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Laute und gellende Nächte

Ein Buch zeigt, wie sich Berlin zwischen 1880 und 1930 zur Weltstadt feierte

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Sängerin Cläre Waldoff war eine der populärsten Künstlerinnen und erinnerte sich in ihren Memoiren »Weeste noch …?« an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: »Ich fing an, die Berlinerin zu werden, ein Prototyp der Berliner, ein Repräsentant des modernen Berlin.« Von solchen Berliner Originalen lebte der Mythos der Kulturmetropole Berlin zu einem großen Teil, sie waren das »verkörperte Berlin«, allen voran Heinrich Zille und der Komponist Paul Lincke. Sein Schlager »Das ist die Berliner Luft« (1904) fungierte bald deutschlandweit als die Erkennungsmelodie der Hauptstadt. Er galt als synonym für das gewisse Etwas von Berlin, eine Kombination von militärischem Schmiss mit operettenhafter Fröhlichkeit.

Berlin war in den Jahren um die Jahrhundertwende bis zum Weltkrieg regelrecht vergnügungssüchtig. Ganz besonders wild soll es in der Kaiserzeit zugegangen sein, etwa 900 Etablissements mit »allgemeiner Tanzerlaubnis« gab es in der Stadt. Der Schriftsteller Edmund Edel, ein Insider der Künstlerszene, notierte in seinem Beitrag »Ich weiß Bescheid in Berlin« (1908) über das Nachtleben der Stadt in einem Reiseführer: »In keiner Stadt der Welt lachen die Nächte so laut und gellend wie in Berlin«. Man könnte sich zuweilen erinnert fühlen an unsere Gegenwart, wo junge Leute aus aller Welt nach Berlin reisen, nur um Partys zu feiern. Etwas ist dran an diesem Berlin, das es unverwechselbar unter den anderen europäischen Hauptstädten macht.

Der Band »Weltstadtvergnügen. Berlin 1880-1930«, hervorgegangen aus zwei einschlägigen Forschungsprojekten, überzeugt insbesondere durch die Breite des dargestellten Spektrums: Das Team der Autoren bezieht alles ein, was die ursprünglich eher provinzielle deutsche Hauptstadt zur Metropole der Massenkultur macht: die Kunstszene, Theater, Revuen, Vergnügungsparks (wie die Hasenheide oder den Luna-Park), das junge Genre Kino, die repräsentativen Kaufhäuser wie das KaDeWe, Kaufhaus des Westens. Und nicht zuletzt alles, was über den Atlantik herüberschwappte an neuen Tänzen, neuer Musik, neuer Mode.

Ein Star wie die afro-amerikanische Tänzerin Josephine Baker wurde überall auf der Welt gefeiert, und doch erinnerte sie sich später: »In Berlin war es, wo ich die allermeisten Liebesbriefe bekommen habe. Die meisten Blumen und Geschenke.« Wenn sie in atemberaubendem Tempo mit nach außen verdrehten Knien über die Bühne wirbelte, jubelte die Menge. Durch ihre Auftritte wurde der Charleston zum prägenden Tanz der Großstadtkultur in den zwanziger Jahren. Die großen Revuetheater wie das »Metropol« konnten den Ansturm kaum bewältigen. Und auch der aus Argentinien kommende Tango war ein Erfolgsrezept. Der Tanztee galt damals als eine der attraktivsten Veranstaltungen; im Grandhotel Adlon spielte das Orchester Marek Webers, im Hotel Eden beispielsweise lockte man mit einer Jazzband zum Charleston und mit einer argentinischen Kapelle zum Tango.

Die Gegend um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war ein beliebtes Vergnügungsviertel, und die Friedrichstraße avancierte zum Theaterzentrum der Hauptstadt. Varietés, Kabaretts, Bars und Ballsäle vermehrten sich in jenen Jahren rasant, und mit ihnen nahm auch das Laster des Kokainrauschs an Fahrt auf. Denn nicht vergessen darf man die massenhaft im Stadtbild auftauchenden Kriegsversehrten, die ebenfalls das Bedürfnis hatten, ihre vergeudete, verlorene Jugend nachzuholen. Ein Bild wie das berühmte Triptychon »Großstadt« von Otto Dix (1927/28) kann deshalb bis heute als Zeugnis dieser grellen Nachkriegsepoche gelten.

Das Buch »Weltstadtvergnügen« mit zahlreichen historischen Schwarz-Weiß-Abbildungen vermittelt ein eindrückliches Panorama jener Epoche, in der Berlin aus einer Ansammlung von Dörfern zu einer Metropole zusammengewachsen ist. Ihr Aushängeschild wurde die Vergnügungskultur.

Daniel Morat/ Tobias Becker/ Kerstin Lange/ Johanna Niedbalski/ Anne Gnausch/ Paul Nolte: »Weltstadtvergnügen. Berlin 1880-1930«, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, 30 Euro.

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