Stolperstein für einen Schulfreund

Seit Freitag wird man vor der Berliner Lutherstr. 15 an Manfred Reiss erinnert

Wolfgang Rutschow ist Jahrgang 1926. Als er 1944 in den Krieg gezogen wird, ist sein jüdischer Schulfreund Manfred Reiss bereits tot - ermordet in Auschwitz. Damals weiß er das noch nicht. Auch nicht, als er vier Jahre in einem Leningrader Kriegsgefangenenlager verbringt. Er weiß es nicht, als er später Ingenieur für Nachrichtentechnik wird, beim Berliner Senat arbeitet und noch später zum Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz geht. Erst als er im Sommer 2005, längst Rentner, mit seiner Frau das Holocaust-Denkmal in Berlin besucht, entdeckt er den Namen seines Freundes unter denen der Opfer. Das trifft ihn: Immer hatte er gedacht, Manfred habe sich retten können. Er beschließt, sein Andenken zu ehren, auch »um Tendenzen hier zu Lande entgegenzuwirken, auf Andersgläubige herabzublicken«. Er bestellt bei Gunter Demnig einen Stolperstein. Doch so ein Stein setzt sich nicht von allein. Ebenso wenig, wie sich demokratische Erinnerungskultur ohne Engagement herstellt. Dies belegt der folgende Briefwechsel.

Koblenz, 27. Februar 2005
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich hatte im Oktober 2005 Herrn Demnig den Auftrag erteilt, einen Stolperstein für meinen Schulfreund Manfred Reiss anzufertigen. Es gestaltete sich sehr schwierig, von Herrn Demnig Informationen über den Stand der Dinge zu erhalten. Jetzt scheint die Zeit der Ungewissheit allerdings ein Ende zu haben, denn nun haben Sie, die Koordinierungstelle »Stolpersteine« für Berlin, die Sache in die Hand genommen. Liegt der Stolperstein schon bei Ihnen in Berlin vor? Wenn ja, dann berichten Sie mir doch bitte, welche Beschriftung er hat. Ferner wäre es nett, wenn Sie mir mitteilen würden, zu welchem Zeitpunkt Sie die Verlegung des Steins vorgesehen haben. Ich würde es dann vielleicht einrichten können, dabei zu sein.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Rutschow

Berlin 2. März 2006
Sehr geehrter Herr Rutschow,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Unsere Koordinierungsstelle wurde im vergangenen Jahr eingerichtet, weil in Berlin das Stolpersteinprojekt so gut angenommen wurde, dass inzwischen eine große Bestellliste besteht. Die Genehmigung zur Verlegung von Stolpersteinen wird vom Tiefbauamt des jeweiligen Bezirkes erteilt, in dem die Opfer gewohnt haben. In den Bezirken gibt es ehrenamtliche Initiativen, die die Verlegung vorbereiten. Insofern müssten wir zunächst etwas über das Leben Ihres Schulfreundes wissen. Wo er in Berlin gewohnt hat, sein Geburtsdatum und was Sie über sein Schicksal wissen.
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Edeltraud Frankenstein

Koblenz, 10. März 2005
Sehr geehrte Frau Frankenstein,
um Ihnen etwas über meine bzw. die Jugend von Manfred Reiss berichten zu können, muss ich naturgemäß ein paar Jahrzehnte zurückschalten. Ich wurde am 10.7.1926 in Berlin, in der Wormser Str. 10 geboren. Von dieser Straße sind nur ein paar Häuser übrig geblieben, der Rest fiel den Bomben zum Opfer.
Im April 1932 wurde ich in der 12. (?) Volksschule in der Hohenstaufenstr. eingeschult. Die Lehrerin wies mir den Platz neben Manfred zu. Die ersten Tage unserer Schulzeit wurden Manfred und ich noch von unseren Eltern bzw. von ihren Beauftragten abgeholt, und bei dieser Gelegenheit stellten wir fest, dass wir ein gutes Stück des Weges zusammen gehen konnten, denn Manfred wohnte in der Lutherstr. 15 (die Numerierung war, so weit ich mich erinnere, früher anders), genau gegenüber der weltbekannten »Scala«. Ich brauchte dann nur noch ein paar hundert Meter die Lutherstr. weiterzugehen bis zu unserer Wohnung in der Wormser Str.
Durch das Nebeneinander in der Klasse und den teilweise gemeinsamen Schulweg kamen wir uns näher und besuchten einander auch zu Hause. Manfreds Vater hatte einen Teppichladen in der Motzstr./Ecke Eisenacher Str. Die Mutter von Manfred war in meiner Erinnerung eine schöne Erscheinung, bei der ich zum ersten Mal rotlackierte Fingernägel zu Gesicht bekam. Ihre Beschäftigung galt überwiegend dem Legen von Patiencen, was für mich auch etwas Neues war. Anlässlich einer Geburtstagsfeier von Manfred (er wurde am 12.12.1926 geboren) wurde ich auch eingeladen und lernte einige seiner Cousins und Cousinen kennen. Die meisten waren älter, und wir hatten dann für unsere Spiele und Toberei die ganze Wohnung zur Verfügung, mit Ausnahme des Esszimmers, in dem die erwachsenen Geburtstagsgäste saßen. Das machte auf mich natürlich großen Eindruck, denn meine Eltern besaßen nur zweieinhalb Zimmer, wobei das Wohnzimmer meiner Mutter auch noch als Nähstube diente. Meine Mutter war nämlich Damenschneiderin mit zwei Näherinnen und hatte sehr viele jüdische Kundinnen. Ich hatte daher auch nie Probleme im Umgang mit jüdischen Mitbürgern. Übrigens wurden in der Familie Reiss nie Vorbehalte gegen mich als »Christ« geäußert.
Nach vierjähriger Grundschulzeit trennten sich unsere Wege. Ich wechselte zur Mittelschule, und Manfred ging auf das jüdische Gymnasium in der Joachimstaler Str. Die neuen Schulen brachten uns beiden neue Schulfreunde, und meine Kontakte zu Manfred reduzierten sich. Bei gelegentlichen späteren Besuchen erzählte er noch von Verwandten in Holland und England, dann ist die Familie Reiss aus der Lutherstr. weggezogen. Das müsste etwa 1937 oder 1938 gewesen sein. Wohin sie gezogen sind, entzieht sich meiner Kenntnis.
Durch die jüdische Kundschaft meiner Mutter erfuhren wir bald auch von den Pressionen, denen Juden durch die Nazis ausgesetzt waren. Immer öfter verabschiedeten sich Kundinnen, die jahrelang meiner Mutter die Treue gehalten hatten. Es waren sicher diejenigen, die entsprechende Referenzpersonen hatten, denn sie wanderten nach England, Südafrika und viele auch nach Palästina aus. Ich habe noch gut in Erinnerung, dass ich auf meinem Schulweg durch das Bayerische Viertel - welches ein bevorzugtes Wohngebiet der jüdischen Mitbürger war - große Holzbehälter zu Gesicht bekam, die mit exotischen Städtenamen wie Tel Aviv, Buenos Aires, Rio de Janeiro usw. beschriftet waren. Auf Grund dieser Beobachtungen machte ich mir auch Gedanken über den Verbleib der Familie Reiss. Ich sprach mit meinen Eltern darüber. Wir kamen aber unter Berücksichtigung der uns bekannten wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie Reiss zu der Vermutung, dass sie irgendwo bei ihren Verwandten in Holland oder England Aufnahmen gefunden haben könnten.
Die Schikanen der Nazis gegen die Juden wurden immer umfangreicher. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass doch noch einige Kundinnen meiner Mutter - mit der Handtasche krampfhaft den Stern auf dem Mantel verdeckend - bei uns klingelten, jedoch nicht um Kleider zu bestellen, sondern um sich bei uns auszuweinen. In den langen Jahren der Bekanntschaft hatten sie natürlich unsere antinazistische Einstellung festgestellt. Viele von ihnen sahen wir nie wieder, sie hatten uns von ihrer bevorstehenden Deportation informiert. Einige der ehemaligen Kundinnen beendeten ihr Leben durch Selbstmord. Sie wussten, was sie in den KZ zu erwarten hatten.
Anlässlich eines Besuches der kürzlich fertiggestellten Holocaust-Gedenkstätte machte ich auch von dem Angebot Gebrauch, in der Namenskartei zu blättern. Ich gab den Namen unseres Hausarztes, Sanitätsrat Dr. Simon, ein, den ich noch im Jahre 1938 konsultiert hatte (obwohl der nicht mehr für Kassenpatienten praktizieren durfte), den Namen unseres Zahnarztes Dr. Riess. Aber in der Kartei waren zu viele gleichen Namens, und da ich die Vornamen nicht kannte, gab ich weitere Nachforschungen auf. Zum Schluss gab ich noch den Namen ein, zu dem ich auch den Vornamen wusste - Manfred Reiss - und erfuhr zu meinem Entsetzen, dass die Nazis ihn in Auschwitz ermordet hatten.
So, liebe Frau Frankenstein, ist die tragische Geschichte aus meiner Jugendzeit. Ich hoffe, Sie können meinen Wunsch verstehen, durch einen Stolperstein, wenn auch etwas spät, die Nachwelt an die Verbrechen der Nazis zu erinnern. Ich hoffe ferner, dass meine Ausführungen ausreichend waren, um den von mir gewünschten Stein recht bald zu setzen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen mehr oder weniger verbindlichen Termin für die Installation nennen könnten.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Rutschow

Berlin, 27. März 2006
Sehr geehrter Rutschow,
vielen Dank für Ihre bewegende Schilderung. Für uns sind die Lebensdaten von Manfred Reiss für die Inschrift auf dem Stolperstein wichtig. Wichtig auch die Information, dass der Stein in Schöneberg, vor dem Haus Lutherstr. 29, verlegt werden soll. Unsere ehrenamtlichen Initiativen in den Bezirken von Berlin fragen auch beim Brandenburgischen Landesarchiv in Potsdam, wo auch die Deportationsunterlagen aus Berlin archiviert sind, nach, ob es noch Unterlagen über das Schicksal der ermordeten Menschen gibt. Frau Mießner vom Schöneberger Arbeitskreis bereitet Ihre Bestellung vor und informiert Sie dann, auf welches Spenden-Konto Sie die 95 Euro für die Herstellung und Verlegung des Stolpersteins überweisen können. Wenn wir vom Brandenburgischen Landesarchiv eine Information bekommen über Ihren Freund, möchten Sie oder jemand aus Ihrer Familie selbst diese Unterlagen in Potsdam einsehen? Wir bemühen uns, dass der Stein für Ihren Freund noch im September verlegt werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Edeltraud Frankenstein

Berlin, 15. August 2006
Lieber Herr Rutschow,
unsere Nachforschungen im Brandenburgischen Landesarchiv Potsdam haben leider erst jetzt ergeben, dass es zu Manfred Reiss keinerlei Unterlagen mehr gibt. Im Berliner Gedenkbuch der jüdischen Opfer des Naziregimes ist Ihr Freund eingetragen: Manfred Reiss, geb. 12.12.1926 in Berlin-Schönberg, Lutherstr. 29, Todesort Auschwitz. Vor wenigen Wochen ist die überarbeitete Neuauflage des Gedenkbuches des Bundesarchivs herausgekommen, darin steht: Manfred Reiss, geb. 12.12.1926 in Berlin, wohnhaft Berlin, Deportation ab Mechelen 1942, Auschwitz. Wir wissen, dass 1942 von Mechelen in Belgien 17 000 jüdische Menschen nach Auschwitz deportiert wurden, von denen nur 1200 überlebt haben. Für die Verlegung des Stolpersteins benötigen wir gesicherte Unterlagen über den damaligen Wohnort der Familie. Wir müssen nun klären, ob die im Berliner Gedenkbuch eingetragene Adresse Lutherstr. 29 die letzte Wohnadresse der Familie war. Sie haben uns geschrieben, dass Sie in der Motzstr./Ecke Eisenacher Str. Ihren Freund besucht haben. Wissen Sie, bis wann die Familie dort gewohnt hat und welche Hausnummer es in der Motzstr. war? Ich bitte Sie sehr um Verständnis, dass wir diese genaue Recherchearbeit erst erledigen müssen, bevor wir den Stein bestellen können. Ich denke aber, dass wir alles geklärt haben, um den Stein in die Dezemberverlegung in diesem Jahr aufnehmen zu können.
Herzliche Grüße
Edeltraud Frankenstein

Koblenz, 7. Juni 2006
Werte Frau Frankenstein,
die von Ihnen ermittelten Daten habe ich genau wie Sie aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs in Koblenz bzw. aus dem Computer der Holocaust-Gedenkstätte in Berlin. In den Berliner Unterlagen ist doch die Wohnanschrift Lutherstr. 29 erwähnt, welche Bestätigungen benötigen Sie denn noch? Bestimmt werden Sie in irgendeinem Archiv in Berlin Telefonbücher der Jahrgänge 1936-1939 einsehen können, um die Adresse bestätigt zu bekommen. Zu der Hausnummer 29 ist zu bemerken, dass es die Hausnummer in den Jahren bis (wahrscheinlich) 1945 war. Aus irgendwelchen Gründen hat man nach dem Krieg dem Haus die neue Hausnummer »15« verpasst. Ich mache Sie deshalb darauf aufmerksam, damit Sie nicht unter der heutigen Hausnummer »29« nach Spuren suchen. Die liegt nämlich zwischen Luitpold- und Hohenstaufenstr. und außerdem auch auf der verkehrten Straßenseite. Der Teppichladen, den der Vater meines Freundes betrieb, war an der Ecke, die heute von den Häusern Motzstr. 17 und Eisenacher Str. 113 gebildet wird. Welche Hausnummern zu damaliger Zeit aktuell waren, weiß ich allerdings nicht. Sie werden hoffentlich verstehen, dass ein (damals) Zehnjähriger bestimmt was anderes im Kopf hatte als Hausnummern von Teppichläden. Reichen Ihnen nun meine erneuten Ausführungen für weitere Recherchen? Ich hoffe doch nicht, dass Sie erst auf Grund einer polizeilichen Abmeldebescheinigung der damaligen Behörden die Daten der Holocaust-Gedenkstätte als verbindlich anerkennen. Also, was ist noch wichtig für Ihre Bestellung? In der Hoffnung, bald etwas von Ihnen zu hören, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
W. Rutschow

Berlin, 28. August 2006
Sehr geehrter Herr Rutschow,
ich danke Ihnen sehr für die genauen Hinweise zur Adresse ihres Freundes, das ist für uns sehr hilfreich, und damit können wir den Stolperstein in die Bestellung für den Dezember aufnehmen. Es ist geplant, dass Gunter Demnig am 8.9. und 11.12.2006 in Berlin die Stolpersteine verlegt. So wird der Stolperstein für Ihren Freund Manfred Reiss zu seinem 80. Geburtstag vor dem heutigen Haus 15 in der Lutherstr. verlegt sein. Da Gunter Demnig jeden Stolperstein selbst verlegt und in diesen Tagen in mehreren Bezirken Berlins unterwegs sein wird, können wir Ihnen dann nur sehr kurzfristig mitteilen, an welchem der drei Tage er den Stein verlegt. Können wir Sie dann telefonisch erreichen?
Mit freundlichem Gruß
Edeltraud FrankensteinBerlin, 15. August 2006
Lieber Herr Rutschow,
unsere Nachforschungen im Brandenburgischen Landesarchiv Potsdam haben leider erst jetzt ergeben, dass es zu Manfred Reiss keinerlei Unterlagen mehr gibt. Im Berliner Gedenkbuch der jüdischen Opfer des Naziregimes ist Ihr Freund eingetragen: Manfred Reiss, geb. 12.12.1926 in Berlin-Schönberg, Lutherstr. 29, Todesort Auschwitz. Vor wenigen Wochen ist die überarbeitete Neuauflage des Gedenkbuches des Bundesarchivs herausgekommen, darin steht: Manfred Reiss, geb. 12.12.1926 in Berlin, wohnhaft Berlin, Deportation ab Mechelen 1942, Auschwitz. Wir wissen, dass 1942 von Mechelen in Belgien 17 000 jüdische Menschen nach Auschwitz deportiert wurden, von denen nur 1200 überlebt haben. Für die Verlegung des Stolpersteins benötigen wir gesicherte Unterlagen über den damaligen Wohnort der Familie. Wir müssen nun klären, ob die im Berliner Gedenkbuch eingetragene Adresse Lutherstr. 29 die letzte Wohnadresse der Familie war. Sie haben uns geschrieben, dass Sie in der Motzstr./Ecke Eisenacher Str. Ihren Freund besucht haben. Wissen Sie, bis wann die Familie dort gewohnt hat und welche Hausnummer es in der Motzstr. war? Ich bitte Sie sehr um Verständnis, dass wir diese genaue Recherchearbeit erst erledigen müssen, bevor wir den Stein bestellen können. Ich denke aber, dass wir alles geklärt haben, um den Stein in die Dezemberverlegung in diesem Jahr aufnehmen zu können.
Herzliche Grüße
Edeltraud Frankenstein

Koblenz, 7. Juni 2006
Werte Frau Frankenstein,
die von Ihnen ermittelten Daten habe ich genau wie Sie aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs in Koblenz bzw. aus dem Computer der Holocaust-Gedenkstätte in Berlin. In den Berliner Unterlagen ist doch die Wohnanschrift Lutherstr. 29 erwähnt, welche Bestätigungen benötigen Sie denn noch? Bestimmt werden Sie in irgendeinem Archiv in Berlin Telefonbücher der Jahrgänge 1936-1939 einsehen können, um die Adresse bestätigt zu bekommen. Zu der Hausnummer 29 ist zu bemerken, dass es die Hausnummer in den Jahren bis (wahrscheinlich) 1945 war. Aus irgendwelchen Gründen hat man nach dem Krieg dem Haus die neue Hausnummer »15« verpasst. Ich mache Sie deshalb darauf aufmerksam, damit Sie nicht unter der heutigen Hausnummer »29« nach Spuren suchen. Die liegt nämlich zwischen Luitpold- und Hohenstaufenstr. und außerdem auch auf der verkehrten Straßenseite. Der Teppichladen, den der Vater meines Freundes betrieb, war an der Ecke, die heute von den Häusern Motzstr. 17 und Eisenacher Str. 113 gebildet wird. Welche Hausnummern zu damaliger Zeit aktuell waren, weiß ich allerdings nicht. Sie werden hoffentlich verstehen, dass ein (damals) Zehnjähriger bestimmt was anderes im Kopf hatte als Hausnummern von Teppichläden. Reichen Ihnen nun meine erneuten Ausführungen für weitere Recherchen? Ich hoffe doch nicht, dass Sie erst auf Grund einer polizeilichen Abmeldebescheinigung der damaligen Behörden die Daten der Holocaust-Gedenkstätte als verbindlich anerkennen. Also, was ist noch wichtig für Ihre Bestellung? In der Hoffnung, bald etwas von Ihnen zu hören, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
W. Rutschow

Berlin, 28. August 2006
Sehr geehrter Herr Rutschow,
ich danke Ihnen sehr für die genauen Hinweise zur Adresse ihres Freundes, das ist für uns sehr hilfreich, und damit können wir den Stolperstein in die Bestellung für den Dezember aufnehmen. Es ist geplant, dass Gunter Demnig am 8.9. und 11.12.2006 in Berlin die Stolpersteine verlegt. So wird der Stolperstein für Ihren Freund Manfred Reiss zu seinem 80. Geburtstag vor dem heutigen Haus 15 in der Lutherstr. verlegt sein. Da Gunter Demnig jeden Stolperstein selbst verlegt und in diesen Tagen in mehreren Bezirken Berlins unterwegs sein wird, können wir Ihnen dann nur sehr kurzfristig mitteilen, an welchem der drei Tage er den Stein verlegt. Können wir Sie dann telefonisch erreichen?
Mit freundlichem Gruß
Edeltraud FrankensteinKoblenz, 27. Februar 2005
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich hatte im Oktober 2005 Herrn Demnig den Auftrag erteilt, einen Stolperstein für meinen Schulfreund Manfred Reiss anzufertigen. Es gestaltete sich sehr schwierig, von Herrn Demnig Informationen über den Stand der Dinge zu erhalten. Jetzt scheint die Zeit der Ungewissheit allerdings ein Ende zu haben, denn nun haben Sie, die Koordinierungstelle »Stolpersteine« für Berlin, die Sache in die Hand genommen. Liegt der Stolperstein schon bei Ihnen in Berlin vor? Wenn ja, dann berichten Sie mir doch bitte, welche Beschriftung er hat. Ferner wäre es nett, wenn Sie mir mitteilen würden, zu welchem Zeitpunkt Sie die Verlegung des Steins vorgesehen haben. Ich würde es dann vielleicht einrichten können, dabei zu sein.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Rutschow

Berlin 2. März 2006
Sehr geehrter Herr Rutschow,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Unsere Koordinierungsstelle wurde im vergangenen Jahr eingerichtet, weil in Berlin das Stolpersteinprojekt so gut angenommen wurde, dass inzwischen eine große Bestellliste besteht. Die Genehmigung zur Verlegung von Stolpersteinen wird vom Tiefbauamt des jeweiligen Bezirkes erteilt, in dem die Opfer gewohnt haben. In den Bezirken gibt es ehrenamtliche Initiativen, die die Verlegung vorbereiten. Insofern müssten wir zunächst etwas über das Leben Ihres Schulfreundes wissen. Wo er in Berlin gewohnt hat, sein Geburtsdatum und was Sie über sein Schicksal wissen.
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Edeltraud Frankenstein

Koblenz, 10. März 2005
Sehr geehrte Frau Frankenstein,
um Ihnen etwas über meine bzw. die Jugend von Manfred Reiss berichten zu können, muss ich naturgemäß ein paar Jahrzehnte zurückschalten. Ich wurde am 10.7.1926 in Berlin, in der Wormser Str. 10 geboren. Von dieser Straße sind nur ein paar Häuser übrig geblieben, der Rest fiel den Bomben zum Opfer.
Im April 1932 wurde ich in der 12. (?) Volksschule in der Hohenstaufenstr. eingeschult. Die Lehrerin wies mir den Platz neben Manfred zu. Die ersten Tage unserer Schulzeit wurden Manfred und ich noch von unseren Eltern bzw. von ihren Beauftragten abgeholt, und bei dieser Gelegenheit stellten wir fest, dass wir ein gutes Stück des Weges zusammen gehen konnten, denn Manfred wohnte in der Lutherstr. 15 (die Numerierung war, so weit ich mich erinnere, früher anders), genau gegenüber der weltbekannten »Scala«. Ich brauchte dann nur noch ein paar hundert Meter die Lutherstr. weiterzugehen bis zu unserer Wohnung in der Wormser Str.
Durch das Nebeneinander in der Klasse und den teilweise gemeinsamen Schulweg kamen wir uns näher und besuchten einander auch zu Hause. Manfreds Vater hatte einen Teppichladen in der Motzstr./Ecke Eisenacher Str. Die Mutter von Manfred war in meiner Erinnerung eine schöne Erscheinung, bei der ich zum ersten Mal rotlackierte Fingernägel zu Gesicht bekam. Ihre Beschäftigung galt überwiegend dem Legen von Patiencen, was für mich auch etwas Neues war. Anlässlich einer Geburtstagsfeier von Manfred (er wurde am 12.12.1926 geboren) wurde ich auch eingeladen und lernte einige seiner Cousins und Cousinen kennen. Die meisten waren älter, und wir hatten dann für unsere Spiele und Toberei die ganze Wohnung zur Verfügung, mit Ausnahme des Esszimmers, in dem die erwachsenen Geburtstagsgäste saßen. Das machte auf mich natürlich großen Eindruck, denn meine Eltern besaßen nur zweieinhalb Zimmer, wobei das Wohnzimmer meiner Mutter auch noch als Nähstube diente. Meine Mutter war nämlich Damenschneiderin mit zwei Näherinnen und hatte sehr viele jüdische Kundinnen. Ich hatte daher auch nie Probleme im Umgang mit jüdischen Mitbürgern. Übrigens wurden in der Familie Reiss nie Vorbehalte gegen mich als »Christ« geäußert.
Nach vierjähriger Grundschulzeit trennten sich unsere Wege. Ich wechselte zur Mittelschule, und Manfred ging auf das jüdische Gymnasium in der Joachimstaler Str. Die neuen Schulen brachten uns beiden neue Schulfreunde, und meine Kontakte zu Manfred reduzierten sich. Bei gelegentlichen späteren Besuchen erzählte er noch von Verwandten in Holland und England, dann ist die Familie Reiss aus der Lutherstr. weggezogen. Das müsste etwa 1937 oder 1938 gewesen sein. Wohin sie gezogen sind, entzieht sich meiner Kenntnis.
Durch die jüdische Kundschaft meiner Mutter erfuhren wir bald auch von den Pressionen, denen Juden durch die Nazis ausgesetzt waren. Immer öfter verabschiedeten sich Kundinnen, die jahrelang meiner Mutter die Treue gehalten hatten. Es waren sicher diejenigen, die entsprechende Referenzpersonen hatten, denn sie wanderten nach England, Südafrika und viele auch nach Palästina aus. Ich habe noch gut in Erinnerung, dass ich auf meinem Schulweg durch das Bayerische Viertel - welches ein bevorzugtes Wohngebiet der jüdischen Mitbürger war - große Holzbehälter zu Gesicht bekam, die mit exotischen Städtenamen wie Tel Aviv, Buenos Aires, Rio de Janeiro usw. beschriftet waren. Auf Grund dieser Beobachtungen machte ich mir auch Gedanken über den Verbleib der Familie Reiss. Ich sprach mit meinen Eltern darüber. Wir kamen aber unter Berücksichtigung der uns bekannten wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie Reiss zu der Vermutung, dass sie irgendwo bei ihren Verwandten in Holland oder England Aufnahmen gefunden haben könnten.
Die Schikanen der Nazis gegen die Juden wurden immer umfangreicher. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass doch noch einige Kundinnen meiner Mutter - mit der Handtasche krampfhaft den Stern auf dem Mantel verdeckend - bei uns klingelten, jedoch nicht um Kleider zu bestellen, sondern um sich bei uns auszuweinen. In den langen Jahren der Bekanntschaft hatten sie natürlich unsere antinazistische Einstellung festgestellt. Viele von ihnen sahen wir nie wieder, sie hatten uns von ihrer bevorstehenden Deportation informiert. Einige der ehemaligen Kundinnen beendeten ihr Leben durch Selbstmord. Sie wussten, was sie in den KZ zu erwarten hatten.
Anlässlich eines Besuches der kürzlich fertiggestellten Holocaust-Gedenkstätte machte ich auch von dem Angebot Gebrauch, in der Namenskartei zu blättern. Ich gab den Namen unseres Hausarztes, Sanitätsrat Dr. Simon, ein, den ich noch im Jahre 1938 konsultiert hatte (obwohl der nicht mehr für Kassenpatienten praktizieren durfte), den Namen unseres Zahnarztes Dr. Riess. Aber in der Kartei waren zu viele gleichen Namens, und da ich die Vornamen nicht kannte, gab ich weitere Nachforschungen auf. Zum Schluss gab ich noch den Namen ein, zu dem ich auch den Vornamen wusste - Manfred Reiss - und erfuhr zu meinem Entsetzen, dass die Nazis ihn in Auschwitz ermordet hatten.
So, liebe Frau Frankenstein, ist die tragische Geschichte aus meiner Jugendzeit. Ich hoffe, Sie können meinen Wunsch verstehen, durch einen Stolperstein, wenn auch etwas spät, die Nachwelt an die Verbrechen der Nazis zu erinnern. Ich hoffe ferner, dass meine Ausführungen ausreichend waren, um den von mir gewünschten Stein recht bald zu setzen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen mehr oder weniger verbindlichen Termin für die Installation nennen könnten.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Rutschow

Berlin, 27. März 2006
Sehr geehrter Rutschow,
vielen Dank für Ihre bewegende Schilderung. Für uns sind die Lebensdaten von Manfred Reiss für die Inschrift auf dem Stolperstein wichtig. Wichtig auch die Information, dass der Stein in Schöneberg, vor dem Haus Lutherstr. 29, verlegt werden soll. Unsere ehrenamtlichen Initiativen in den Bezirken von Berlin fragen auch beim Brandenburgischen Landesarchiv in Potsdam, wo auch die Deportationsunterlagen aus Berlin archiviert sind, nach, ob es noch Unterlagen über das Schicksal der ermordeten Menschen gibt. Frau Mießner vom Schöneberger Arbeitskreis bereitet Ihre Bestellung vor und informiert Sie dann, auf welches Spenden-Konto Sie die 95 Euro für die Herstellung und Verlegung des Stolpersteins überweisen können. Wenn wir vom Brandenburgischen Landesarchiv eine Information bekommen über Ihren Freund, möchten Sie oder jemand aus Ihrer Familie selbst diese Unterlagen in Potsdam einsehen? Wir bemühen uns, dass der Stein für Ihren Freund noch im September verlegt werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Edeltraud Frankenstein

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