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Der ungewisse Vorsprung

Ist die Zeit nach dem Amoklauf von München jene Zeit, die immer schon war?

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Wo es keine Freude ist, mit anderen zu leben, mag es eine letzte Lust sein, mit anderen zu sterben. Und wir Überlebenden? Sind nach jedem Attentat, nach jedem Amoklauf wieder einen Keim stärker mit etwas infiziert, das man als globalisierte Unsicherheit bezeichnen könnte (wo alles der Globalisierung unterworfen ist, macht die Angst keine Ausnahme).

Diese Unsicherheit spüren wir inzwischen beim Betreten jedes Bahnhofes, jedes Restaurants, jedes Theaters, jedes großräumigen Shopping-Pferchs. Oder? Oft nur für den Bruchteil einer Sekunde und natürlich gegen unser Bewusstsein: Abchecken, Körperscan. Unsere Blicke in fremde Augen, im Bus oder auf Märkten, haben ihre unschuldige Neugier verloren. Unser instinktiv gewordenes Misstrauen übermalt andere Menschen willkürlich mit böser Verdächtigung. Wir flackern. Ich jedenfalls flackere. Ehe ich dann doch wieder denke, in der besten aller europäischen Zeiten zu leben.

Wir befinden uns in einem Krieg der Loslösung gegen die Lösung. Sich und andere wegknallen - das ist der Sieg der Alternativlosigkeit gegen jede Form von Wahl, die lebend zu treffen wäre. Just nach München gilt: Die Front- und Motivlage des modernen kriegerischen Selbstmordes ist weit gefächert. Jeder Verweis auf Handlungsbegründungen, die sich nur an (religions-)politischen Konflikten festmacht, ist eine Täuschung. Nur noch die Tragweite der jeweiligen tödlichen Aktion, die Kraft der Logistik sowie der Zugriff aufs Waffenarsenal unterscheiden den Amokläufer vom politisch angetriebenen Attentäter. Ansonsten darf verallgemeinert werden: Der Selbsterhaltungstrieb hat an bindender Kraft verloren, der Entschluss zum eigenen Untergang ist nicht mehr allein gekettet an ideologische Verblendungen, Opfermythen, religiöse Hingebung, wahnpolitische Ergebenheiten.

In jedem missachteten Schüler lauert ein Traum vom 11. September. In jedem gekündigten Mitarbeiter auch. Jeder höhere Turm in jeder Stadt, jeder Bahnsteig, jeder belebte Platz liegt im Blickwinkel gekränkter, unglücklich liebender, karrieregeknickter, unverstandener Selbstmordkandidaten. Die vielleicht gestern noch gar nicht wussten, dass sie es heute sind. Wie es Antonin Artaud beschrieb: »Ich stelle mich zwischen das Schöne und Hässliche, Gute und Böse. Wenn ich mich töte, so werde ich es nicht tun, um mich zu zerstören, sondern um mich wiederherzustellen, mich heftig zurückzuerobern und dem ungewissen Vorsprung Gottes zuvorzukommen. Ich befreie mich von der Bedingtheit meiner Organe, die so schlecht mit meinem Ich übereinstimmen.« Die Organe. Man besaß nicht die richtige Nase fürs gelingende Leben. Man hatte nicht die Stirn, man war nicht ganz Ohr, redete nicht nach dem Mund, der ein fremder war. Irgendwann schlägt das Herz nur noch zurück.

Der Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma hält weniger Gewalt im öffentlichen Raum für einen der Evolution und der Geschichte mühsam abgerungenen Erfolg - der aber nie gesichert ist. Es gibt eine Gewalt, er nennt sie »autotelisch«, die sich selbst genügt, deren Ausbruch aber nicht einfach ins Pathologische abgedrängt werden kann, sondern in Verbindung gebracht werden muss mit den Schreckensmöglichkeiten im ganz normalen Menschen. »Wenn man Areale schafft, wo autotelische Gewalt ausgeübt werden kann, wird sie ausgeübt werden, immer wieder.« Und dann heißt es, Täter seien aus dem Nichts gekommen. Wo jeder Einzelne Mühe aufwendet, sich nicht mehr vom anderen Einzelnen zu unterscheiden - da ist das Nichts. Wo sich die Eigenheiten gegenseitig aufheben. Wo alles gegen Null tendiert. Regsamste Bewegungslosigkeit. Eine Leere aus Selbstverleugnungen. Rundum nur gegnerische Begierden und Kräfte. Sackgassensog.

Man könnte also durch die Shopping Malls, durch alle Geschäftigkeitsstrecken gehen, abends auf blauzuckende Häuserfassaden blicken, sich auf eine Autobahnbrücke überm Geschwindigkeitsrausch stellen oder beim Stau vor die eigene Wagentür treten - und in Anlehnung an den wahnsinnigen, blutgierigen Möchtegernwelterlöser Kurtz in Coppolas »Apocalypse Now« (»ich habe das Grauen gesehen«) sagen: Ich habe das Nichts gesehen. Ich bin dessen Teil. Das pressend Geordnete ist offenkundig das Nichts. Wo früh versteint, wer was überleben will? Wo auch gefährliche Ideen im Geheimen sich aufmachen, die Gemüter zu besetzen? Wo sich alles anstaut, auch der Gedankenwust, bis man zielgerichtet durchknallt?

Politiker, die angesichts von Amokläufen den Lebenswert westlicher Freiheiten beschwören, sind Unglückliche, weil sie gleichzeitig Sachwalter genau jener sozialen, psychischen Überforderungen sind, in deren Folge unendlich viele Kränkungen, Einbußen, Ungerechtigkeiten, Neidgefühle, viel Hass, Ohnmacht, Ratlosigkeit, Zukunftsfurcht, Handlungsmüdigkeit, Resignation stehen. Die großen Krisen der Welt - hervorgerufen durch Waffen, Computerviren, neuartige Seuchen, ökologische Kollapse, Bürgerkriege, mafiotische Verbrechen - bilden mit den sozialen, moralischen, psychischen Erschütterungen kleiner Welten aus Lieblosigkeit und Verkanntsein und Abstoßung und allgemeiner Nervosität ein undurchdringliches Netz. In dem, um Leben nachzuweisen, offenbar nur noch gezappelt werden soll.

Immer waren Machtfantasien die Antriebsmotoren der Politik - längst steht die Frage, wie ehrlich Politik eigene Ohnmacht zulässt, aber sich trotzdem zu helfen weiß. Elias Canetti beschrieb Demokratie als Fähigkeit einer Gesellschaft, Druck auszugleichen. Druck, der freilich durch Demokratie erst entsteht, also durch jenes freie Spiel der Kräfte, das jedem mühsam gefundenen Gleichgewicht stets neu in die Parade fährt. Demokratie ist jene einzige Möglichkeit, das ewige Scheitern einer besseren, aber leider unmöglichen Gesellschaft lebbar zu machen - einer Gesellschaft, in der die Gerechtigkeit so groß wäre wie die Freiheit. Diese Welt wird es nie geben. Warum aber (Schrei, Schrei, Schrei!) muss man in einer Welt leben, in der vor allem jene zynische Freiheit wächst, sich - bitteschön! - aus dem Leben zu nehmen, wenn man nicht mehr zurechtkommt mit dem stetig wachsenden Druck? In Joel Schumachers Film »Falling Down« genügte dem anständigen Bürger William Foster (Michael Douglas) eine Fliege an der Fensterscheibe des Autos, um nervöse Angespanntheit in blutigen Amok zu verwandeln.

»Murmelte er nicht vor sich hin? Stierte er nicht mit fest geschraubten Augen in etwas Wesenloses weit vor ihm? Trug er nicht an einer Verzweiflung, die zu beherrschen unbändige Kraft kostete? Ist nicht jede bunte Selbstdarstellung, die er betreibt, Ausdruck einer Einsamkeit, die nur noch nicht zum letzten Mittel griff? Die noch singt, tanzt, statt zu schießen?« So kann man es bei Joseph Roth lesen. Beschreibung eines einzelnen umdämmerten Menschen. Daraus wurde eine Welt, daraus wurde Vervielfachung wie die des Agenten Smith im Film »Matrix«. Eine Welt der zahllosen globalisierten Endzuständler. Von denen die meisten ihre Zivilisiertheit im Irrationalen tapfer aufrechterhalten und so das wahre Weltkulturerbe formen. Aber mitten im Frieden keimt Krieg. Auch der Verzweiflungstatendrang jener, die auf eine grausame Initialzündung setzen. Auch heute? Möglich. Und wo? Egal, wo. Alles ist: in uns und in der Nähe.

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