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Der Schimmel wird ausgesperrt

Stralsunds Stadtarchiv hatte viele negative Schlagzeilen - jetzt beginnt die Sanierung

  • Von Martina Rathke, Stralsund
  • Lesedauer: 2 Min.
Großflächiger Schimmel im Stadtarchiv, dazu der Verkauf einer alten Archiv-Bibliothek: Der Umgang der Welterbestadt Stralsund mit ihrem Erbe sorgte vor vier Jahren für Proteste. Jetzt wird gebaut.

Nach dem Skandal um wertvolle, vom Schimmel befallene Bücher und Handschriften in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) hat die Sanierung des früheren Archivgebäudes der Welterbestadt begonnen. Derzeit werden erste Sicherungsmaßnahmen am mittelalterlichen Johanniskloster durchgeführt, sagt Bauleiterin Petra Kottke. Parallel dazu starteten die Arbeiten für ein rund vier Millionen Euro teures Zentraldepot, in dem künftig die Archivalien untergebracht werden.

Das im 13. Jahrhundert erbaute Johanniskloster wurde seit 1963 als Stadtarchiv genutzt. 2012 wurde bekannt, dass ein Großteil der dort verwahrten Archivalien von Schimmel befallen war. Gutachter des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung kamen zu dem Ergebnis, dass in keinem der Räume des Klosters die für die Lagerung von Archivgut geforderte Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent und eine konstante Temperatur von 18 Grad gehalten wurde. Das Gebäude wurde gesperrt. Bekannt wurde der Schimmelbefall mit dem Verkauf von Büchern aus dem Stadtarchiv an einen privaten Archivar.

Nun haben nach langwierigen Voruntersuchungen die Sanierungsarbeiten in dem historischen Bau begonnen. Im Klausurhof des Klosters wurde ein Graben an den Außenmauern des Gebäudes gezogen, um den Feuchtigkeitseintrag zu unterbrechen. Auch wurden sogenannte Temperierungsleitungen verlegt, um die Fußböden von den Wänden thermisch zu entkoppeln, wie die Architektin Kottke erläuterte. Die Sicherungsarbeiten kosten knapp eine Million Euro.

Die Arbeiten werden begleitet von archäologischen Untersuchungen. Archäologen stießen bislang auf rund 60 Skelette und Hunderte Münzen. Grablegungen im Klausurhof seien nicht ungewöhnlich, sagte der Archäologe Heiko Schäfer. Überraschend sei aber der Fund von 20 Skeletten im Schmeerhof - dem Wirtschaftshof des Klosters.

Die Archäologen vermuten, dass diese Bestattungen im Zusammenhang mit der Pest von 1710/1711 in Stralsund stehen, als 3000 Menschen und damit ein Drittel der Bevölkerung an der Seuche starben. Darauf deuten unter anderem Münzen, die aus dieser Zeit stammen, und der Fund von Knöpfen, wie Schäfer erklärte. Die Archäologen gehen davon aus, dass die Toten eilig in Kleidung bestattet wurden. Das künftige Zentraldepot für die Archivalien soll voraussichtlich kommenden Jahres bezugsfertig sein. Die Stadt will bis dahin auch den gesamten Archivbestand mit 8000 Urkunden, 1500 Meter Akten, 6000 Handschriftenbänden sowie 125 000 Büchern gereinigt haben. Bislang kostete die Reinigung die Stadt rund 650 000 Euro.

Wann das Johanniskloster wieder bezugsfertig ist, ist noch unklar. Nach den ersten Sicherungsmaßnahmen wird eine Ausschreibung für die Sanierung der Räume vorbereitet. Die Kosten kann die Stadt bislang nicht beziffern. Man wolle in einem Teil der Räume des Klosters klimatische Bedingungen für die Unterbringung von Archivgut schaffen, sagte Jörn Tuttlies von der Stralsunder Stadtverwaltung. dpa/nd

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