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Absturz ist ein Höhenflug

Gedanken zum Theater von Frank Castorf - der am Sonntag 65 wurde

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

In großen Lettern stand es über der Szene: HUNGER! Bald fiel ein Buchstabe herab: UNGER! Aus Hauptmanns »Webern« waren Ostdeutsche, aus proletpolternden Träumen der Weltveränderung waren Wünsche geworden, die das Reisebüro »Unger« besser erfüllen konnte. Unterschicht mit Oberwasser, das an Mallorcas Strände schwappt. Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierung von 1997 schuf eine bezaubernd illusionslose Revue, in der Gewerkschaftsfahnenstangen wie Streichhölzer knickten, Tariftölpel auf Filmszenen von Tarantino trafen. Spottgeburten sind wir alle - mit jedem Sozialopfer-Klischee knallt ein Stück Wahrheit ins Kontor. Und rot ist nicht mehr die Gesinnung, rot sind nur noch die Schenkel, auf die wir uns klopfen, wenn Geschichte ihre Wahrheit schunkelt: Ballermann statt Klassenkampf.

Castorfs Theater ist herrlicher Treue-Exorzismus. Ist Feier des Verrats. An Köpfen ohne Schmerz, an Idealismen ohne Scherz. An kapitalistischer Grobheit wie an tranigem Internationalismus. Die Existenz: zum Fürchteknuddeln. Aber, aber, aber: im sinnlosen Strudel, im stumpfen Egoismus immer wieder die qualvoll schöne, dunkle Geschichte von ohnmächtigen Verneinern, die sich nach einem rettenden Ja sehnen. Nach einem gerechten Gott. Einem halbwegs gerechten Gott.

»Grundlinien der Entwicklung der weltanschaulich-ideologischen und künstlerisch-ästhetischen Positionen Ionescos zur Wirklichkeit« - so der Titel der Diplomarbeit des 1951 in Berlin Geborenen. Theaterwissenschaftler, Dramaturg - Regisseur. Provinzrebell mit radikalem Slapstick. Dieter Mann holt ihn 1990 ans Deutsche Theater - die Türen der Edelbühne lernen den Schwung, mit dem sie zugeknallt werden können. Das deutsche Freiheitsschicksal schenkt Castorf kurz darauf die Volksbühne. 2017, zu seiner Abschiedsstunde, wird er dort ein Vierteljahrhundert Intendant gewesen sein.

Bei ihm werden nicht schlechthin Stücke gespielt, hier wird vor allem Romanwerk gesprengt, herausgerissen, hineingestopft; es wird zeitgedehnt (also zeitluxuriös) Ideendrama betrieben - alles sieht aus wie eine Liaison von Philosophie und Peepshow. Ist es auch. Lessing: Ein Mann onaniert in Papier und wirft es ins Publikum. Shakespeare: eine Königstochter liest uns Solshenizyn vor. Horváth: das Oktoberfest als Tanz auf dem Vulkan - hurra, wir saufen noch! Karl Grünberg meets Heiner Müller: aus einem ostdeutschen Ingenieurbüro wird die Gaskammer. Tennessee Williams: Endstation Amerika - Aufstiegsträume eines osteuropäischen Immigranten als Polenwitz. Hans Henny Jahnn: Angespuckt wird eine Frömmelei, die Scheiße und Sinn zu trennen versucht - wo es doch immer wieder gelingt, den größten Dreck zu einem heiligen Ziel zu erklären.

Castorf spielt gnadenlos gern mit Verschlingungen der Geschichtsstränge. Die Moorsoldaten wühlen im Stalinismus-Schlamm. Demokratie und Dekadenz spreizen sich wie zwei Hurenbeine. Die Internationale erkämpft den Menschenknecht. Schillers Räuber als volkprügelnde Volkspolizisten. Baal im Vietnamkrieg. Theater als Spektakel. Gegen ein Bewusstsein, das vorn saubere Ansichten hat und sich hinten in der Nazikacke suhlt. Gegen ein Bewusstsein, das Moral singt, aber in Wahrheit Geld grölt. Das Liebe seufzt und ficken meint.

Diese Regie erhitzt sich an jener Unübersichtlichkeit, wo Gut und Böse, Wollust und Zwangsleid, Pisse und Pathos, rote Fahne und Schnapsfahne hilflos ineinanderstürzen. Denn immer haben wir, wie Volker Braun schrieb, an mehreren Welten zu würgen. Das überfordert, ist geschmacklos, aber es alarmiert. Aufklärung und Auschwitz? Liberté und Lager? Befreiung und Barbarei? Nein. Ja. Batailles Ekel bleibt gegenwärtig wie Artauds Grausamkeit; Buñuels Widerlichkeiten sickern herein wie Genets Perversitäten. Fleisch tendiert zur Zerfleischung.

Die SED, jakobinisch wie die Grashöhenschnitter einer Kleingartenanlage, hatte den jungen Dramaturgen und Regisseur über Senftenberg, Brandenburg nach Anklam verdammt. Dort antworteten die feierwitzigen Oblomows mit Wodka auf Verbote, mit Witzen auf Stasischnüffler. Konditionierung: Du träumst vom Highway, Route Sixty-Six, wachst aber auf in - Anklam. Das stählt, als wäre man Kortschagin. Da wird man grinsend trotzig und hängt sich in der unregierbaren Betonburg Volksbühne ein Stalin-Plakat ins Zimmer. Anklam for ever. Rockys Boxring.

Castorf wurde an der Volksbühne zum grandiosen Ausschöpfer seines Phlegmas. All sein Mühen um Struktur und Institution folgt seit jeher einem einzigen Ziel: Er will sich jeden Betrieb so zurichten, dass er darin - er selber sein kann. Egoismus, aber kein Egotrip. Die Beweise: Marthaler, Kresnik, Schlingensief, Pollesch, das Obdachlosentheater »Die Ratten«, dazu der geniale Raumschöpfer Bert Neumann - sowie kluge Dramaturgen, die Philosophen und Organisatoren zugleich sein durften. Sein mussten! Ein Intendant wie Castorf ist fruchtbar, denn er zeugt, aber er ist auch furchtbar, denn er erzeugt nicht Schüler, sondern höchstens Epigonen. Er ist kein Förderer. Er lässt loofen. Ins Geniale, auch ins Gemeine. Ein Darwinist und Festungspanzer. Heutige Theater-Prägende wie Kušej oder Kriegenburg wurden am Rosa-Luxemburg-Platz gleichsam weggebissen, gingen durch eine Hölle. Aber jede Hölle ist das wahre Paradies für Kunst, nicht Kuschelei.

Ein Eroberer. Von Hamburg bis München, von Salzburg über Zürich bis Wien und Bayreuth. Wirkungen von Belgrad bis Brasilien, von Chile bis China: nachzulesen derzeit im Arbeitsbuch »Castorf« von »Theater der Zeit« - Erinnerung an Anfänge; Atmosphären des Aufbruchs - ein Wissenschaftsstaunen ist dieses Buch, ein Erfahrungstheoretisieren, eine Reminiszenzen-Rundreise durchs Ruchlose. Berichte von einer Ästhetik, die scharfe Linien zieht von Schiller zu Dick und Doof, von Heiner Müllers »Schlacht« zu »Pension Schöller«, von Sartre zu Serbien, von Hebbel zu Celine, von Malaparte zu Molière, von Dostojewski zu Bulgakow. Im Slawen wird der Sklave zum Messias: Ich Mensch komme - immer zu kurz.

Und ja!, Castorf ist ein Parasit: Her mit Staatsgeldern - der Idealismus der Zyniker kennt keinen Stolz an falscher Stelle. Subvention - das ist: schönes Wetter, um Stahlgewitter zu spielen. Also das zu denken, was man lediglich spielen darf. Ich darf Neger sagen, weil ich kein Rassist bin - so der Regisseur. Und schon möchte man applaudieren, denn jede Verstiegenheit gegen das politisch Korrekte tut gut. Grinsend folgt er dem Bildhauer Alfred Hrdlicka, der auf die Frage, welche Eigenschaft er an Frauen besonders schätze, antwortete: High Heels. Castorfs Theaterweiber sind Megären und zarte Wildtiere. Bleiben souverän obenauf, indem sie scheinbar nur immer unten liegen.

Überhaupt: die Schauspieler! Gezeichnete. Unfähig für Stadttheater. Geschlagen mit souveräner Behauptung gegenüber der Rolle. Schrillbudenzauber, der im Trieb eine Quelle hat und den Trieb zugleich mit Geist quält. Hier haben Sportler die Kunst besetzt. Es läuft alles wie ein hochgedrehter Motor, das Gaspedal klemmt - nichts lässt sich zurückdrehen. »Schubsendes Theater« sagte mal ein Schauspieler auf der Szene. Und, seit Jahren: Film, Film, Film. Faszinierende Live-Videobilder. Aber nie verliert sich dabei, dass Theater allabendlich ein unwiederholbares Experiment des lebendigen Menschen bleibt.

Immer hat die Volksbühne mit Müdigkeiten gekämpft. Das ist der Preis, Grenzen zu überschreiten und doch zu hoffen, nirgends anzukommen. Castorf, der Facharbeiter der Deutschen Reichsbahn wurde, aber Rimbaud mag und vielleicht auch lieber ein Waffenhändler in Afrika wäre - er ist Sohn eines Berliner Eisenhändlers. Eisen: glühend, oft glänzend. Manchmal nur altes Eisen. Gott rächt sich am Menschen, indem er ihn trotz allem liebt. Der großartige Castorf rächt sich am Theater, indem er trotz allem weiterspielt. Herrlich eisern. Rostverliebt. Man weiß als Zuschauer nie, ob man gerade einem totalen Tiefpunkt oder einem absoluten Höhepunkt beiwohnte. Was ist, wenn man nach vier, fünf, sieben Stunden die Abwehraktionen des eigenen Körpers durchgestanden hat? Dieses nervende Wirrwarr. Was ist im Danach, in dem wir doch alle leben? Es öffnet sich der Abgrund des Nachdenkens! In den wir stürzen, um dann von Höhenflug zu reden. Frank Castorfs Reisen in die Nacht: Hinaus! Und plötzlich ist jede Sehnsucht eine Spur räudiger. Am Sonntag ist dieser Regisseur des Welttheaters 65 Jahre alt geworden.

Dorte Lena Eilers, Thomas Irmer, Harald Müller (Hrsg.): Castorf. Verlag Theater der Zeit. 184 S., br., farbig illustr. 24,50 €.

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