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Hoffentlich Elfmeterschießen

Die Feuilleton-EM-Kolumne

Da ich zur Zeit in klösterlicher Einsamkeit an meinem neuen Roman arbeite (er handelt von einem Spaziergang mit einem Zweijährigen), habe ich keinen Fernseher zur Verfügung und muss mit der sehr schlechten Internetverbindung streamen, um Fußball zu gucken.

Das Bild sieht aus, als würde Claude Monet den Kicker illustrieren, oder als würden die Spiele für den C64 programmiert. Die Spieler lösen sich in Pixelwolken auf, plötzlich gibt es keine Feinheiten wie Stockfehler mehr, weil immer nur Farbflecken sich aufeinander zubewegen, sich vermischen und sich neu formieren, es ist sehr meditativ. Vor allem gibt es keinen Ball mehr. Manchmal stoppt das Bild auch und man überlegt, wie der Spielzug weitergehen wird und freut sich, wenn die Spieler sich anschließend daran halten. Ohne den Kommentator wüsste ich gar nicht, was passiert.

Seltsamerweise ist es trotzdem spannend und macht Spaß zuzusehen, vermutlich würde ich sogar 90 Minuten eine senkrecht stehende Farbpalette anstarren und die ineinander verlaufenden Farben beobachten, nur um nicht arbeiten zu müssen. Hier im Ort gibt es auch ein Public Viewing in einer Hotelbar, wo allerdings die Musik nicht leiser gedreht wird und das Spiel deshalb von »Ostseewelle 80er Hits« kommentiert wird. Die Lieder hatte ich alle früher auf Kassette. Wenn ich die Augen schließe, bin ich wieder zwölf und sammle meinen Mut, um bei der Ferienlagerdisko ein Mädchen aufzufordern.

Was ist bei der EM bisher passiert? Bei Schweiz-Frankreich sind mindestens sechs Schweizer Spielern am Rücken die Trikots aufgerissen. Sie laufen dann zum Spielfeldrand, wo ihnen ein Betreuer ein nagelneues Trikot überstülpt, das sie nicht bezahlen müssen. Wenn ich denke, was für ein Schatz für mich als Kind ein gebrauchtes Adidas-Trikot aus einem Westpaket gewesen wäre, und sie bekommen sie einfach so umsonst! Darum beneide ich sie mehr als um ihr Jahresgehalt, weil ich mir so große Zahlen sowieso nicht vorstellen kann, ein Trikot aber sehr wohl. Genauso wie ich die Tennisspieler immer beneidet habe, dass sie in jeder Spielpause in einen mit Cola und Saft gefüllten Kühlbehälter greifen durften, was sie ganz achtlos taten, sie wussten ihr Glück nicht zu schätzen.

Am Dienstag hat Jogi Löw eine Pressekonferenz geschwänzt, weil er Halsschmerzen hatte. Wie ich das nachfühlen kann! Ich bin so oft erkältet, dass es mich schon beunruhigt, wenn ich es nicht bin, weil ich es dann bestimmt bald sein werde. An Jogis Stelle würde ich abreisen. Wir Männer müssen lernen, dass die Welt sich auch ohne uns weiterdreht.

Die Vorrunde ist zu Ende, die ersten spielfreien Tage nach zwei Wochen sind immer hart. Aber ich freue mich natürlich auf die Ausscheidungsspiele und hoffe, dass es so oft wie möglich Elfmeterschießen gibt, weil das viel spannender ist als der ganze Rest. Mir sind vor allem die Fehlschützen sympathisch, weil ich glaube, dass sie tiefere Gefühle haben, vielleicht lesen sie sogar mal ein Buch.

Ansonsten richten sich meine Sympathien bei den Spielern nach den Namen, und da liegen für mich der Isländer Sigthórsson und der Belgier Witsel vorn.

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