Werbung

Ich bin doch kein Sexist, aber ...

Ungleiche Machtverhältnisse, strukturelle Ungleichheit: Über gesellschaftliche Stereotype von Männern und Frauen

Sexismus ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Gleichwohl ist es schwer, Sexismus da zu benennen, wo er auftaucht. Aber was ist das eigentlich: Sexismus?

Der Begriff Sexismus (sexism) entstand in den 1960er Jahren innerhalb der US-amerikanischen Frauenbewegung in Anlehnung an den Begriff Rassismus (racism), um Diskriminierungen aufgrund des biologischen Geschlechts (sex) benennen und thematisieren zu können. Diskriminierung bedeutet Ungleichbehandlung, Benachteiligung, Ausgrenzung, Ab- oder Minderbewertung durch eine andere Person oder mehrere Personen, aber auch durch Institutionen. Deshalb ist Sexismus auf der einen Seite ein interaktionelles Problem, das heißt, er zeigt und findet sich im Kontakt zwischen zwei oder mehreren Menschen. Gleichzeitig ist Sexismus aber auch ein strukturelles Problem, das in den Grundstrukturen unserer Gesellschaft angelegt ist.

Es geht bei Sexismus nicht um einzelnes Fehlverhalten, sondern darum, wie Geschlechterstereotype, das heißt gesamtgesellschaftlich geteilte Überzeugungen davon, welche positiven und negativen Eigenschaften Frauen oder Männer besitzen, entstehen und sich durchsetzen. Stereotype bestimmen den sozialen Status, den Frauen und Männer in der Gesellschaft genießen, und festigen ihn.

Den Dingen einen Namen geben zu können war und ist deshalb so wichtig, weil Lebenswirklichkeiten erst dann beschrieben und politisiert werden können, wenn sie auch benannt werden können. So kann deutlich gemacht werden, dass es sich nicht um bedauerliche Einzelerfahrungen handelt, für die es eine individuelle, private Lösung zu finden gilt, sondern dass eine Gruppe von Menschen von sehr ähnlichen Erfahrungen betroffen ist. Männer sehen sich zum Beispiel nicht mit der Vorannahme konfrontiert, sie könnten zu emotional und deshalb ungeeignet für einen bestimmten Beruf sein. Andersherum gelten Männer etwa in sozialen Berufen wie Kindergärtner als ungeeignet aufgrund ihres angenommenen Mangels an Emotionen oder werden sogar verdächtigt, pädophil zu sein. Sexismus betrifft damit grundsätzlich beide Geschlechter.

Dennoch gilt es zu unterscheiden, weil noch ein weiterer Faktor hinzukommt: Macht. Sexismus lässt sich deshalb auf die plakative Formel bringen: Sexismus = geschlechterbasierte Vorurteile + ungleiche Machtverteilung. Auch wenn Männer so wie Frauen Vorurteilen aufgrund ihres Geschlechts ausgesetzt sind, die auch sie einschränken, sind Frauen in der Regel stärker von Sexismus betroffen, weil sie weniger (gesellschaftliche) Macht besitzen als Männer.

Wir leben nach wie vor in einer Gesellschaft, in der Macht ungleich auf die Geschlechter verteilt ist: Männer besetzen beinahe alle Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur: 2015 betrug der Frauenanteil in Führungspositionen bei Unternehmen ab 10 000 Mitarbeitenden 15,8 Prozent, 24,8 Prozent bei Unternehmen mit bis zu 10 Mitarbeitenden, der Frauenanteil im deutschen Bundestag beträgt aktuell 36 Prozent, 2014 waren 22 Prozent der Professuren an deutschen Universitäten mit Frauen besetzt.

In der Regel sind es also Männer, die Macht besitzen, sie verteilen und entsprechend repräsentieren. Gleiches gilt für das Finanzielle: Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung haben Männer in Deutschland durchschnittlich 27 000 Euro mehr Vermögen als Frauen. Doch auch hier muss genau hingesehen werden. Nicht allen Männern steht der Zugang zu Macht in demselben Maße offen, sondern vor allem denjenigen, die außerdem weiß, begütert, heterosexuell und akademisch gebildet sind.

Außerdem muss deutlich hervorgehoben werden, dass auch und in besonderem Maße Transfrauen und -männer sowie intersexuelle Menschen von Sexismus betroffen sind, weil wir sie nur schwer in unsere etablierte, zweigeschlechtliche Geschlechtervorstellung einordnen können. Deshalb sind sie häufiger verbaler und physischer Gewalt ausgesetzt.

In den späten 1970er Jahren etablierte sich der Begriff Sexismus auch in Deutschland, sowohl im Umkreis von Aktivist_innen als auch in der Wissenschaft. Seither wird er vor allem in der Sozialforschung sowie in der Frauen- und Geschlechterforschung als Analysekategorie verwendet. Das heißt, dass wissenschaftlich analysiert wird, wie und wo sich Sexismus in der Gesellschaft zeigt, aber auch, wie Sexismus gerechtfertigt wird und welche Erklärungsmuster Sexismus stützen.

Ein sehr verbreitetes und wirkungsmächtiges Erklärungsmuster für geschlechterbasierte Rollenstereotype und das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern ist der Verweis auf die Natur. In diesem Denken sind Männer und Frauen sozusagen zwei Arten von Mensch. Trans- oder intersexuelle Menschen tauchen gar nicht erst auf. Es wird behauptet, dass Männer und Frauen bestimmte typische Eigenschaften und Verhaltensweisen hätten, die sie mit all ihren Geschlechtsgenoss_innen teilen und die sie grundsätzlich vom anderen Geschlecht unterscheiden würden - ungeachtet individueller Biografien, Klassenzugehörigkeit, Bildungsniveaus oder Religion. Frauen seien zum Beispiel emotional, passiv, kommunikativ und eitel, während Männer wiederum denkend, handelnd, wortkarg und bodenständig seien. Auch Ausnahmen bestätigen in diesem Denkmodell nur die Regel.

Als Ursache für diese angenommenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern wird die menschliche Natur angeführt: Sie drücke sich in den unterschiedlichen Hormonhaushalten, Gehirnstrukturen oder Ähnlichem aus und habe die Entwicklung der Menschen von der Steinzeit bis heute bestimmt. Geschlechtsbasierte Vorurteile und Rollenzuschreibungen werden in den unterschiedlichen Varianten dieses Erklärungsmodells ebenso naturalisiert wie die ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern - und genau hierin liegt das grundsätzliche Problem. Die zentrale Rolle, die der Gesellschaft bei der Herstellung und Aufrechterhaltung von Hierarchien und Diskriminierungen zukommt, wird ausgeklammert, an ihre Stelle tritt die »Natur«.

»Natur« als ein Argument in Zusammenhängen anzuführen, in denen es um gesellschaftliche Verhältnisse geht, ist immer kritisch zu hinterfragen, nicht nur, weil das vermeintlich »Natürliche« immer in einem Spannungsverhältnis zu dem menschlich Gemachten steht, sondern vor allem deshalb, weil es Machtverhältnisse rechtfertigt, die manchen nutzen, während sie andere diskriminieren. Wenn es das Testosteron ist, das Männer zu Karrieren in Politik und Wirtschaft befähigt, dann brauchen wir als Gesellschaft nicht mehr über Begünstigungsstrategien, strukturelle Ungleichheit oder Sexismus im Berufsalltag zu sprechen - so die Botschaft dieses Erklärungsmodells. Wir müssen aber nicht akzeptieren, wie die Dinge sind, wir können sie verändern. Sozialen Bewegungen wie den Frauenbewegungen ist es bereits gelungen, die gesellschaftlichen Verhältnisse und Realitäten ganz entscheidend zu wandeln.

Nicht alle Menschen machen die gleichen Sexismuserfahrungen. Eine schwarze Frau erfährt andere Diskriminierungen als eine weiße, eine Akademikerin andere als eine Arbeiterin. Deshalb thematisieren die Forschung und viele politische Initiativen Sexismus nicht isoliert, sondern im Kontext mit anderen Diskriminierungskategorien wie etwa ethnischer Herkunft, Hautfarbe (race) oder Klassenzugehörigkeit (class). Dieser Ansatz nennt sich intersektional.

Gegen Sexismus wird auch per Gesetz vorgegangen. Das Grundgesetz besagt (Artikel 3, Absatz 2): »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.« 2006 trat außerdem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft. Das AGG soll Benachteiligungen aufgrund von »Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern oder beseitigen«. Diese Gesetze bilden nicht nur die Grundlage, um gegen Sexismus und andere Benachteiligungen rechtlich vorgehen zu können, sondern erkennen auch an, dass Sexismus eine gesellschaftliche Tatsache ist.

Sexismus, sexuelle Belästigung oder andere Formen von sexualisierter Gewalt sind nicht dasselbe, Sexismus ist ein Überbegriff. Sexuelle Belästigung bezieht sich auf eine konkrete, einzelne Situation oder Handlung, in der beziehungsweise durch die sich eine Person herabgesetzt, verletzt oder bedroht fühlt und die strafrechtlich verfolgt werden kann. Obwohl sexuelle Belästigung damit zu einem gewissen Grad subjektiv ist, ist die Auslegung dieses Begriffs klar definiert. 2011 hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) festgelegt: »Das jeweilige Verhalten muss bewirken oder bezwecken, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird. Relevant ist entweder das Ergebnis oder die Absicht […]. Für das ‹Bewirken› genügt der bloße Eintritt der Belästigung. Gegenteilige Absichten oder Vorstellungen der für dieses Ergebnis aufgrund ihres Verhaltens objektiv verantwortlichen Person spielen keine Rolle […]. Auf vorsätzliches Verhalten kommt es nicht an. […] Unmaßgeblich ist, wie er selbst sein Verhalten eingeschätzt und empfunden hat oder verstanden wissen wollte.«

Sexismus ist ein komplexer Begriff, der ein breites Spektrum umfasst, weil er sowohl in Haltungen und Äußerungen als auch in den daraus resultierenden Handlungen zum Ausdruck kommt und seine Wirkung entfaltet. Das Argument, der Begriff Sexismus sei so weit gefasst, dass nicht mehr klar wird, worum es dabei eigentlich geht, wird häufig von konservativer Seite geäußert. Um aber deutlich zu machen, dass diese unterschiedlichen Aspekte und entsprechenden Erfahrungen zusammengehören, braucht es einen Überbegriff wie Sexismus, der sie als gesellschaftspolitisches Problem benennt.

Ungeachtet dessen: Sexismus lässt sich auf einen klaren Nenner bringen. Immer dann, wenn eine Person von einer anderen Person, von Personen oder Institution(en) aufgrund ihres Geschlechts anders beziehungsweise schlechter bewertet oder behandelt wird, ist das Sexismus.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!