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Künstlerisches Kräftemessen

Die Ausstellung »Deutschland gegen Frankreich« im Bröhan-Museum zeigt Gebrauchs-Kunst der beiden Länder aus der Zeit von 1900 bis 1930

  • Von Martina Jammers
  • Lesedauer: 4 Min.

Von Martina Jammers

Mischt nun sogar das Berliner Bröhan-Museum im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft mit? Die aktuelle Ausstellung heißt »Deutschland gegen Frankreich«. Das Staraufgebot in beiden ästhetischen Lagern flößt Ehrfurcht ein: Es reicht vom schwungvollen Gallée bis hin zur »systemischen Sachlichkeit« der deutschen Mannschaft mit Gropius oder Marcel Breuer. Und sogar mit einem »Hector« kann die Mannschaft des Museums auftrumpfen. Bis heute prägt dieser Hector Guimard entscheidend die Seine-Metropole mit seinen U-Bahn-Toren, welche an Eingänge zu Paradiesgärten denken lassen.

Immerhin spielt das Haus vis-à-vis vom Charlottenburger Schloss in der Landesliga mit: nämlich als »Landesmuseum« - und zwar für Jugendstil, Art déco und Funktionalismus. Im Zentrum der Schau stehen elementare Fragen: Wie wollen wir wohnen? Mit welchen Dingen uns umgeben? Nicht ohne Hintersinn hat Museumsdirektor Tobias Hoffmann den Ausstellungstitel gewählt. Denn überblickt man das Ringen um den kunsthandwerklichen Stil beider Nachbarländer im Beobachtungszeitraum von 1900 bis 1930, kommt man unweigerlich zu seinem Fazit: »Politisch wie in der Gestaltung kann man sagen, dass Frankreich und Deutschland über lange Jahrzehnte nicht miteinander, aber auch nicht ohneeinander konnten.« Politisch habe Eiszeit geherrscht, so Hoffmann. »Aber gestalterisch führte dies zu einem außergewöhnlich engen Wettstreit über den richtigen Stil der Moderne.«

Auf künstlerischer Seite gaben der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und der Erste Weltkrieg 1914-18 die Vorlage für eine Fortschreibung der deutsch-französischen »Erbfeindschaft« mit anderen Mitteln. Bereits im Auftakt-Raum wird der nationale Kontrast evident. Da steht der gänzlich schnörkellose Wäscheschrank von Richard Riemerschmid, der 1905 mit Beschlägen als einzigem Schmuck ersonnen wurde, Rücken an Rücken zum geradezu flamboyanten Vitrinenschrank von Eugène Gaillard. Sein für ein Speisezimmer gedachter Schrank war Teil eines Ensembles der 1895 vom deutsch-französischen Kunsthändler Siegfried Bing gegründeten »Galerie L’Art Nouveau«, die wiederum auf der Weltausstellung 1900 in Paris einen eigenen Pavillon bespielte. Diese Galerie verlieh einer ganzen Stilrichtung ihren Namen.

Im Zentrum der künstlerischen Entwicklung Frankreichs stand die »École de Nancy«: ein 1901 gegründeter Zusammenschluss lothringischer und elsässischer Künstler, Kunsthandwerker und Architekten, die vor allem aus den von Deutschland 1871 annektierten Gebieten auswanderten. Als Präsident firmierte Émile Gallé, der berühmt war für seine neuartigen, von der Pflanzenwelt inspirierten Glaskreationen. Im Bröhan-Museum lässt sich nun die Vielfalt wie Kunstfertigkeit der filigranen Gebilde bestaunen. Sonnenblumen und poetische Libellen tummeln sich auf den aufwändig hergestellten Überfanggläsern. Louis Majorelle wiederum gab fernöstlich inspirierte Ginkgo-Motive in Marketerietechnik und plastischem Schnitzdekor naturgetreu wieder.

Naturbegeisterung und technischer Fortschrittsglaube bildeten für die École de Nancy keinen Widerspruch, waren doch ihre Mitglieder von Beginn an interessiert an einer seriellen Produktion ihrer Entwürfe. Dies fällt insofern aus dem Rahmen, als sich tendenziell die französischen Schöpfungen eher dem Unikat verschrieben, während die deutschen der Serienproduktion zustrebten. Zugespitzt ordnete man die Möbel à française einem Künstler zu, hingegen die aus deutscher Provenienz eher dem Handwerker. Le Corbusier bringt es auf den Punkt: »Paris ist die Wandelhalle der Kunst, doch Deutschland bleibt ihre große Werkstatt.«

An kaum einem Beispiel lässt sich diese Differenz plastischer aufzeigen als beim Großstadtprojekt der U-Bahnen. Während der erwähnte Guimard sich in vegetabilen Formen ausdrückt, orientiert sich die Moderne in Berlin letztlich am »klassischen« Funktionalismus Schinkels, wie bei den noch heute existenten Bauten von Bruno Möhring und Alfred Grenander. Gleichwohl leisteten Projekte wie die Darmstädter »Mathildenhöhe« Annäherungen der scheinbar diametral entgegengesetzten Richtungen. Hier wurde das Leben als feierliches Ritual aufgefasst: So erinnern manche Möbel an Tempelarchitekturen und Kerzenleuchter wie liturgische Instrumente. Somit hinterlässt nicht zuletzt die Reformbewegung ihre Spuren - wie besonders markant das vom Berliner August Endell entworfene Sanatorium auf der Nordseeinsel Föhr erkennen lässt. Das dortige Mobiliar steht für die Tendenz des deutschen Jugendstils zu einer Versachlichung und Beruhigung der aus dem französischen Art nouveau übernommenen schlingernden Formensprache. Die definitive Verabschiedung vom Dekorum vollzieht sich in der ab 1925 vollzogenen Realisierung eines groß angelegten Siedlungsbaus in Frankfurt am Main. Die vornehmlich für die Arbeiterschaft entstehenden Wohnungen sollten optimale Grundrisse haben, hell sein und der praktischen Funktionalität genügen wie die legendäre »Frankfurter Küche« von Margarete Schütte-Lihotzky, als deren Vorbild Eisenbahnküchen dienten.

Bis 11.9., Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg; www.broehan-museum.de

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