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Triumph und Misserfolg

Vor 20 Jahren wurde erstmals ein erwachsenes Säugetier geklont - das Schaf Dolly. Von Martin Koch

Am 5. Juli 1996 begann ein neues Zeitalter der angewandten Genetik. Mit der Geburt des Klonschafs Dolly wurde für viele Menschen ein Stück Science-Fiction wahr. Andere hielten es eher für einen Albtraum sich vorzustellen, dass man künftig auch Menschen wunschgemäß würde klonen können. Doch das Experiment endete früher als erwartet mit einem Misserfolg. Nach sieben Jahren musste Dolly wegen einer Lungenerkrankung eingeschläfert werden. Für Schafe ist das eigentlich kein Alter, denn im Schnitt leben die Tiere zehn bis zwölf Jahre. Heute steht Dolly ausgestopft in einer Glasvitrine des Royal Museum in Edinburgh.

Nahe der schottischen Hauptstadt, im Roslin Institute, hatte eine Forschergruppe das berühmteste Schaf der Welt vor 20 Jahren erschaffen. Die dabei angewandte Technik lässt sich kurz so beschreiben: Zunächst wurde einer Schaf-Eizelle der Kern entnommen und an dessen Stelle der Zellkern einer Euterzelle des zu klonenden Schafes platziert. Danach regte man die neu bestückte Eizelle in einer Nährlösung zur Teilung an und verpflanzte sie in den Uterus einer Ersatzmutter, wo sie sich normal entwickelte. Den Forschern war dabei etwas gelungen, was zuvor als unmöglich galt: Sie hatten mit dem Kern einer bereits differenzierten Zelle einen Embryo hergestellt.

Als Dollys »Schöpfer« gilt der Embryologe Ian Wilmut, der jedoch vor Jahren einräumte, dass ihm diese Ehre gar nicht zukomme. Er sei nur der Leiter des Projekts gewesen. Die Idee dazu stammte von Keith Campbell, Karen Walker und Bill Ritchie leisteten die praktische Arbeit. Das heißt, Ritchie entkernte die Eizelle, in die Walker mit einer hauchdünnen Nadel das Erbgut von Körperzellen injizierte. Mit seinen zittrigen Händen wäre ihm selbst dies nie geglückt, sagt Wilmut, den Eltern seit Dollys Geburt immer wieder bitten, ihr verstorbenes Kind zu klonen.

Dabei ist die Klontechnik schon bei Tieren häufig ein Glücksspiel. Von den 277 Eizellen, die Wilmuts Team bearbeitete, entwickelten sich nur 29 zu Embryonen, von denen allein Dolly überlebte. Auch danach riss die Pannenserie nicht ab. 1999 stellten die Forscher fest, dass Dollys Erbgut älter aussah als das von gleichaltrigen Tieren. Außerdem litt das Klonschaf frühzeitig unter Arthritis und hatte Übergewicht. Beides war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass die implantierten Zellkerne von einem erwachsenen Tier stammten.

Zwar gab es später Meldungen, wonach in den USA und China menschliche Klonbabys geboren worden seien. Die Beweise dafür fehlen jedoch bis heute. 2013 nutzten US-Forscher die »Dolly-Technik« erstmals erfolgreich bei menschlichen Zellen. Sie übertrugen das genetische Material von Hautzellen in entkernte weibliche Eizellen. Die so entstandenen Embryonen waren lebensfähig, allerdings wurde der Versuch nach einer Woche abgebrochen.

Erfahrungsgemäß genügen schon kleinste Fehler bei der Reprogrammierung des Zellkerns, um den sich entwickelnden Embryo nachhaltig zu schädigen. Weitgehend ungeklärt ist überdies, wie Gene miteinander und mit der Umwelt agieren. Es wäre daher illusorisch, durch reproduktives Klonen Menschen mit gewünschten Eigenschaften »erschaffen« zu wollen. Im Extremfall könnte ein Klon von Mutter Teresa eine Kriminelle und der Klon eines Schwergewichtsboxers Geiger werden, so Wilmut.

In Deutschland ist das reproduktive Klonen von Menschen verboten. Doch wie beinahe alles, was die Wissenschaft ermöglicht, dürfte sich auch die soziale Anwendung der Klontechnik nicht dauerhaft verhindern lassen. Vor allem nicht in Ländern mit weniger restriktiven Gesetzen, meint der US-Biomediziner Robert Lanza. Hier könnten »reiche Exzentriker« irgendwann tatsächlich versuchen, durch Klonen biologische Unsterblichkeit zu erlangen.

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