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»Theo, ihr müsst da mitmachen«

Notizen von einer Tagung über die Geburt der Neuen Linken in der BRD. Von Marcel Bois

Er ist gerade aus Jugoslawien zurückgekehrt. Mit dem Kommunismus Stalinscher Prägung hat Wolfgang Leonard gebrochen. Er will nun gemeinsam mit anderen oppositionellen Kommunisten eine neue linke Partei gründen. Auch ein Name steht schon fest: Unabhängige Arbeiterpartei Deutschlands. »Theo, ihr müsst da mitmachen«, versucht er den alten Bekannten zu überzeugen. Doch Theo und seine Genossen von der Gruppe Arbeiterpolitik wollen nicht: »Mit dem Geld aus Jugoslawien kann man das nicht machen.«

Sechsundsechzig Jahre später sitzt Theodor Bergmann in Potsdam und berichtet von dieser Unterredung. Die kleine Anekdote ist Teil seines Vortrags über die 1950er Jahre als Ausgangspunkt der Neuen Linken in der Bundesrepublik. Hierfür ist der mittlerweile hundertjährige Bergmann mal eben von Stuttgart in die brandenburgische Landeshauptstadt gejettet - und referiert mühelos fast eine Stunde lang.

Bergmann ist gewissermaßen der Stargast dieser Tagung in den Räumlichkeiten des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF). Organisiert wurde sie von Mitgliedern des Promotionskollegs »Geschichte linker Politik in Deutschland jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus«, das die Rosa-Luxemburg-Stiftung im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat. Angesiedelt ist das Kolleg am ZZF und am Institut für Soziale Bewegungen (ISB) in Bochum. Vier Doktorandinnen und Doktoranden sowie ein Habilitand forschen hier.

Der Historiker Mario Keßler vom ZZF betont in seinen einleitenden Worten, er habe als Betreuer auch ein »explizit politisches Interesse« an dem Kolleg. Es gehe darum, linke Ansätze zurück in den Wissenschaftsdiskurs zu holen. Derweil macht sein Kollege Stefan Berger vom ISB auf die Bedeutung der Forschungsvorhaben im Kolleg aufmerksam. In der Bundesrepublik sei überwiegend über die Geschichte der SPD geforscht worden, in der DDR fast nur über die der KPD. »Dazwischen gibt es viel zu entdecken.«

Die Tagung ist trotz sommerlicher Temperaturen gut besucht: Etwa fünfzig Personen finden an diesem 23. Juni den Weg ins ZZF. Thematisch stehen die Beiträge des Tages unter der Überschrift »Generationen linker Politik in der Bundesrepublik 1947-1984«. Es geht vor allem um die »erste Generation« der 1950er Jahre, über die auch der Zeitzeuge Bergmann berichtet. Lange Zeit, so betonen die Organisatoren, sei diese Generation vergessen worden. Dabei hätten ihre Akteure gegen NS-Kontinuitäten, Remilitarisierung und KPD-Verbot gekämpft und so erst die Grundlage für die Neue Linke von 1968 gelegt. Stalins Tod und die Umwälzungen des XX. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion von 1956 hätten zudem neue Räume für marxistisches Denken jenseits der Lager von Marxismus-Leninismus und Sozialdemokratie geöffnet: »In der britischen Debatte werden daher die 56er der New Left längst den 68ern gleichgestellt.«

Während Bergmann vor allem die Rolle der Gruppe Arbeiterpolitik beleuchtet, stellt Sarah Langwald die »Verteidigungsbewegung« der 1950er und 1960er Jahre vor. Hierbei handelte es sich um parteiübergreifende Zusammenschlüsse von Juristinnen und Juristen, die zur Zeit des KPD-Verbots Kommunistinnen und Kommunisten unterstützten, die ins Visier der Justiz geraten waren. Dabei macht Langwald auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die Akteure in gängige Generationsmodelle einzuordnen. Denn außer den Geburtsjahrgängen (1900 bis 1915) hatten sie mit der »Kriegsjugendgeneration«, welche die Demokratie von Weimar ablehnte und einen radikalen Nationalismus vertrat, nicht viel gemein.

David Bebnowski, ebenfalls Stipendiat im Kolleg, lenkt den Blick auf eine spätere Generation der Neuen Linken. Er stellt die Diskussionen dar, die in den 1970er Jahren in den Zeitschriften »Prokla« und »Argument« über die »Krise des Marxismus« geführt wurden. Dabei beobachtet er eine »theoretische Sackgasse«, in die beide Blätter damals geraten seien. Als Erklärung verweist er auf die Besonderheiten des »Biotops Westberlin«, wo die Redaktionen saßen. Doch habe auch ein generationeller Konflikt zwischen jüngeren und älteren Redaktionsmitgliedern eine Rolle gespielt.

Eine Krise der Linken gäbe es doch auch heute noch, konstatiert ein Teilnehmer in der abschließenden Diskussion und fragt in Richtung Theodor Bergmanns, ob ihn das nicht verzweifeln lasse. »Es gibt so viel Hoffnungslosigkeit«, erwidert der Hundertjährige. Ihn hingegen könne so leicht nichts mehr erschüttern. »Ich habe Hitler, Stalin und das tausendjährige Reich überlebt«. Deshalb bleibe er ein »vorsichtiger Optimist«.

Marcel Bois ist Historiker an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und Autor des Buches »Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik« (2014).

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