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Keine Porscheparkplätze in der Rigaer

Anwohner demonstrieren gegen Bauprojekt in der Rigaer Straße / Eskalation des Konflikts befürchtet

Stein, Stahl, Glas: Ein monströser Schutthaufen ragt hinter den zwei Meter hohen Bauzäunen hervor. In einer Hauruckaktion riss Eigentümer Christian Gröner mit seiner CG-Group die straßenseitigen Gebäude auf dem Gelände der Rigaer Straße 71-73 ab. Davor auf der Straße eine bunte Gruppe von knapp 300 Menschen. Punks, pink gekleidete Samba-Musiker, viele Radfahrer, nur eine Gruppe fehlt: Die schwarz Vermummten, die in den letzten Wochen die Schlagzeilen dominierten.

»Wir wollten deutlich machen, dass hier auch noch ganz normale Nachbarn wohnen, die aber den Neubau hier kritisch sehen«, sagt der freie Journalist Peter Nowak, der nicht beruflich hier ist, sondern in der Nähe wohnt und die Demo mitorganisiert hat. Allerdings gehe es ihm in keinem Fall darum, einen Keil zwischen die Gruppen zu treiben, eher freue er sich, dass »in den letzten Monaten die Differenz zwischen Mietern und Besetzern aufgebrochen« sei und man zumindest zum Teil an einem Strang ziehe.

Das Industrie-Gelände gegenüber einem Supermarkt-Discounter, auf dem sich früher eine Möbelfabrik und zuletzt ein Ausbildungsbetrieb und der Veranstaltungsort Antje Øklesund befand, könnte Bezugspunkt weiterer Auseinandersetzungen in der Rigaer Straße werden, nachdem die geräumten Mieter der Rigaer Straße 94 ihre Räume wieder beziehen können. Einen Häuserkomplex mit 133 Wohnungen möchte Investors Gröner hier für 37 Millionen Euro errichten – Carré Sama-Riga nennt er es.

»Ökologisch« und »sozial« soll das Projekt sein, so verkündet ein gigantisches Transparent an der Baustelle. »Der Bau bedeutet, dass wir hier bald alle verschwinden müssen«, sagt eine junge Frau ins Mikrofon, die sich als Anwohnerin bezeichnet. Sie stört, dass es auch eine Tiefgarage gebe, wo der »Porsche der zukünftigen Mieter sicher geparkt« werden könne.

In der Tat sind zehn bis 13 Euro Nettokaltmiete im Vergleich zum Umfeld viel, aber die Wohnungen hätten durch die ökologische Bauweise sehr niedrige Nebenkosten, rechtfertigte sich Investor Gröner jüngst im »Tagesspiegel«. Für Nowak geht es eher um die schleichende Umstrukturierung der Nachbarschaft: »Kleine Läden haben zugemacht, immer mehr Spätis eröffnen. Durch die hohen Mieten steigt der Mietspiegel, was auch Folgen hat für die Mietwohnungen in der Nachbarschaft, wohingegen die Angestellten in den Kiosken oft nur auf Hartz-IV-Niveau entlohnt werden«. Freke Over, ehemaliger Hausbesetzer und später für die LINKE im Abgeordnetenhaus, sorgt sich um Hausprojekte in der Gegend. »Bei einigen laufen 2017 die Mietverträge aus.« Das sei gefährlich bei dem starken Aufwertungsdruck.

Der Betreiber des Clubs Antje Øklesund, der Verein zur alternativen Stadtraumnutzung e.V. hat drei Jahre mit dem Eigentümer über einen Verbleib auf dem Gelände verhandelt. Ziel war die Schaffung eines Kiezkulturhofs mit Sozialcafé, Dachgarten und Klettermöglichkeiten. Außerdem sollte die historische Bausubstanz erhalten werden. Sascha Schneider, Vorsitzender des Vereins kritisiert: »Es gibt nach über drei Jahren Verhandlungsarbeit kaum verbindliche Zusagen des Investors zur konkreten Umsetzung des Kiezhofs«.

Sollten die Verhandlungen zwischen Bezirk, Investor und Anwohner_innen scheitern, droht eine Eskalation des Konflikts um das Areal. Die kurze und knackige Demo vom Samstag – »wie ein Punkrocksong« ruft jemand ins Mikrofon – könnte ein Anfang gewesen sein. Mittlerweile wird auch auf der anderen Seite verbal aufgerüstet. So äußerte Gröner im »Tagesspiegel«, er wisse sich als Unternehmer im Bezug auf Angriffe »seit jeher selbst zu helfen«.

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