordraten, Amokläufen und der kapitalistischen Wertschöpfung und Arbeitsdisziplinierung im Neoliberalismus? Ja, sagt der Italiener Franco Bifo Berardi, der dieser Frage in seinem Buch mit dem ambivalenten, ja zweifelhaften Titel »Helden« nachgeht. Der Marxist, 1948 in Bologna geboren, ehemaliger Aktivist der Autonomia-Bewegung, publiziert bereits seit den 1970ern, wird hierzulande aber erst jetzt entdeckt.

Berardi will die Gründe verstehen, die dazu führen, dass Menschen sich selbst töten und immer öfter auch unzählige Unschuldige mit in den Tod reißen, wie vergangenes Jahr bei dem vom Piloten absichtlich herbeigeführten Absturz einer Germanwings-Maschine über den französischen Alpen, bei dem alle 150 Insassen ums Leben kamen.

Den Amoklauf zweier Schüler an der Columbine High-School 1999, bei dem zwölf Menschen erschossen wurden, versteht Berardi als Dammbruch. Denn auch andere Täter bezogen sich in den folgenden Jahren immer wieder auf dieses Ereignis. So der 18-jährige Pekka-Eric Auvinen, der 2007 an einer Schule nördlich von Helsinki acht Menschen erschoss oder der 23-jährige Cho Seung-hui, der im selben Jahr an der Virginia-Tech 32 Menschen umbrachte und zahlreiche andere zum Teil schwer verletzte. Berardi bezeichnet diese Täter als »Helden eines nihilistischen Zeitalters«. Ihnen ging es seiner Meinung nach vor allem darum, »aus der Hölle ihrer Existenz herauszufinden« und ihrem psychopathologischen Verlangen Ausdruck zu verleihen. Aber hinter diesen Ausbrüchen bewaffneter Gewalt verbirgt sich eine gesellschaftspolitische Dimension, die nicht nur etwas mit den lockeren Waffengesetzen wie in den USA oder Finnland zu tun hat.

Dass alle diese Täter zuvor jahrelang gemobbt wurden, ist bekannt. Berardi meint, in Zeiten eines zunehmenden Drucks im Erziehungssystem und in der Arbeitswelt, würden psychologische Probleme als persönliches, selbst verschuldetes Versagen gewertet. Depressive Menschen fühlten sich in Zeiten einer umfassenden Wettbewerbssituation, die alle Lebensbereiche durchdringt, und einer Arbeitswelt, die vermehrt auf die Inwertsetzung kognitiver Fähigkeiten setzt, als unfähig, richtig zu funktionieren. Die radikale Wettbewerbslogik findet sich laut Berardi auch in den Manifesten der jungen Täter wieder, wo oft von Auslese die Rede ist. Von Pekka-Eric Auvinen existiert ein Foto, auf dem er ein T-Shirt mit der Aufschrift »Humanity ist overrated« (Die Menschlichkeit wird überschätzt) trägt. Für Berardi ist das letztlich eine Paraphrase der neoliberalen Affirmation vom Naturgesetz des »Survival of the fittest« (Überleben der Stärksten. Fittesten).

Auch mit politischen Attentätern wie Andres Breivik und islamistischen Selbstmordattentätern setzt sich Berardi auseinander. Er analysiert spotlightartig Breiviks 1500-seitiges Manifest, das vor allem aus antikommunistischen und konservativen Positionen besteht. Ein Nazi sei der 1979 geborene Norweger, der 2011 mehr als 70 Menschen ermordete, laut Berardi nicht gewesen. Angesichts seiner Bluttat und des Hitlergrußes, den Breivik bei Prozessbeginn vor vier Jahren wie auch kürzlich im Gerichtsaal zeigte, ist diese Behauptung zu bezweifeln. Berardi schreibt, Breiviks Manifest befinde sich »in perfektem Einklang mit dem Spektrum jener identitären Kräfte, die überall in Europa im Wachstum begriffen sind - von der italienischen Lega Nord über Jobbik (Bewegung für ein besseres Ungarn) bis hin zu der finnischen Partei Perussuomalaiset (Wahre Finnen).« Für Berardi sind Gewalt, Dehumanisierung der Opfer und Rassismus der Amokläufer Ausdruck von einem »Kult des starken Individuums«, wie er heute fester Bestandteil unserer ökonomischen und gesellschaftlichen Kultur ist.

Immer mehr Menschen, auch im globalen Süden, wählen den Freitod, um den unmöglichen Arbeits- und Lebensbedingungen zu entkommen, seien es Angestellte der Sweat-Shops, die Malocher bei Foxconn, die von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeiter der France Télécom oder indische Bauern. Sie begehen aber Suizid, ohne zugleich andere Menschen umzubringen, um Aufmerksamkeit und Schlagzeilen zu erheischen. Ein großer Unterschied. Berardi ist jedoch zuzustimmen, wenn er fordert, sich der dystopischen Welt, in der Menschen für sich keine Alternative mehr sehen, kämpferisch entgegenzustellen. Die Hände in den Schoss zu legen, wäre die falsche Konsequenz.

Franco Bifo Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid. Matthes und Seitz. 260 S., geb., 22,90 €.

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