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Kürbisse und Katastrophen-Glück

Zum Abschluss der Autorentheatertage am Deutschen Theater

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wer Erwartungen ausspricht, fordert im Grunde etwas, das er schon kennt. Wie sonst sollte er einen Ausdruck dafür finden können? Anders gesagt: Wo des Lebens Richtung definiert werden kann, hat es (sich) schon verloren. Das gilt auch fürs Theater. Neue Tage stiften neue Gelegenheiten. Das betrifft gewiss auch die alljährlich neuen Autorentheater-Tage am Deutschen Theater. Man übersteht, ja begreift dieses Festival um so besser, je offener man sich jener tendenzlosen Neugier hingibt, die für Zufälle disponibler macht als sonst. Wir leben längst in einem nachmetaphysischen Zwielicht - in dem freilich auch die Vernunftler, diese Betreiber politischer Missionskraftwerke, aus ihrem Auftrag entlassen sind, und zwar gegen die eigene Einsicht. Wo angesichts dessen die Frage nach verstärkt politischem Theater aufkommt, wirkt kräftig nach, was Barbara Behrendt sagte, Jury-Chefin der diesjährigen Präsentation neuer Stücke: »Auch ich kann, wenn ich mich ehrlich befrage, nicht von mir behaupten, jede Nacht von Geflüchteten, von IS-Entführern oder der Griechenlandkrise albzuträumen. Auch wenn es natürlich angebracht wäre, das zu tun. Und politisch korrekt, es zu behaupten.« Also: Lüg dich nicht dauernd in die Selbsttäuschung hinein, deine Seelenwahrheit sei identisch mit den politischen Gesinnungen, die du für dein Äußeres pflegst. Wag dich auch mal in deine inneren Niemandsländer - und versuch, davon zu erzählen.

In der Konsequenz heißt das: Theater, lass dir Zeit; Dichter, schreib dich nicht fit fürs Zeitungsmachertempo; Literatur und Spiel, bleibt langsam im Reaktionsvermögen. Denn was heute zum Appell, zum Leitartikel reizt und Wellen schlagen will, ist morgen schon, was es immer bleiben wird: Tropfen im Ozean. Der Mensch, der sich auf die Kunst einlässt, versteht die Welt besser als die Profanen. Denn er rechnet von vornherein mit Überforderung - also: Die Welt wird ihm kenntlich, und sie ist bekanntlich immer alles, was zu viel ist für den Einzelnen. Zu vermuten ist, dass auch, wer kleine Stücke schreibt, derart groß herangeht. Jakob Nolte zum Beispiel, Jahrgang 1988, schrieb »Gespräch wegen der Kürbisse«, die Premiere fand jetzt in den Kammerspielen des DT statt, Regie: Tom Kühnel, Bühne: Jo Schramm.

Natali Seelig und Maren Eggert spielen Freundinnen. Ein Kaffeetreff. Zwei schlürfen am Heißen, ein kühles Abtasten bis hin zum siedenden Wortgefecht. Seelig: die Dunkelstimmige, die Undurchsichtige, die Traurigkeitsgefestigte. Eggert: die Nervositätsbeschichtete, die Verstörungsoffene, die Misstrauensflinke. Die Zuschauer sitzen rund um den kleinen Kaffeetisch, über dem ein Sternenprojektor hängt. Planetengleich zieht er seine Bahn, projiziert den Sternhimmel in den sich drehenden Spielraum. Die Assoziation ist so künstlich wie naheliegend: Cogito, ergo univer(sum). Aber was wir denken, das sind wir in dem Moment nicht mehr, da uns ein Licht von Öffentlichkeit trifft. Und Öffentlichkeit, die beginnt im Zwiegespräch. Aus einer einzigen Wahrnehmung entstehen in diesem Bühnen-Dialog mehrere Wahrheiten, unter denen die beiden Frauen auswählen, als wählten sie Waffen aus fürs Duell.

Und so beginnt alles schnell zu wanken: die Urlaubsseligkeit, das Wissen um die Eltern, die Beglückung mit dem Partner, die Sicherheit in einer Welt, die fortwährend tote Flüchtlinge an die Strände spült. Was hält uns weich, was härtet uns, wie viel Selbstkraft ziehen wir aus der Verletzung anderer? Von der Erinnerung an Kürbisse in Bäumen hin zum Kern vieler Unsicherheiten in einer haltlosen Welt - zwei Menschen, eine Begegnungsart: aneinander vorbei. Leider kein Gegeneinanderprall. Das hält den Kosmos der großen Fragen - bedauerlich klein.

Das Höhere bestimmte auch »Das Gelübde« von Dominik Busch, eine Uraufführung des Schauspielhauses Zürich, in Kooperation mit dem DT (Regie: Lily Sykes, Bühne: Jelena Nagorni). Im abstürzenden Flugzeug schwört sich der junge Arzt Tim: Überlebt er, kehrt er zurück in jene afrikanische Krankenstation, die er soeben in Richtung Europa verlassen hatte. Er überlebt - und opfert sich gewissermaßen für eine größer greifende Existenz. Löst damit zuhause Fragen, Widerstände, Unverständnis aus. Ein Theaterabend mit vier Spielern, mit Orgel, Weihegesang und vor allem einer Lebensidee. Die jener Erleuchtung gleichkommt, die einer Biografie den Gleichlauf, die Gewohnheiten kosten kann. Wenn man nur bereit ist.

Vor dem Metallrest einer Flugzeugkabine ersteht in Erzählung und konfrontativem Bestürmungsspiel ein bedrängendes Panorama von Glücksvorstellungen. Tim, der seine schwangere Freundin zurücklässt, gerät ins Widerspruchsfeld aus geistscheuer Biederkeit und beinahe aggressiver Besitzwahrung. Aber die Biederkeit ist auch Bekenntnis, und der Besitz hat so viel Recht wie der Aufbruch ins Ungesicherte. An Stück und Inszenierungen berühren zutiefst die Momente der Unentschiedenheit, wer wem zu sagen hätte, wie zu leben sei.

Wer weiß, was dich morgen verwirft, verwandelt, verdrängt, verzaubert. Nachgiebigkeit gegen das Unwahrscheinliche (jeder Art!) ist die erste Pflicht des Lesers, Zuschauers. Speziell »Das Gelübde« als Bekräftigung fürs Geliebte, dem sich auch die Theaterautorentage am DT verpflichtet fühlen: der freiwilligen Außerkraftsetzung jenes Unglaubens, der die Rechnenden und Effizienten sicher durchs Dasein führt. Glauben ist nicht bloß Fiktionsduldung, sondern fordert aktive Komplizenschaft mit dem Unmöglichen.

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