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Der Silberschatz vom Spargelfeld

Eher zufällig hat ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger einen Jahrhundertfund gemacht

Als das Metallsuchgerät anschlug, fanden sich mitten im Spargelfeld 70 Silbermünzen dicht unter der Erdoberfläche. Am Ende kamen 502 ganze und 80 halbe Geldstücke aus dem 13. Jahrhundert ans Licht.

Der brandenburgische Sandboden mag oft karg sein, er ist aber auch berühmt für seinen Spargel. Wer aufmerksam über die Spargelfelder geht, kann überraschende Entdeckungen machen. Mario Lippert lief im November 2015 nahe Busendorf, einem Ortsteil der Spargelstadt Beelitz (Potsdam-Mittelmark), über ein Spargelfeld. Er ist ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger. Nach erfolgter Schulung und Prüfung ist er seit mehreren Jahren mit einem Metallsuchgerät unterwegs, um im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege nach historischen Funden und Befunden zu suchen. Innerhalb einer Stunde spürte er an jenem Tag 70 Münzen auf, die verstreut dicht unter der Oberfläche lagen.

Über seinen bis dahin wichtigsten Fund informierte Lippert sofort das Landesamt. Wenige Tage später fand er mit einem Kollegen weitere 250 Münzen und Keramikscherben. Dr. Thomas Kersting vom Denkmalamt entschied daraufhin, durch eine Rettungsgrabung nach dem Kern des Münzschatzes suchen zu lassen. Während der eintägigen Notbergung stieß man in einer Tiefe von einem halben Meter auf eine größere Ansammlung von Gefäßscherben, unter denen dicht an dicht viele Münzen lagen. Insgesamt zählte der Schatz nun 502 Münzen und 80 Münzhälften.

Seit das Spargelfeld für erneute Flurbegehungen freigegeben ist, blieb das Finderglück Mario Lippert dort hold: Im Mai fand er über 100 Münzen, 17 Hälften und weitere Scherben verstreut im Umkreis von 30 bis 40 Metern rund um den Kernfund.

Spargelfelder werden bis zu einer Tiefe von 80 Zentimetern bearbeitet. Dabei wurde das Gefäß mit den Münzen getroffen und zerschlagen. Durch das jährliche Pflügen werden Münzen und Scherben an die Oberfläche geholt. Aus den Scherben konnte das Münzgefäß teilweise wieder zusammengesetzt werden. Es ist ein überraschend kleiner frühdeutscher Kugeltopf aus hartgebranntem blau-grauem Ton und mit rundem Boden.

In den seither vergangenen Monaten haben zwei Münzexperten des Vereins Potsdamer Münzfreunde, Hans-Dieter Dannenberg und Wilko Krone, die mehr als 700 Geldstücke untersucht. Es sind Denare (Ausnahme ist ein Brakteat, bei dem unsicher ist, ob er zum Schatz gehört), die zwischen 1250 und 1260 in Stendal und Brandenburg geprägt wurden. Die zweiseitig geprägten Silbermünzen haben einen Durchmesser von 14,5 bis 17 Millimetern und wiegen nur um die 0,7 Gramm. Der Denar, oder auch Pfennig genannt, war zu dieser Zeit die einzige gebräuchliche Münze im Markthandel. Interessant sind die Münzbilder auf der Vorder- und Rückseite. Münzprägung war Handarbeit. Daher treten immer wieder kleine Abweichungen im Münzbild oder Prägefehler auf. Das Bild ist nicht genau mittig geschlagen, auf der Rückseite fehlt die Abbildung oder das Bild wurde von einem anderen, leicht verschoben, durch einen Doppelschlag überprägt. Für die Numismatiker sind auch neu identifizierte Stempelvarianten, die das Gesamteindruck der Münzbilder vervollständigen, von Bedeutung.

Besonderes Interesse verdienen die gefundenen Denarhälften. Offenbar war der Denar bei Marktgeschäften oft zu wertvoll. Abhilfe konnte die Prägung eines kleineren Nominals schaffen. Es sind auch Halbwertprägungen des Denars - sogenannte Obolen - bekannt. Sie blieben aber selten und konnten sich nicht durchsetzen. So entschloss man sich zur Teilung der Münzen in zwei Hälften.

Der Fund des Münzschatzes an diesem Ort mag nur auf den ersten Blick zufällig sein. Schon 1925 war in der »Potsdamer Tageszeitung« von Münzen zu lesen, die ein Bauer in Busendorf beim Pflügen gefunden hatte. Außerdem ist bekannt, dass der damalige Fundort am Rande der Wüstung Heensdorf oder Heinrichsdorf liegt. Eine Wüstung ist eine aufgegebene Siedlung. Zwar wurde in der Siedlungsfläche bisher nicht gegraben, aber durch Flurbegehungen sind viele Oberflächenfunde bekannt: Teile einer wertvollen »Hanseschale« aus Messing, eiserne Messerscheidenbeschläge, Tracht- und Schmuckteile sowie Keramik. Die Keramik macht es wahrscheinlich, dass die Siedlung um 1200 im Zuge der deutschen Ostsiedlung gegründet wurde. Heinrich wird der Name des Gründers, des Locators, gewesen sein.

Das Gebiet gehörte damals Baderich III., Graf von Belzig. Als der 1251 starb, fiel die Grafschaft an das Herzogtum Sachsen unter Albrecht I., aber Heensdorf, nun ein sächsisches Dorf, war fast vollständig von Brandenburg umgeben. Das führt zu dem Kuriosum, dass jetzt ausschließlich brandenburgische Denare in einer ehemaligen sächsischen Exklave gefunden wurden. Das nachfolgende Busendorf, erstmals urkundlich 1419/20 erwähnt, gehörte mit den benachbarten Orten Klaistow und Kanin noch lange zu Sachsen. Erst 1815 kamen die drei sächsischen Dörfer durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses zu Preußen.

Doch wie kam nun dieser Münzschatz in den Boden? Die erwähnten Oberflächenfunde von der Wüstung zeugen von einem für ein ländliches Gebiet von damals außergewöhnlichen Wohlstand. Denn es fanden sich Beispiele städtischer Mode (Schnallen) darunter, die von wohlhabenden Dorfbewohnern getragen wurden. Die Dörfer waren im 13. Jahrhundert die Kornkammer der großen Städte. Ihr Wohlstand beruhte auf einem florierenden Getreidehandel. Nach Auskunft der Numismatiker stellte der Münzschatz ein ganz beträchtliches Vermögen dar. Auf dem Markt beispielsweise bekam man für einen Denar 15 Eier. Der gesamte Fund entsprach dem Gegenwert von drei Reitpferden.

Interessant ist eine ungewöhnliche Regelung: Die Denare waren nur ein Jahr lang gültiges Zahlungsmittel im Markthandel. Auf Anweisung des Landesherrn wurden dann die alten Münzen »verrufen« und durch Münzen mit einem neuen Bild ersetzt. Die ungültigen Münzen konnten umgetauscht werden, freilich zu ungünstigen Konditionen. Für zwölf alte erhielt man neun neue Münzen. Die drei einbehaltenen Münzen, das Schlaggeld, sollte die Prägekosten decken, war aber vor allem ein verdeckter Gewinn für den Landesherrn. Da die alten Silberdenare aber ihren Edelmetallwert behielten, konnten sie, auch um den Wechselverlust zu vermeiden, gehortet werden.

Ein solcher Hortfund wird der Busendorfer Münzschatz gewesen sein, der im Garten oder auf dem Hof eines Gehöftes von Heensdorf vergraben wurde. Der Grund dafür kann nur vermutet werden. Wurden die Münzen hier in Ermangelung einer Sparkasse für finanzielle Notzeiten oder wegen drohender Kriegsgefahr versteckt? Letztlich wurde der Münztopf nie wieder abgeholt. Über die Hintergründe könnten möglicherweise Grabungen im Bereich der Wüstung Aufschluss geben.

Im Juni wurde der Münzschatz in Busendorf der Öffentlichkeit gezeigt. Denkmalamt und Gemeinderat hatten eine Veranstaltung organisiert, zu der rund 80 Geschichts- und Münzinteressierte aus dem Ort und seiner Umgebung, aber auch aus Potsdam und Berlin kamen. Die Münzen sind inzwischen wieder in das Landesamt und in die Hände der Restauratoren, Archäologen und Numismatiker zurückgekehrt, bis sie wohl eines Tages im Landesmuseum in Brandenburg/Havel zu sehen sein werden.

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