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Störung im Betriebsablauf

Sieben Tage, sieben Nächte: Wolfgang Hübner über ein stillschweigendes Lob eines eigentlich nervenden Zeitgenossen in der Berliner S-Bahn

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es gibt Tage, die beginnen nicht gut. Man muss früh raus, die Zeit ist knapp, und dann regnet es auch noch. Man hastet zur S-Bahn, angespornt von Aufmunterungen benachbarter rüstiger Ruheständler, die sich darüber freuen, dass sich jemand für ihre Rente abhetzt, keucht die Treppe zum Bahnsteig empor, um festzustellen, dass die Bahn ausfällt. Aus dem Lautsprecher scheppert eine seelenlose Standardausrede, irgendwas mit Störung im Betriebsablauf, man wird auch noch um Verständnis gebeten. Spätestens jetzt hat dieser Tag ganz schlechte Karten.

Die nächste Bahn rumpelt heran, natürlich ist sie voll, weil sie ja die Besatzung von zwei Zügen aufnehmen muss, und zuguterletzt drängt ein Radfahrer ins Abteil. Das hatte gerade noch gefehlt. Er zückt sein Mobiltelefon und beginnt eine umständliche Kommunikation mit irgendwelchen Kollegen. Frau A. müsse vom Ort B. abgeholt werden, aber weil Herr C., der das erledigen sollte, nicht erschien, muss das jetzt Frau D. übernehmen, die aber nichts davon weiß. Direkt neben einem geht der Mann seinen Dienstpflichten äußerst gewissenhaft nach, und die Bahninsassen fiebern bei der Erlösung von Frau A. mit.

Eigentlich möchte man die Zeitung lesen, bei der man arbeitet und an deren Gelingen man gestern wieder nach besten Kräften mitgewirkt hat. Sogar eine kleine Glosse hat man verfasst, die man gern gedruckt in Augenschein nähme, aber das erweist sich als unmöglich, denn es ist eng, und der Telefonist schiebt im Gedränge der Ein- und Aussteigenden sein Rad hin und her. Allmählich beschleichen einen Gewaltfantasien, man möchte ihm sein dämliches Telefon entreißen oder ihn des Waggons verweisen, soll er doch radeln zu seinem blöden Büro, in dem es drüber und drunter geht, was können die anderen Fahrgäste denn dafür, wir haben doch gar nichts getan.

Dann endlich, man hatte die Hoffnung schon verloren, ist die Abholung von Frau A. geregelt. Der Mann hat sich eine kleine Lücke im Gedränge freigeschubst und entfaltet ein Tageblatt. Das ist ja nun die Höhe, denkt man empört, bis man entdeckt, was er da liest: genau jene Zeitung, die man selbst auch mit sich führt. Sieh an, ein Leser, denkt man und ist gleich milder gestimmt, wiewohl immer noch ein Restverdruss im Herzen pocht, das ist ja ein Ding, lernt man ihn einmal persönlich kennen, und eigentlich ist er doch gar nicht so unsympathisch, wie man eben noch dachte. Er betrachtet die Titelseite, blättert ins Feuilleton, aha, ein Kulturbürger, sehr schön, und dann bleibt er an der Seite mit der kleinen Glosse hängen, die man gestern verfasst hat, ja, er liest sie offensichtlich, und da, umspielt nicht ein Schmunzeln seine wohlgeformten Lippen?

Doch nun muss man aussteigen, leider, obwohl man diesen netten Mann gern angesprochen hätte. Der Tag aber, das darf man sagen, der Tag ist gerettet. wh

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