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Attentäter von Nizza gibt Rätsel auf

Franko-Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlem hat keine bekannte Vergangenheit in der islamistischen Szene

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Drei Tage nach dem blutigen Anschlag von Nizza rätseln die Ermittler, die Medien und die Öffentlichkeit immer noch über die Motive und die Persönlichkeit des Täters.

Mehr und mehr Informationen über den Attentäter von Nizza kommen an die Öffentlichkeit, ein klares Bild ergeben sie noch nicht. Nach einem Zeitungsbericht hat er vor der Bluttat sein ganzes Geld abgehoben, berichtete die Sonntagszeitung »Le Journal du Dimanche« unter Berufung auf Ermittlerkreise. Am Tag vor dem Angriff mit einem Lastwagen auf eine feiernde Menschenmenge in der südfranzösischen Stadt habe er auch sein Auto verkauft und seinem näheren Umfeld seine Radikalisierung gestanden.

Inzwischen hat sich der Islamische Staat (IS) in einem recht vagen Kommuniqué zu dem Mordanschlag bekannt. Experten schließen jedoch nicht aus, dass es sich dabei um ein »opportunistisches« Bekenntnis handelt und der Täter nicht mit dem IS in Verbindung stand, sondern sich von früheren und dem IS zugeschriebenen Attentaten »inspirieren« ließ. Die Zahl der Opfer liegt nach wie vor bei 84 Toten, von denen 16 noch nicht identifiziert werden konnten. Von den insgesamt 200 Verletzten oder unter Schock stehenden Personen schweben rund 20 auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod.

Rätsel gibt nach wie vor die Person des Massenmörders, das 31-jährigen Franko-Tunesiers Mohamed Lahouaiej-Bouhlem, auf. Von seiner ehemaligen Frau sowie Nachbarn und Bekannten wird er als verschlossen und depressiv, aber auch jähzornig und gewalttätig beschrieben. Andererseits berichtet eine junge Frau, die kürzlich mit ihm zusammen an einem Tanzkurs teilnahm, Lahouaiej-Bouhlem sei »freundlich und charmant« gewesen. Er war Muslim, hat aber nicht regelmäßig gebetet, besuchte selten die Moschee und hat Schweinefleisch gegessen. Innenminister Bernard Cazeneuve versichert, dass den Ermittlern Erkenntnisse vorliegen, dass sich der Täter »erst unlängst und in sehr kurzer Zeit« radikalisiert habe. In diesem Zusammenhang wurden fünf Personen aus seinem Umfeld in Untersuchungshaft genommen.

Die Rechte nutzt die Gunst der Stunde, um zu polemisieren und vor allem die Sicherheitspolitik der Regierung zu diskreditieren. Nur Stunden nach dem Anschlag erklärte der ehemalige Bürgermeister von Nizza und heutige Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Christian Estrosi, dass der Staat nicht auf seine wiederholten Forderungen reagiert hat, mehr Angehörige der Nationalen Polizei dorthin abzukommandieren. Kritiker Estrosis erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass dieser als Bürgermeister Nizza zu Frankreichs Stadt mit der höchsten Dichte an Videokameras auf öffentlichen Straßen und Plätzen gemacht hat, was aber in der Mordnacht nichts genutzt hat.

Die Rechte verweist auf einen parlamentarischen Untersuchungsbericht, der erst vor Tagen zum Teil eklatante Mängel bei der Vorbeugung und Aufdeckung von Terrorakten festgestellt hat. So wurde die zeitweilige Überwachung von Personen, die als radikale Islamisten bekannt waren, aus Personalmangel vorzeitig wieder eingestellt. So konnten sie unerkannt Anschläge vorbereiten und durchführen. Ein rechter Politiker verstieg sich sogar zu dem Vorwurf, dass die Polizisten in der Nacht von Nizza nicht mit Panzerfäusten ausgerüstet waren, mit denen sie den Mord-Lkw schnell und effektiv hätten stoppen können. Ein anderer fordert, Franzosen nach ihrer Rückkehr von den Kämpfen in Syrien nicht mehr nach Frankreich einreisen zu lassen und alle Personen, die von den Sicherheitsbehörden mit dem Vermerk »S« für »gefährlicher radikaler Islamist« versehen wurden, des Landes zu verweisen. Darauf reagiert Premierminister Manuel Valls mit dem Appell, »kühlen Kopf« zu bewahren und die innenpolitische Debatte nicht in »Trumpismus« absinken zu lassen. Die Sicherheitskräfte leisteten ihr »Menschenmöglichstes« und hätten in den vergangenen drei Jahren mehr als 15 konkret geplante Terroranschläge aufgedeckt und verhindert.

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