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Wie der Stahl entwertet wurde

Die Siemens-Martin-Öfen sind erkaltet - Industriestandort ist Brandenburg/Havel geblieben

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 5 Min.
Rund 10 000 Menschen produzierten in Brandenburg/Havel Stahl für die DDR-Volkswirtschaft. 1993 wurden die alten Anlagen stillgelegt. Doch die Stadt konnte sich als Industriestandort behaupten.

Respektlos hebt ein gehörnter Waldmops an einem Granitbock im Schatten der Johanniskirche sein Bein. Mitten in der Altstadt verbirgt sich ein ganzes Rudel dieser Fabeltiere im Gesträuch, eine »Art Hund von kleiner Größe und verdrießlichem Aussehen«. Die Ruine der aus dem 15. Jahrhundert stammenden Klosterkirche ist als Veranstaltungsort wieder aufgebaut worden. 2015 öffnete sie anlässlich der Bundesgartenschau als vielbestaunte Blumenhalle - und als offizielles »Waldmopszentrum«. Letz᠆teres war eine Geste der Zuneigung der Stadt Brandenburg/Havel gegenüber ihrem populärsten Sohn und Ehrenbürger: Vicco von Bülow alias Loriot. Der 2011 verstorbene Humorist hat den »scheuen Waldmops« in einem seiner Sketche unsterblich gemacht. Die Künstlerin Clara Walter aus Berlin ließ sich davon zu 17 Bronzeskulpturen inspirieren, die nun im ganzen Stadtgebiet zu finden sind.

Diese Art Schalk steht der Stahlarbeiterstadt mit dem spröden Char᠆me gar nicht mal schlecht. Zeugt er doch vom unverkrampften Umgang der Stadtoberen um Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) mit dem tausendjährigen Erbe Brandenburgs. Der Marktflecken am Rande der slawischen Siedlungsgebietes wurde als Vorposten der Christianisierung zur Wiege der Mark Brandenburg. Von Würde und Selbstbewusstsein der aufstrebenden Stadt zeugen der mittelalterliche Dom, das Paulinerkloster und das Rathaus mit der als Wächter verbriefter Stadtrechte dort aufgestellten Rolandsfigur. Im Dom St. Peter und Paul, einst Bischofssitz und heute evangelische Kirche, lagert das älteste Archiv der Mark. Das Kloster ist Sitz des Archäologischen Landesmuseums.

Im kollektiven Gedächtnis vieler Märker lebt die Havelstadt als Industriestandort fort, geprägt vom Ruß und Lärm des Stahl- und Walzwerkes. Das 1914 erbaute Werk, ab 1926 im Besitz des späteren Kriegsverbrechers Flick, wurde nach 1945 demontiert. 1950 stand das neue Werk, dass 1979 zum Stammwerk des Kombinats Qualitäts- und Edelstahl Brandenburg und zum größten Rohstahlproduzenten der DDR wurde. 1985 lieferte es 2 656 300 Tonnen Roh- sowie 1 101 500 Tonnen Walzstahl und beschäftigte 10 033 Mitarbeiter.

»Alte Brandenburger erinnern sich daran, dass man es nachts sah, wenn im Werk Abstich war. Dann war der Himmel über der Stadt glutrot, erzählen sie«, sagt Marius Krohn. Der schlaksige Mittdreißiger, aufgewachsen in Neuruppin, hat an der Humboldt-Universität Geschichte studiert und war wissenschaftlicher Mitarbeiter, bevor er die Leitung des Industriemuseums übernommen hat.

Das Museum auf dem alten Werksgelände am Silokanal wird vom Förderverein Stahlmuseum Brandenburg an der Havel e.V. getragen, als Ausgangspunkt der Europäischen Route der Industriekultur wird es von der Stadt bezuschusst. Es befindet sich im abgelegensten Teil der entkernten alten Ofenhalle des heutigen SWB Gewerbe- und Industrieparks. Dort steht der letzte der zwölf Siemens-Martin-Öfen des Werks. Ofen XII, der stillgelegte Gigant, ist technisches Denkmal und Herzstück des Museums. »Es ist der letzte seiner Art in ganz Westeuropa«, sagt Krohn.

Es ist staubig, Rost ergreift Besitz von der riesigen Anlage mit ihren Gießpfannen, Gleisen, Arbeitsplattformen und Laufkatzen - kein Laie findet sich dort zurecht. Man kann nur ahnen, welche Hölle losbrach, wenn sich beim Abstich 1800 Grad heißer Stahl funkenstiebend aus dem Ofen ergoss. Marius Krohn ist ein sachkundiger Erklärer, obwohl er selbst noch nicht dabei war, als das Werk, in dem einst sein Großvater arbeitete, 1993 geschlossen wurde. Sein Wissen hat er von den alten Stahlwerkern, von denen viele den Kontakt halten oder im Förderverein mitwirken. Die Geschichte der Stahlerzeugung nach dem Siemens-Martin-Verfahren und die Abläufe in der Ofenhalle erläutert auch ein Film, der weit vor dem letzten Abstich am 13. Dezember 1993 entstand. Das zu energieintensive Verfahren war schließlich technisch überholt, bereits seit 1980 produzierte in der Nachbarschaft das bis heute existierende Elektrostahlwerk.

Das Industriemuseum hält manche Überraschung bereit. Eine Sonderschau erinnert an die hiesigen »Brennabor«-Werke. Das fast vergessene Unternehmen war 1925 mit 8000 Mitarbeitern der größte Automobilbauer Deutschlands. Die Marke trugen zunächst Kinderwagen, dann Fahrräder, Krafträder - und bis zur Aufgabe der Automobilproduktion 1932 auch alles in allem 70 000 Pkw.

Sehenswert ist auch die Sammlung von »Konsumgütern«, die alle DDR-Kombinate auf Geheiß der Partei- und Staatsführung für den Bevölkerungsbedarf zu fertigen hatten. Aus dem Stahlwerk kamen zum Beispiel Gartenmöbel, rot-weiße Stahlgestellsitze mit Namen wie »Boris« oder »Isabell« sowie geschweißte Garderobenständer, die bis heute in mancher Eisdiele oder Kneipe überlebt haben. Und der Pkw-Anhänger HP-500, obwohl keine Schönheit, war bei Häuslebauern ungemein beliebt.

Stadtsprecher Jan Penkawa ist wie geschaffen für seinen Job, charmant, kompetent und mitteilsam. Er ist glühender Verfechter der Kreisfreiheit von Brandenburg/Havel, die durch die geplante Verwaltungsreform zur Disposition steht. Penkawa meint, die demokratische Mitbestimmung der Bürger würde eingeschränkt werden. »Seit 1881 war unsere Stadt ununterbrochen kreisfrei«, mahnt er. Brandenburg sei Oberzentrum mit Ausstrahlung in die Region. Der Wirtschaft gehe es gut, auf etwas mehr als zehn Prozent sei die Arbeitslosigkeit gesunken. Zu Optimismus gebe die Gesundheitswirtschaft Anlass, und der Tourismusbereich werde, fußend auf den Erfahrungen mit der Bundesgartenschau, behutsam weiterentwickelt. Die Stadt profitiere von ihrer schönen Umgebung und ihrer Nähe zu Potsdam und Berlin. Sie ziehe junge Leute an. »In Brandenburg leben über 71 000 Einwohner, und erstmals wächst ihre Zahl wieder.«

Die Havelstadt hat den Grauschlei᠆er abgelegt - historische Bauten und Altstadtquartiere sind saniert, Einkaufsstraßen und Cafés zeugen von bescheidenem Wohlstand. Dabei war Brandenburg/Havel im 20. Jahrhundert zweimal die industrielle Basis weggebrochen: Im Zweiten Weltkrieg lieferte es als bedeutendes Rüstungszentrum neben Stahl vor allem Fahrzeuge (Opel, Brennabor), Bomber und Transportflugzeuge (Arado), Bahntechnik und Panzer (RAW Kirchmöser) - bei Kämpfen und durch Reparationen nach 1945 ging viel Substanz verloren. 1990 folgte eine neue Welle der Deindustrialisierung.

Dennoch wurde der Standort als einer der industriellen Wachstumskerne im Land erhalten. ZF Friedrichshafen übernahm das Getriebewerk, dessen Schaltboxen bei IFA in allen W 50 und L 60 liefen, und beliefert alle namhaften Automobilfirmen. Voestalpine baut seit 1991 in Kirchmöser Bahntechnik. 1992 ist Brandenburg Produktionsstätte der Heidelberger Druckmaschinen AG.

Die Stahltradition setzt die italienische Riva-Gruppe fort, die einst das Elektrostahlwerk gebaut hatte. Sie kaufte das Werk 1992 und modernisierte es umfassend. Bei 1,6 Millionen Tonnen Baustahl liegt die Jahreskapazität der zwei Öfen. Ganze 800 Mitarbeiter schaffen das heute.

Nächste Woche: Wittenberge

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