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Die Wutbürger von New York

Keine TV-Serie ist aktueller als »Show Me a Hero«

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vielleicht wird eines Tages das Telefonbuch verfilmt. Es ist jedenfalls bereits gelungen, die Lokalzeitung zu verfilmen. In der Zeitung könnte gestanden haben: »Die Stadtoberen von Yonkers haben das vom Bezirksgericht geforderte Sozialbauprogramm akzeptiert, nachdem der Richter eine Strafe angedroht hat, die die Stadt in den Bankrott treiben würde.« Aus der wahren Geschichte von einer Sozialbausiedlung, die in den 1980er Jahren niemand, nicht einmal ihre späteren Bewohner, wollte und die schließlich doch gebaut worden ist, haben der Regisseur Paul Haggis und seine Drehbuchautoren David Simon und William F. Zorzi »Show Me a Hero« gemacht. Trotz ihres spröden Stoffs hält diese HBO-Miniserie ihre Zuschauer sechs Stunden lang in Atem. Wie kein anderer Film spiegelt sie die Verwerfungen in den Gesellschaften des Westens.

Der Hass der Wutbürger auf die Armen, das Aufkommen von Rechtspopulisten, das Versagen der Politik - alles ist in »Show Me a Hero«. Wenn in einer Szene der Mob Galgen trägt, an denen Puppen seiner Gegner baumeln, fühlt man sich an Pegida erinnert. Und das ist nicht die einzige Parallele, obwohl es hier nicht um Migranten geht, sondern um arme Afroamerikaner und Latinos. Für sie sollen in der Stadt Yonkers im Staat New York Sozialwohnungen entstehen, und zwar mitten in einem Viertel der weißen Mittelschicht. Der Protest dagegen wird mehrere Bürgermeister das Amt kosten.

Die Lokalpolitiker haben sich dieses Bauprogramm nicht ausgedacht, es wurde ihnen vom Staat aufgedrängt. Und weil sie schon sehen, was auf sie zukommt, ziehen sie vor Gericht. Doch Bezirksrichter Leonard Sand (gespielt von Bob Balaban) bleibt hart: Entweder werden die Wohnungen gebaut oder Yonkers geht bankrott. Als zur selben Zeit Bürgermeisterwahlen stattfinden, ist der erfahrene Amtsinhaber (Jim Belushi) geradezu erleichtert zu verlieren. Denn damit liegt die Bürde des sozialen Wohnungsbaus auf den Schultern seines Nachfolgers, Nick Wasicsko (Oscar Isaac).

Wasicsko, ein früherer Polizist und Anwalt, wird dank vieler Proteststimmen mit 28 Jahren zum jüngsten Bürgermeister in den USA. Weil er im Vorjahr dafür plädiert hat, gegen das Wohnprogramm in Revision zu gehen, halten ihn die Bürger für ihresgleichen. Doch trotz seiner Unerfahrenheit weiß Wasicsko, dass das juristische Verfahren inzwischen abgeschlossen ist. Er weiß auch, was ein Bankrott für seine Stadt bedeuten würde. Deshalb versucht er, den Bau in die Wege zu leiten, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Der Titel »Show Me a Hero« zitiert einen Satz von F. Scott Fitzgerald: »Zeig mir einen Helden und ich schreibe dir eine Tragödie.« Die Tragödie des unfreiwilligen Helden Wasicsko nimmt immer wieder komische Züge an. Das ist vielleicht das einzige, was sich nicht auf Deutschland übertragen ließe: Den Mutterwitz der New Yorker besitzt keiner unserer Politiker. »Show Me a Hero« funktioniert als brillantes Konversationsstück, aber auch als politische Analyse.

Die Wutbürger von Yonkers wenden sich gegen »diese Leute, die Drogen und Verbrechen in unseren Kiez bringen und wegen denen unsere Immobilienwerte in den Keller fallen«. Bei vielen der Protestierenden steht hinter dieser Abwehr der nackte Rassismus. »Sie leben wie die Tiere«, meint einer von ihnen über die Neuankömmlinge. Andere klammern sich bloß an ihren bescheidenen Besitztümern fest, die sie bedroht sehen. Das ist das Motiv von Mary Dorman (Catherine Keener), die von einer biederen Hausfrau zu einer keifenden Demonstrantin und schließlich zu einer Befürworterin des Projekts wird. Die Stärke der Serie ist, geradezu marxistisch Verhaltensweisen aus gesellschaftlichen Bedingungen und nicht aus Kulturen herzuleiten. Der Rechtspopulist - hier mit feistem Lächeln herrlich gespielt von Alfred Molina - ist in dem Spiel derjenige, der am lautesten Beständigkeit verspricht und am raschesten von allen umfällt. »Show Me a Hero« demonstriert, was gerade passiert, und warum.

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