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Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Feuilleton-EM-Kolumne

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Albert Camus, um mich hier gleich mal als gewiefter Nutzer der Seite »gutezitate.com« zu outen, schrieb im »Mythos des Sisyphos«: »Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.« Wer weiß, mit welch fußballphiler Neigung er zeit seines allzu kurzen Lebens hausieren ging, muss den Spruch zwingend auf diese so besondere Form der Leibesertüchtigung anwenden.

Vor allem auf das EM-Viertelfinale zwischen Polen und Portugal: Ersteres weiß mit Lewandowski den weltbesten Stürmer in seinen Reihen, zog aber ohne ein Tor des Topstars in die Runde der letzten Acht ein. Und Portugal gewann keines seiner bis dahin vier Turnierspiele nach 90 Minuten und kämpfte nun ums Halbfinale.

Spannung versprach angesichts solch absurder Ambitionslosigkeit nur das, was von draußen in meine Wohnstube drang. In meiner Nachbarschaft in Berlin-Wedding befindet sich ein türkisches Café, in dem meist Opis mit ihren Hunden sitzen und den lieben Allah einen guten Mann sein lassen.

Seit dem Beginn der EM aber will der Wirt in neue Publikumsdimensionen vorstoßen. Er installierte unterhalb meines Balkons einen Fernseher, so groß wie das Ego des Cristiano Ronaldo. Da die kickende Zeitläufte über eine rasante Satellitenverbindung dort eingespeist wird, ergibt sich seither an jedem Fußballabend für mich mit meinem popeligen Kabelanschluss ein absurdes Theater: Während die Caféhausbesucher schon Torschreie ausstoßen, dauert es quälende fünf Sekunden, bis der Ball auch auf meiner Mattscheibe im Netz zappelt.

Am Donnerstagabend hatte ich noch nicht einmal mein alkoholfreies Bananenpils mit Orange-Maracuja-Flavour entkorkt, da jubelten mir die ronaldofeindlichen Opis mit ihren Hunden von dort unten schon das Trommelfell an den Rand der Belastbarkeit. Auf meinem Bildschirm waren keine drei Minuten gespielt, eine angreifende Mannschaft erkannte ich auch nicht. Ich glaube ja nur, was ich sehe. Deshalb blickte ich gebannt gen Fernseher, der mir noch mitzuteilen hatte, ob die Männer aus der Tiefe zu Recht derart freudetrunken krähten. Und so sah ich, wie Piszczek diagonal zu Grosicki bolzte, Portugals Cedrik beim Abwehrversuch den Ball slapstickhaft verfehlte und Lewandowski (ausgerechnet!) das 1:0 erzielte.

Wie absurd, dachte ich, und ergoogelte mir mit meinem schnittigen Smartphone schnell ein passendes Camus-Zitat: »Ich begriff sofort, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet.« Da direkt darunter Camus› eingangs zitiertes und mir auf Anhieb einleuchtendes Diktum stand, schaltete ich ab und setzte mich zu den Opis und den Hunden. Da wollte ich klugscheißen, bis die Schwarte kracht: »Der Kommentator meint, Jürgen Klopp hätte Lukas Piszczek zum Rechtsverteidiger umgeschult? Unsinn! Das war doch Lucien Favre!«

Blöderweise nahm nur Speedy, Mustafas Minikurzhaarhund, wirklich Notiz von mir. Er sprang hechelnd und schwanzwedelnd auf meinen Schoß und verlangte Ablenkung von dem Grottenkick. Ich willigte ein, sodass ich Portugals Ausgleich und das erneute Weiterkommen ohne einen Sieg in der regulären Spielzeit aus sicherer Entfernung von einem nahe gelegenen Platz aus beobachtete; einen mundgerechten Ball (unab)lässig werfend und immer wieder von dem dankbaren Tier gemächlich apportiert bekommend. Am Ende dachte ich wieder an Albert Camus, diesmal sogar ohne rapide Online-Recherche: Wir müssen uns Speedy als einen glücklichen Chihuahua vorstellen.

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