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Aus der Schule in den Konzertsaal

Tausende Kinder in Düsseldorf lernen den Spaß am Singen

  • Von Dorothea Hülsmeier, Düsseldorf
  • Lesedauer: 3 Min.
20 Minuten Singen zweimal die Woche: Mit der Düsseldorfer »Singpause« haben Zehntausende Grundschüler nebenbei in ihrer Schulzeit nicht nur singen, sondern auch Noten lesen gelernt.

Ein unglaubliches Tohuwabohu herrscht in der Düsseldorfer Tonhalle. 1000 Grundschüler zwischen sechs und zehn Jahren schnattern und rufen im städtischen Konzertsaal durcheinander. Mehrere Singleiter betreten die Bühne, geben Zeichen in alle Richtungen, augenblicklich wird es still. Dann singen 1000 Stimmen im einträchtigen Chor »Atte katte nuwa«, ein Volkslied aus Lappland. Es folgen »Im Frühtau zu Berge«, »Summer is acoming in« und auch ein südamerikanisches Volkslied.

Zur »Singpause« pilgern mehr als 13 000 Kinder aus über 60 Düsseldorfer Grundschulen an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen in die Tonhalle. Das ganze Jahr lang haben sie in ihren Klassen zweimal pro Woche 20 Minuten internationale Volkslieder geübt. Eine gemeinsame Probe gibt es nicht, und doch sitzt beim gemeinsamen Großkonzert jeder Ton. »Die Kinder könnten auch einen sechsstimmigen Kanon quer durch die Tonhalle singen«, sagt Manfred Hill. Der 72-jährige Chef einer Feuerlöscherfirma und Vorsitzende des traditionsreichen Städtischen Musikvereins hat vor zehn Jahren das erfolgreiche musikalische Projekt gegründet.

Seit 2006 haben laut Hill rund 80 000 Kinder bei den Düsseldorfer Singpausen mitgemacht. Unterrichtet werden sie von professionellen Sängern in der sogenannten Ward-Methode. Der Effekt: Am Ende der vierten Klasse »können die Kinder Noten lesen und ein einfaches Lied vom Blatt singen«, sagt Hill. Jede Woche gibt es an den Düsseldorfer Schulen rund 1160 Singpausen. 42 Sänger wurden inzwischen als Singleiter ausgebildet. Die Gesamtkosten von rund 680 000 Euro pro Jahr werden größtenteils von der Stadt und aus Spenden getragen.

Bereits zehn Städte bis hin nach Karlsruhe haben »Singpause« übernommen. Kürzlich war auch eine Delegation aus Hannover am Rhein. Hills Bedingungen für den musikalischen Export: Die Singpause muss für alle Kinder einer Schule offen und kostenlos sein, und sie muss sich über alle vier Jahre erstrecken. Auch Flüchtlingskinder werden sofort integriert. Das gemeinsame Singen fremdsprachiger Lieder verbindet über Sprachbarrieren hinweg. »Man kann in allen Sprachen dieser Welt singen«, sagt Hill.

Hill, Vater dreier Söhne, hat aber auch festgestellt, dass Singen als Form der musikalischen Bildung in der Gesellschaft verloren geht. »Wenn man 30- bis 50-Jährige heute fragt, ob sie singen können, sagen die meisten Nein.« Vielen Erwachsenen sei es peinlich laut zu singen, denn sie hätten schon als Kinder damit aufgehört. Auch Tonhallen-Intendant Michael Becker sagt: »In der Schule ist Singen schon nicht mehr selbstverständlich.«

Die zehnjährige Ricarda hat im Lauf ihrer Grundschulzeit vier Singpausen-Konzerte mitgemacht. »Das werde ich nie vergessen«, sagt die heutige Fünftklässlerin. »Wir hatten ein richtiges Gemeinschaftsgefühl.« Noten lesen könne sie jetzt auch. »Es wäre schön, wenn es auch nach der Grundschule noch eine Singpause gäbe.«

Mit Grundschulprojekten wie der »Singpause« oder dem in Baden-Württemberg entwickelten Programm »SingBach« und »SingRomantik« soll der potenzielle Nachwuchs bereits früh für Chormusik motiviert werden. Bei »SingBach« lernen Drittklässler Lieder, Choräle und umgearbeitete Arien von Johann Sebastian Bach, die sie in einem Abschlusskonzert präsentieren.

Der Deutsche Chorverband, in dem mehr als 22 000 Chöre zusammengeschlossen sind, beobachtet »eine neue Lust am Singen«. Der demografische Wandel treffe zwar auch die Chorlandschaft, sagt Sprecherin Nicole Eisinger. Aber seit einigen Jahren sei ein »Aufwärtstrend« zu verzeichnen. »Da kommt einiges nach.« Die Strukturen der Chöre aber seien heute anders. Die freie Szene etwa mit kleinen Vocal Pop-Ensembles wachse, denn viele Menschen seien mobil und könnten sich nicht mehr langfristig auf einen Chor festlegen. Auch Hill sagt: »Völlig egal, ob einer dann Hip Hop macht oder was auch immer. Hauptsache, es ist selbst gemachte Musik.« dpa/nd

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